Der Tod der Studentin Tuğçe Albayrak ist möglicherweise auf eine mangelhafte Notfallversorgung zurückzuführen. Dabei sei "nicht alles ganz ordnungsgemäß abgelaufen", sagte ein Anästhesist des Klinikums Offenbach nach Angaben des Vorsitzenden Richters am Landgericht Darmstadt. Der Mediziner habe sich aus eigenem Antrieb bei der Polizei gemeldet und um die Vernehmung gebeten.

Die Aussage wurde den Prozessteilnehmern schriftlich vorgelegt, der genaue Inhalt wurde zunächst nicht öffentlich. Dass der Mediziner es zu diesem Zeitpunkt offenbar für notwendig befand, sich jetzt noch zu den seiner Ansicht nach fehlerhaften Abläufen im Fall Tuğçes zu äußern, sorgte für Spekulationen um eine weitere Wendung in dem Prozess: Könnte es sein, dass der Angeklagte durch die Aussage des Mediziners entlastet ist? Der Richter jedenfalls ging davon aus, dass die Aussage des Anästhesisten für das Verfahren nicht maßgeblich sei. Das Gericht hatte am fünften Verhandlungstag erstmals Zeugen gehört, die weder dem Freundeskreis Tuğçes noch des Angeklagten Sanel M. angehörten.

Sanel M. soll Mitte November vor einem Schnellrestaurant in Offenbach Tuğçe Albayrak geschlagen haben, die daraufhin mit dem Kopf auf den Boden schlug. Sie erlag später ihren schweren Verletzungen. Der Angeklagte bat zu Beginn des Prozesses um Entschuldigung und gab an, den Tod Tuğçes nicht gewollt zu haben. Der Fall hatte bundesweit eine Welle der Solidarität und eine Debatte über Zivilcourage ausgelöst.