Eigentlich will Sonia* über ihre Situation nicht öffentlich sprechen. Die Rumänin hat studiert, arbeitet in Deutschland aber als Kellnerin. Sie würde sich dabei nicht wohl fühlen. Irina*, eine andere junge Frau, kann das verstehen: "Wenn es einem schlecht geht, dann hat man nicht so viel Lust darüber zu sprechen", sagt sie. Irina absolviert gerade ihr zweites Masterstudium in Deutschland im Bereich Medienwissenschaften. Sie ist schon länger auf der Suche nach einer Arbeitsstelle. Als Kellnerin will sie aber nicht arbeiten. "Die Medien missachten uns Einwanderer pauschal und berichten auch nur Negatives über Rumänien", sagt Irina. Sie wurde schon mal gefragt, wie Leute in Rumänien so überleben. Ob sie noch Pferdekutschen benutzen? Engeren Kontakt zu Einheimischen habe sie selten.

Schon vor der Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen in der EU im Jahr 2014 zeigten die deutschen Politiker mit dem Finger Richtung Südosteuropa: "Armutszuwanderer", "wer betrügt, der fliegt!" Ein Jahr danach veröffentlichte die Friedrich Ebert Stiftung (FES) in Rumänien eine Bilanz der Situation. Informationen zum Ausmaß des Sozialbetruges in Deutschland lieferte die Kriminalstatistik der Polizei: In Wirklichkeit stammten gerade mal 141 Tatverdächtige aus Rumänien.

Dieselbe FES-Studie zeigt auch, dass der erwartete Ansturm von Einwanderern ausblieb. Die Anzahl der in Deutschland lebenden Rumänen stieg zwischen November 2013 und November 2014 zwar um 87.000 Menschen auf 352.544. Sie war aber nie unverhältnismäßig hoch. Rumänen gehören außerdem entgegen dem Vorurteil zu den am besten integrierten Ausländergruppen in Deutschland.

Alle Studien zum Thema Migration zeigten, dass die Wanderung der Arbeitskräfte für die Zielländer profitabel sei, sagt Victoria Stoiciu von der FES Rumänien. Nicht so gut sehe es hingegen in den Herkunftsländern aus: Sie verlieren Berufstätige, die noch dazu oft nie wiederkommen.

Die Auswanderung der Berufstätigen zeigt ihren Januskopf in Rumänien: Die Menschen wissen, dass es sich finanziell lohnt, im Ausland zu arbeiten. Die Migration wird außerdem von Politkern gerne hingenommen, denn das Geld, das die Auswanderer nach Hause schicken, übertrifft die ausländischen Investitionen. Gleichzeitig wird der Nachteil für das Land immer deutlicher: Familien trennen sich, Kinder bleiben alleine zu Hause.

Wer sind die Einwanderer?

Vor allem diese individuellen Dramen fänden im öffentlichen Diskurs auch ihren Raum, erzählt Stoiciu. Von der Migration der Eliten werde hingegen kaum gesprochen. Stoiciu führt dazu die Daten von Eures an, einer europäischen Arbeitsvermittlung, die zwischen 2007 und 2014 gesammelt wurden: Die Zahl der rumänischen Hochschulabsolventen, die im Ausland eine Arbeitsstelle gefunden haben, hat sich in dem Zeitraum verdoppelt.

Der Brain Drain zeigt sich aber besonders stark in einzelnen Sektoren: "Am meisten werden im Ausland Ärzte und IT-Spezialisten gesucht", sagt Stoiciu. Und tatsächlich wandern besonders viele Ärzte und Krankenschwestern aus. Zahlen gibt es darüber in Rumänien nicht, aber eine Auswertung der Bundesärztekammer zeigte letztes Jahr, dass die meisten ausländischen Ärzte, die in Deutschland tätig sind, aus Rumänien kommen.

Das spüren auch die Rumänen. Mittlerweile rangiert Rumänien im europäischen Vergleich auf einem der letzten Plätze, was die Ärztezahl pro 1.000 Einwohner betrifft. Vor der Migration der Ärzte warnt das rumänische Ärztekolleg seit fast zehn Jahren: "Allerdings wurden keine Maßnahmen getroffen, um den Zusammenbruch des Gesundheitswesens zu stoppen", sagt der Vorsitzende des Ärztekollegs Vasile Astărăstoae. 26.000 Ärzte werden in den rumänischen Krankenhäusern gebraucht. Vor fünf Jahren arbeiteten dort etwas mehr als 20.000, heute sind es nur noch 13.500. Außerdem steigt das durchschnittliche Alter eines Arztes in Rumänien kontinuierlich.

* Name geändert