Frage: Herr Ramelow, ich erwische Sie zwischen Kirchentag und Parteitag. Wo fühlen Sie sich wohler?

Bodo Ramelow: Ich fühle mich beim Kirchentag so wohl wie beim Parteitag. Die Grundlinien dessen, was ich hier in Bielefeld sage, unterscheiden sich nicht zu dem, was ich auch bei meiner Bibelarbeit in Stuttgart gesagt habe. Was ich zu sagen habe, variiert nicht vor verschiedenem Publikum. Ich bin der Meinung, dass Themen wie etwa die Rückeroberung des Öffentlichen und eine klarere Perspektive auf die Arbeitszeitverteilung zum Beispiel bei den Lokführern in einer Bibelarbeit so gut platziert sind wie in einer Parteitagsrede. Weil sie mein Bild auf Gesellschaft und Menschen ausdrücken.

Frage: Würden Sie denn auch beim Parteitag eine Bibelarbeit halten?

Ramelow: Nicht wirklich. Die Zahl derer, die darauf erpicht sind, von mir eine Bibelarbeit zu hören, ist auf dem Parteitag durchaus geringer. Aber wir haben auf dem Rostocker Parteitag 2010 Ernesto Cardenal zu Gast gehabt. Er hat seine Sicht auf die kapitalistischen Strukturen der Welt aus dem Matthäusevangelium erläutert. Das fand ich sehr spannend. Und der Parteitag hat ihm sehr aufmerksam zugehört. Ich hab noch nie einen Parteitag erlebt, der so still war wie bei seinem Auftritt.

Frage: Ist die Linke christlicher geworden?

Ramelow:Die Linke schließt nicht aus, sich auch auf diese Wurzeln zu besinnen. Karl Marx hat ja auch viele Anleihen aus lutherischer Betrachtung gezogen. Die Schriften von Marx und Engels sind ja sehr geprägt aus den Betrachtungen der Texte des Alten und Neuen Testaments.

Frage: Werden Marx und Engels fälschlicherweise als Religions- und Kirchenkritiker gelesen?

Ramelow: Gegen Kirchen- und Religionskritik hätte ich ja nichts einzuwenden. Sie werden aber meistens als atheistisch oder kirchenfeindlich gesehen. Das hängt aber auch ein Stück weit mit der Herkunft der Linken aus der DDR und der SED zusammen. Das verdeckt aber, dass es in der Linken viele Christinnen und Christen gibt und auch in der PDS schon immer gab. Und es gibt ja auch im Westen eine Nach-Achtundsechziger-Phase, die sehr kirchenfeindlich geprägt ist. Auch das ist ein Teil des linken Spektrums. Kirchen- und Religionsfeindliches ist aber durchaus auch in anderen deutschen Parteien anzutreffen.

Frage: Ist der Kirchentag ein verkapptes linkes Protestcamp?

Ramelow: Das war er einmal. Der Kirchentag in Stuttgart war als religiöses Fest sehr schön zu erleben, aber kapitalismuskritisch war er eher weniger. Ich habe die letzten Kirchentage immer sehr aktiv begleitet. Da ist Papst Franziskus mit seiner Denkschrift wesentlich kapitalismuskritischer.

Frage: Sie spielen auf "Evangelii gaudium" an?

Ramelow: Ja.

Frage: Franziskus ist ja nun überhaupt kein Protestant.

Ramelow: Ich halte Papst Franziskus für einen Protestanten. Als Repräsentant der katholischen Weltkirche, aber aus der lateinamerikanischen Perspektive, protestiert er gegen das, was die nördliche Halbkugel versucht als Selbstverständlichkeit zu leben. Und diese Selbstverständlichkeit neigt dazu, Armut auszublenden. Das tut Franziskus nicht.

Frage: Wäre Franziskus Mitglied einer Partei, wäre er Mitglied der Linkspartei?

Ramelow: Die Zuordnung zu einzelnen Parteien ist mir da zu wenig. Franziskus, als Oberhaupt der katholischen Kirche, repräsentiert einen neuen Anstoß der Reformation in der katholischen Kirche. Reformation im Sinne der Reform. Ich glaube, die katholische Kirche hat danach gelechzt, dass man sich auf die globale Perspektive einlassen muss. Und das kann man nicht aus Sicht der römischen oder aus der Sicht der nördlichen Halbkugel machen. Deshalb geht es nicht darum, welcher Partei er sich zuordnet. Es muss endlich wieder darüber geredet werden, dass Flüchtlingsströme Fluchtursachen als Grundlage haben. Da legt Franziskus mit seinen Denkanstößen den Finger in die Wunde globaler Verwerfung.

Ich bin nicht Protestant in Gegnerschaft zum Katholizismus.
Bodo Ramelow

Frage: Repräsentiert er damit auch die Protestanten?

Ramelow: Er repräsentiert erst einmal den christlichen Glauben. Davon fühle ich mich mit repräsentiert. Ich bin nicht Protestant in Gegnerschaft zum Katholizismus. Ich bin Protestant, weil ich mich auf eine besondere Form der Reform und der Reformation beziehe. Das ist nicht einfach Luther. Das bedeutet, dass wir unseren christlichen Glauben immer selbst erobern müssen. Diese Form der Direktverantwortung, die spüre ich zunehmend bei Franziskus. Er gibt mir, 500 Jahre nach der Reformation, auch als Ministerpräsident von Thüringen viel mehr Denkanstöße. Die Gefahr, dass ich zur römisch-katholischen Kirche übertrete, besteht allerdings nicht.

Frage: Würde Luther begrüßen, was Franziskus sagt?

Ramelow: Ich denke Ja. Wobei dann eine Frage aufgeworfen wird, die wir debattieren müssten – dann aber bitte mit Luther, Müntzer und auch Zwingli: Was bedeutet Reformation 500 Jahre nach der Reformation? Mit den Verwerfungen, die vor 500 Jahren zum Dreißigjährigen Krieg geführt haben? Man darf nicht ausblenden, dass nach der Reformation im Namen der Religion mit dem Dreißigjährigen Krieg eine der größten Verheerungen über den europäischen Kontinent hereinbrach. Die gleiche Problemstellung haben wir offensichtlich heute zwischen Sunniten und Schiiten. Wie gehen wir damit um, dass Religion niemals mehr Teil des Problems, sondern immer Teil der Lösung sein muss?