In Berlin wollen sie nun Kindern das Betteln verbieten. Ob die Ordnungsämter das überhaupt durchsetzen können und ob es klug ist, ausgerechnet Bettlern mit Geldstrafen zu drohen, soll hier nebensächlich sein. Es soll stattdessen um den Anspruch auf totales Mitgefühl gehen und die inzwischen lauten Gegenreaktionen.

Arme Kinder, mit nackten Füßen und nur in eine Decke eingewickelt, sind noch bemitleidenswerter als arme Erwachsene und deshalb wirkungsvollere Bettler. Auf dem Markt für Aufmerksamkeit, auf dem um Mitgefühl und damit Spenden konkurriert wird, sind bettelnde Kinder, ökonomisch gesprochen, ein verdammt gutes Angebot.

Nüchtern betrachtet ist Folgendes geschehen in den vergangenen Jahrzehnten: Mit der Globalisierung hat sich nicht nur der Verkehr der Waren weltweit ausgedehnt, sondern auch der Austausch der Informationen und Bilder und damit der Emotionen, die diese auslösen. Die Globalisierung ist auch eine Globalisierung des Gefühls. Erdbeben in Nepal, Hinrichtungen in Syrien, Flüchtlingsleichen im Mittelmeer (oder vor dem Reichstag), Vergewaltigung im Stadtpark: medial vermittelt dringt all das an uns heran, kitzelt unser Mitgefühl und verlangt emotionale Beteiligung. Die Bettler haben längst harte Konkurrenz.

Historisch und psychologisch betrachtet ist das eine neue Herausforderung. Mindestens bis weit ins 19. Jahrhundert hinein verlangte nur das direkte Umfeld nach emotionaler Beteiligung. Einfach deshalb, weil es ein weiteres, gar ein globales Umfeld, nicht gab. Ein Leben im immer gleichen Dorf unter den immer gleichen Menschen, in dem Fremde ein seltenes Ereignis sind: das war bis weit in die Moderne hinein der Normalfall. Für Menschen und Ereignisse am anderen Ende der Welt brauchte man keine Gefühle entwickeln, weil man von ihnen ganz einfach nichts wusste.

Dass es damit nun vorbei ist, ist allerdings nicht nur eine rein technologische Entwicklung, sondern auch eine moralische. Die Aufklärer wollten im 18. Jahrhundert die Menschen aus ihren Sitten und Zwängen befreien, aus den engen Gehäusen der religiösen und ständischen Vorschriften. Wenn aber nun alle gleich waren in ihrem Menschsein, mussten auch für alle die gleichen Regeln gelten: "Es gibt nur eine einzige Moral, so wie es nur eine Geometrie gibt", verkündete Voltaire 1767. Von diesem Ausspruch verläuft eine direkte Linie zur Erklärung der Menschenrechte, die den universellen Humanismus, also die Gültigkeit dieser Moral in der ganzen Welt postuliert. So wie ja auch die Regeln der Geometrie weltweit gelten. 

Menschlichkeit verdampft

Doch anders als die Geometrie funktioniert Moral nicht von allein, sondern muss von Menschen durchgesetzt werden. Theoretisch müssen wir also das Leid am anderen Ende der Welt genauso fühlen wie das bei uns zu Hause. Räumliche Nähe darf keine Kategorie mehr sein, wenn die gesamte Menschheit in Brüderlichkeit vereint ist. Vor ein paar Tagen hat der indische Nobelpreisträger und Kinderrechtler Kailash Satyarthi auf dem evangelischen Kirchentag diesen ungeheuren Anspruch wieder ausformuliert: "Sie sind Deutsche, Sie sind Europäer, aber Sie sind auch Weltbürger und damit verantwortlich für die Probleme dieser Erde."

Dem sind wir offenbar nicht gewachsen. Rousseau schrieb: "Allem Anschein nach verdampft das Gefühl der Menschlichkeit und wird schwächer, indem es sich über die Erde ausdehnt, und es ist uns nicht gegeben, von den Unglücksfällen bei den Tartaren oder in Japan ebenso berührt zu werden wie von dem, was einem europäischen Volk zustößt." Letztlich ist es jedes Mal, wenn wir an einem Bettler einfach vorbeigehen, ein Verrat an der totalen Mitmenschlichkeit.

Aus der Differenz zwischen dem Ideal und unserer beschränkten Fähigkeit zur Empathie ergibt sich also ein ständiges Ungenügen. Ein persönliches, bei jedem Elend, für das wir uns nicht unmittelbar einsetzen. Und ein institutionelles, bei den Organisationen, an die wir unsere Mitmenschlichkeit delegiert haben, und die doch nur so mitmenschlich sein können wie wir selbst. Noch immer sind nicht alle Hungernden gesättigt, alle Opfer versorgt und alle Kriege verhindert. Jeden Tag versagt die Weltgemeinschaft aufs Neue.

Rückzug in den Nahbereich

Was hat all das nun mit dem geplanten Berliner Bettelverbot zu tun? Das Gesetz lässt sich, gerade, weil es nicht das einzige seiner Art ist, als Reaktion auf die eben beschriebene Überforderung deuten. Lasst uns mit eurem Elend in Ruhe! In Österreich, in Norwegen und an anderen Orten des Wohlstands wurden in den vergangenen Jahren Bettelverbote beschlossen oder diskutiert. In Bochum hat ein Probst schon vor Jahren ein Schild vor seiner Kirche aufgebaut: "Betteln und hausieren auf dem Kirchplatz verboten." Drinnen sammeln sie beim Gottesdienst weiter die Kollekte. Man könnte von einer Kapitulation vor dem Anspruch auf universellen Humanismus sprechen.

Überall sind Versuche zu beobachten, das Feld, für das man sich gefühlsmäßig zuständig sieht und in dem man also durch richtiges Handeln für Moral einsteht, wieder deutlicher und – meistens – enger abzustecken. Wenn Pegida-Anhänger gegen Flüchtlinge und deren Versorgung durch den Staat das Argument anbringen "Aber bei uns ist der Straßenbelag kaputt", dann lässt sich das als so ein Verengungsversuch deuten. Ebenso der mediale Trend zum Rückzug in den Nahbereich: Der Erfolg des idyllischen Bastelheftchens Landlust ist dafür nur ein Beispiel.

Schlimmstenfalls folgt aus diesen Tendenzen die Reprivatisierung des Mitgefühls: Jeder fühlt allein für sich, vielleicht noch für ein, zwei Familienmitglieder und am Wochenende für den Fußballclub. Andere basteln sich einen globalen, aber doch beschränkten Horizont: Mitgefühl für die ausgebeuteten Kaffeebauern in Südamerika, aber nicht für die Sklaven der iPhone-Fabriken in China. Oder andersherum. Wie man fühlt, fühlt man falsch.

Dieses Ungenügen auszuhalten, das ständige Scheitern am Anspruch zu ertragen, ist aber der – ausnahmsweise – alternativlose Weg. Dass es kein totales, universelles Mitgefühl geben kann, ist kein Grund, taub zu werden.