Der Eurocity 88, der von Verona nach München fährt, hat oft Verspätung. Auch der EC 86 von Venedig und der EC 188 von Bologna kommen immer wieder zu spät in München an. Der Grund sind polizeiliche Ermittlungen, sagt die Bahn. 

Hinter der lapidaren Zwei-Wort-Floskel verbergen sich Dramen. Denn "polizeiliche Ermittlungen" ist die Umschreibung dafür, dass viele illegale Einwanderer versuchen, mit diesen Zügen nach Deutschland einzureisen, und dann bei Kontrollen auffallen. Allein am Pfingstwochenende registrierten Beamte der Bundespolizei in diesen drei Zügen insgesamt 370 Menschen, die ohne Aufenthaltserlaubnis ins Land gelangen wollten. 

Sie kommen aus Eritrea, Somalia, Ghana, aus Syrien, Libyen, Afghanistan. Sie haben lange und lebensgefährliche Touren hinter sich. Ihr letzter Abschnitt führt sie oft über die österreichisch-deutsche Grenze zwischen Kufstein und Rosenheim. Die Bundespolizei nennt es die zentralmediterrane Route: über Nordafrika nach Griechenland oder Italien, dann per Zug nach Österreich und letztlich nach Deutschland. 

Viel wird über Menschen wie sie debattiert. Weil es viele sind, weil sie auf dem Weg nach Europa in der Wüste und im Mittelmeer sterben, weil sie in Containern leben müssen, wenn sie es bis hierher geschafft haben. Kommunen fordern Milliarden vom Bund, um sie unterzubringen. Manche demonstrieren auf der Straße, aus Angst vor den Fremden und davor, Wohlstand zu verlieren und mit neuen Menschen auch neue Kriminalität ins Land zu bekommen. 

Angst ist ein guter Warner, aber ein schlechter Ratgeber. Wer politisch handeln will, braucht Fakten, nicht Gefühle. 

Einer, der solche Fakten täglich sammelt, ist Dieter Romann. Groß, massig, breiter Rücken, kräftiger Händedruck, steht er in seinem Büro im Bundespolizeipräsidium in Potsdam am Fenster und schaut auf die Bäume davor. Romann hat schon auf vielen Positionen im Innenministerium gearbeitet, seit 2012 ist er Präsident der Bundespolizei. Er befehligt 40.000 Polizistinnen und Polizisten, deren Job es ist, an Flughäfen und Bahnhöfen illegale Einwanderer zu finden. "Wir sind im dritten Jahr in Folge Hauptzielland illegaler Migration", sagt Romann. Und dann sagt er noch einen Satz: "Die Ursachen setzen wir selbst." 

Asyl ist ein Menschenrecht, Deutschland hat es sich in den Paragrafen 16 des Grundgesetzes geschrieben. Doch einfach ist das alles nicht. Seit 2010 steigt die Zahl derjenigen wieder, die in Deutschland Asyl suchen. Damit verbunden wächst die Menge der illegalen Einwanderer stetig. 32.500 wurden 2013 in Deutschland festgestellt. 2014 waren es nahezu doppelt so viele, hat die Bundespolizei gezählt. In diesem Jahr werden es wohl noch mehr werden. 

Deutschland sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zu attraktiv, sagt Romann. Asylsuchende bekämen hier vom ersten Tag an Hartz IV. "Das sind 100 Euro mehr, als ein albanischer Polizist im Monat verdient." Andere EU-Länder, die vor allem Sachleistungen gewährten, wirkten weniger anziehend. Dauerten die Asylverfahren zu lange, erhöhe das die Attraktivität zusätzlich. Romann findet es daher richtig, dass Innenminister Thomas de Maizière das Asylverfahren beschleunigen will, dass er offensichtlich unbegründete Anträge beispielsweise von Menschen aus dem westlichen Balkan schneller bearbeitet, diese Menschen schneller wieder abgeschoben sehen will. 

Denn neben der zentral-mediterranen Route gibt es noch eine zweite, die nach Deutschland führt: die sogenannte Westbalkan-Route. Ausgangspunkt sind Länder wie Albanien oder Kosovo. Die Menschen von dort kommen nicht, weil sie vor Krieg und Verfolgung fliehen. Sie kommen, weil das wirtschaftliche Gefälle so groß ist und Deutschland im Vergleich zu ihren Ländern so reich. Romann nennt sie Armutsmigranten.

Viele Asylanträge sind chancenlos

Sie beantragen zu Tausenden Asyl, obwohl ihre Anträge keine Chance haben. Bis April wurden bereits 114.125 Asylanträge registriert. Ein sehr großer Teil davon, 47.852 oder 42 Prozent, wurde von Menschen aus dem Kosovo, aus Albanien, Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina gestellt. Die Bundespolizei würde es am liebsten sehen, wenn Anträge aus diesen Ländern sofort abgelehnt werden könnten. 

Das ginge, würde Deutschland diese Länder wie EU-Mitglieder als "sichere Drittstaaten" behandeln. Nach dem sogenannten Dubliner Übereinkommen ist es eigentlich heute schon für jeden, der auf dem Landweg nach Deutschland reist, praktisch unmöglich, hier Asyl zu beantragen. Denn das geht nur in dem europäischen Land, auf dessen Boden der Flüchtling zuerst seinen Fuß setzt. 

Im Zweifel ist das zurzeit Italien. Doch Italien ist weniger attraktiv und außerdem schon mit den Menschen überfordert, die über das Mittelmeer fliehen. So reisen viele weiter bis nach Rosenheim, und die Italiener lassen es zu. Wegen eines bilateralen Abkommens zwischen Wien und Berlin dürfen sie auch nicht wieder nach Österreich zurückgeschickt werden. Also bleiben sie.