Um 3.30 Uhr klingelte an einem Junimorgen das Alarmphone mit der Nummer + 334 86 51 71 61. "Ich bin mit 40 Personen auf einem Gummiboot in der Nähe der griechischen Insel Chios. An Bord befinden sich auch drei Babys. Der Motor ist kaputt gegangen", sagte der Anrufer. Am anderen Ende war ein ehrenamtlicher Helfer. Er rief sofort die griechische Küstenwache an und erfuhr, dass gleich mehrere Flüchtlingsboote vor Chios in Seenot geraten waren. Stundenlang konnten die Aktivisten des Alarmphones den Mann auf dem Boot nicht mehr erreichen. Die Küstenwache sagte zwar, dass ein Boot angekommen sei. Ungewiss blieb aber, ob es das Boot war, das den Notruf abgesetzt hatte. Am frühen Nachmittag rief der Passagier zurück: Alle im Boot hatten die Insel endlich erreicht, ohne Hilfe der Küstenwache.

Von diesem Fall erzählt Sophie Hinger, eine von fast 80 Aktivisten des Alarmphones. Einmal pro Woche ist sie für acht Stunden in Alarmbereitschaft. Die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer vom Alarmphone können zwar selbst keine Flüchtlingsboote retten. Sie alarmieren aber, wie auch in diesem Fall, die nationalen Küstenwachen in Spanien, Italien oder Griechenland. Sie beobachten die Rettung der Boote über Satellitenbilder, halten Kontakt zu den Flüchtlingen auf dem Wasser, zu Kontaktpersonen und zur Küstenwache.

Wenn die Rettungsboote gar nicht erst losfahren, versuchen sie außerdem öffentlich Druck zu machen und damit eine Rettung zu erzwingen. "Einmal ist die italienische Küstenwache nicht ausgerückt. Wir haben über soziale Netzwerke dazu aufgerufen, Mails an sie zu schreiben. Innerhalb weniger Minuten sind dort über 100 Nachrichten eingegangen, in denen gefordert wurde, die Leute auf dem Boot zu retten", erzählt Hinger, die sich seit 2009 bei der Gruppe Borderline Europe engagiert, die das Alarmphone mitbegründet hat. Die Küstenwache habe die Flüchtlinge schließlich doch gerettet, sagt sie – nach einem Anruf beim Alarmphone, die Mailflut sofort zu stoppen.

In den Herkunfts- und Transitländern verteilen Aktivisten die Nummer des Alarmphones auf türkisblauen Visitenkarten. Außerdem spricht sie sich herum: Verwandte und Freunde der Flüchtlinge reichen sie weiter oder posten sie in sozialen Netzwerken.

Alarmphone kam nach dem Ende von Mare Nostrum

Kurz nachdem im vergangenen Jahr Italien die Seerettungsmission Mare Nostrum eingestellt hatte, haben verschiedene Initiativen, die sich schon seit Jahren in der Flüchtlingsarbeit engagierten, gemeinsam das Alarmphone gegründet. "Ausschlaggebend für uns waren auch die Lampedusa-Tragödie 2013, die Schüsse auf schwimmende Flüchtlinge und der Left-to-die-Boat-Case, als 63 Flüchtlinge nach einer 14-tägigen Odyssee auf dem Mittelmeer starben", sagt Hinger.

Seit Oktober 2014 wird das Telefon rund um die Uhr von Ehrenamtlichen betreut. "Unsere Nummer muss immer erreichbar sein", sagt Hinger, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück arbeitet. Das Alarmphone sei auch eine Form des Protests für mehr Bewegungsfreiheit und gegen die Politik der europäischen Staaten. Denn diese hätten sich mit völkerrechtlichen Verträgen zur Seenotrettung verpflichtet – und kämen dem nicht nach.