Seit gut einem Jahr verfolge ich in meiner Nachbarschaft, wie eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien allmählich an ihrem Retterland Deutschland verzweifelt. Das ist nicht ihre Schuld. Es fehlt weder an Ehrgeiz noch an Freiheit. Sie kamen als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland, das heißt, sie hatten von Anfang an einen Aufenthaltstitel und eine Arbeitserlaubnis. Die drei Kinder, Anfang 20, wollten in ihrer Heimat Damaskus eigentlich studieren. Der Vater war ein erfolgreicher Ingenieur mit einer eigenen Tiefbaufirma.  

Nach einem Jahr in Deutschland sagen die Fünf, dass das Nichtstun, die Langeweile, das Nichtdabeiseinkönnen ihr größtes Problem sei. Dabei tun sie, was sie können – oder besser: sollen. Sie fahren jeden Tag zu einem mehrstündigen Deutschkurs, den das Land Schleswig-Holstein ihnen bezahlt.

Das Resultat ist recht kläglich; eine ernsthafte Unterhaltung auf Deutsch ist noch immer nicht möglich, wirklich entscheidende Fragen müssen auf Englisch geklärt werden. Na ja, sagt einer der Söhne, als ich ihn frage, warum es mit dem Deutsch nicht richtig vorangeht, es säßen eben auch Leute in dem Kurs, die nicht so richtig ambitioniert seien, ein Russe etwa, der seit zehn Jahren hier lebe und noch immer kaum ein Wort Deutsch spreche. Die Tochter der Familie wollte studieren, in Hamburg. Jetzt ist sie froh, ein Praktikum bei einem Zahntechniker gefunden zu haben.  

Der Vater, ein klassischer aber fröhlicher Patriarch, der die Familie nicht zuletzt durch Humor zusammenhält, hat lange gebraucht, um seinen Traum zu begraben: in Deutschland als Ingenieur arbeiten zu können. Ohne sicheres Deutsch keine Chance.

Neulich saßen wir beim Essen bei ihnen zu Hause, als ich eine Veränderung bemerkte. Eine Art trotziger Gründergeist lag in der Luft. Ich hatte mir gerade die Hände abgewischt und angemerkt, dass dieser Kebab (absolut zutreffend) der beste gewesen sei, den ich je nördlich von Beirut gegessen habe, als der Vater nickte und sagte: "Ja. So was gibt es hier weit und breit nicht." Darüber hätten sie auch schon nachgedacht.

Seine Frau und er sind ernsthaft gute Köche. Beim Tee auf dem Sofa heben plötzlich die Gedanken ab. Wie wär's mit einem Restaurant? Schwierig, hohe Startkosten, viel Bürokratie, zu kleiner Kundenkreis hier oben auf dem Land.

Ein Lieferservice? "Alle könnten helfen", sagt der Vater und schwenkt den Arm durchs Wohnzimmer. Lächelnde Gesichter. "Die Leute hier stehen eher auf Pizza", wiegele ich ab.

Aber wie wäre es denn mit etwas, mit etwas, der Vater sucht das richtige Wort, Mobilem, einem Anhänger, aus dem heraus man verkaufen könnte? "Klar", sage ich, "ein Imbisswagen mit wirklich gutem Kebab, nicht diesen Pressfleischdönern, das wär was". "Imbisswagen", wiederholt der Vater langsam. Ich merke, er ist begeistert, traut sich aber nicht recht, das Gefühl rauszulassen. "Das müsste doch gehen", sagt er. Man könnte im Sommer von Strand zu Strand fahren und die Leute versorgen. Der älteste Sohn wird enthusiastisch. "So was zu bauen ist doch bestimmt nicht so teuer, oder?", fragt er. Einen Imbisswagen? "McDonald's hat auch so angefangen!", sagt der Vater und lacht.

Zum ersten Mal erlebe ich die Familie nicht abwartend, sondern anpackend, und sei es erst einmal nur in Gedanken. Die Idee, wieder Herr über ihr eigenes Schicksal zu werden, hat etwas Befreiendes.

"Ihr müsst zur Existenzgründerberatung", sage ich. "Wohin?", fragen sie. Flüchtlingsberatung. Sozialamt. Landesinnenministerium. Diese Wörter kennen sie. Von Existenzgründung hat ihnen bisher niemand was gesagt.

Dabei wissen die Flüchtlingsbetreuer in den Rathäusern und Kreisämtern doch, dass es nur selten sinnvoll ist, darauf zu warten, dass Flüchtlinge vom Arbeitsmarkt absorbiert werden. Statt zu versuchen, sie passend zu machen und durch Anforderungsprofile zu pressen, wäre es in vielen Fällen wahrscheinlich lohnender, ihnen bei einer eigenen wirtschaftlichen Entfaltung zu helfen. Die Selbständigkeit dürfte für viele Flüchtlinge die beste aller Jobformen sein. Nichts wirkt so integrierend wie Arbeit, nichts so anspornend wie ein eigenes Projekt, und für den Spracherwerb nichts so motivierend wie ein klares Ziel.

Statt ambitionierte Flüchtlinge jahrelang durch wenig effiziente Sprachkurse zu schleifen, wäre es sinnvoller – und billiger – mit ihnen möglichst früh realistische Jobperspektiven durchzugehen. Was könnt ihr? Was wollt ihr? Verspricht das Erfolg? Dann helfen wir euch.

Eine solche Neuausrichtung mag für den ein oder anderen, der hier Arzt oder Architekt werden wollte, erst mal desillusionierend sein. Aber über viele Monate zu merken, dass ein ursprünglicher Lebensplan verkümmert, ist schlimmer.
Vielleicht werden die Kinder meiner Nachbarsfamilie nie studieren, obwohl sie in Syrien erstklassige Schüler waren. Vielleicht schaffen das hier erst ihre Kinder. Na und? Für ein erfülltes Leben sind Abschlüsse nicht so wichtig wie richtige Entschlüsse. Auch das sollte der Staat denjenigen sagen, denen er helfen will, hier anzukommen.