Ich mag Kaugummis, besonders beim Schreiben. Sie üben eine beruhigende Wirkung aus. Aber Kaugummis in Rio de Janeiro kaufen – das ist nicht ganz so beruhigend. Ich war eigentlich schon ganz vorne in der Schlange, die blau-weiße Pappschachtel mit den silbrig aufgedruckten Pfefferminzblättern war in Griffweite, aber da stellte sich ein älterer Herr vor mich. In der Hand einen Warenkorb voller Seife. Dann stellte sich hinter den älteren Mann, aber vor mich, eine ältere Dame. Sie nickte dem Herrn freundlich zu. "Wenn man Rechte hat, dann muss man auch für sie kämpfen!", sagte sie. Der alte Mann sagte nichts, er war schon dran und bezahlte seine Seife.

So ist das in Brasilien: Ältere Menschen dürfen sich vorne in die Schlange stellen. Oder sie nutzen eine bevorzugte Extraschlange. Das ist im brasilianischen Bundesgesetz festgehalten. Das Mindestalter wurde vor einiger Zeit von 65 Jahren auf 60 Jahre gesenkt. Eine gut gemeinte Regelung, denn seither müssen weniger Senioren (sowie Kranke und Schwangere) in brütender Hitze ausharren. Zu viele wurden in der Vergangenheit ohnmächtig.

Das Gesetz hält allerdings nicht nur das Leben der werktätigen Bevölkerung auf, die gerne zwischendurch ein paar Kaugummis kaufen würde. Bisher konnte Brasilien sich das liebevolle Umhegen seiner Senioren gut leisten: Es gab von ihnen nicht so viele, relativ betrachtet. Brasilien ist ein Land mit vielen jungen Leuten, die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter steigt sogar noch – einer der Gründe, dass Brasilien hofft, "Land der Zukunft" zu sein. 

Anders als in Europa, Japan und sogar den USA, wo immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner durchbringen müssen, kommen auf 100 Brasilianer heute 69 im arbeitsfähigen Alter. In Deutschland sind es noch rund 61 Prozent, bis 2030 soll dieser Wert aber auf gut 50 Prozent zurückgehen.

Aber in Brasilien beginnt bald ebenfalls ein gesellschaftlicher Alterungsprozess. Demografen schätzen, dass ab 2023 der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter fällt, dass also die Alten relativ gesehen mehr werden. Für Brasilien ist das eine besonders schlechte Nachricht. Denn die Industrieländer Europas und Asiens haben es in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, durch Bildung, Technologie und eine gute Infrastruktur die arbeitende Bevölkerung besonders produktiv zu machen. Da können wenige Berufstätige viele Alte durchbringen. In Brasilien ist das nicht im gleichen Maße geschehen: Das Land liegt in allen drei Bereichen zurück und wird die demografische Entwicklung stärker spüren.

Deshalb gibt es jetzt neue Debatten in Brasilien. Etliche Demografen und Ökonomen haben sich mit Warnungen zu Wort gemeldet. Die im Vergleich zur Wirtschaftsleistung hohen Renten im Land und die sonstigen Zahlungen für andere Erwerbsunfähige würden kaum zu halten sein, warnte kürzlich auch ein Bericht der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Depal). Das brasilianische Institut für Geografie und Statistik (IBGE) stellte fest: Brasilien muss künftig mehr in Gesundheit und Sozialdienste für Senioren investieren.

Mit ein paar Gesetzen gegen das Schlangestehen ist es demnächst nicht mehr getan: Brasilien muss sich auf ein Zeitalter der Senioren einstellen, mehr Geld dafür zurücklegen und bessere Einrichtungen schaffen.