© Michael Herdlein

Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Im Cliffhanger der letzten Woche hatte ich angekündigt, dass es heute um die Richterkarriere im engeren Sinn gehen werde. Nun ist etwas dazwischen gekommen, und ich muss ein Intermezzo einschieben. Es befasst sich mit dem Verhältnis von universitärer Lehre und juristischer Ausbildung. Beide Begriffe verwende ich ohne Anführungszeichen, in vollem Wissen um all die Fragen, die sogleich aus dem Erdinneren an die Oberfläche brodeln mögen …

Ausbildungsreform

Am letzten Donnerstag hat der Kolumnist an einer Podiumsdiskussion an der Universität Bielefeld teilgenommen. Das Thema: Reform der Juristenausbildung – Überflüssig? Überfällig? Podium: Ein Journalist (kritisch), eine Bundestagsabgeordnete mit Hauptberuf Rechtsanwältin (Familienrecht), ein Rechtsanwaltskammerpräsident (ernst), der Präsident eines Landesjustizprüfungsamts (noch ernster), eine Studentin vom Bundesverband Jura-Fachschaften (jung), ein Bundesrichter (ich). Moderator: Ein Professor für Anwaltsrecht. Auditorium: 70 interessierte Profis. Im Geiste nahmen teil: 15.000 Richter, 5.000 Staatsanwälte, 165.000 Rechtsanwälte, 110.000 Jurastudenten, 1.000 Jura-Professoren. Wie immer waren alle "schwarzen Schafe" aus den genannten Professionen (um die es auch diesmal ging) wieder zu Hause geblieben; im Saal fanden sich daher ausschließlich Vertreter(innen) der weißen. Alle Anwesenden hatten das Zweite Staatsexamen abgelegt oder waren guten Mutes, dies demnächst tun zu wollen. Dementsprechend waren die Stimmung: entspannt ("ein guter Jurist hat noch immer seinen Platz gefunden"), das Niveau: angemessen ("wir haben keine Anwaltsschwemme, sondern einen Anwaltsmangel") und die Rettung nahe (" … das Büffet ist eröffnet").

Ergebnis: Man weiß es nicht genau. Die Erforderlichkeit einer (weiteren) "großen Reform" der Juristenausbildung sollte diskutiert werden – nach den "großen" Reformen von 1994 und 2002, und einer irgendwann kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg anzusiedelnden "Reformphase der 70er Jahre" (gern auch genannt: "Phase überzogener Reformeuphorie").

Das Aller-, Aller-, Allergrößte, was sich die Ausbildungsprofis im schönen Plenarsaal des Bielefelder Zentrums für interdisziplinäre (!) Forschung (!) – ZIF – an diesem lauen Sommerabend vorzustellen vermochten, sind Vorschläge von der intellektuellen Wucht einer "Reduzierung der bestehenden 351 Schwerpunktbereiche" und einer "Intensivierung der praktischen Orientierung". Gern genannt wurde auch eine "Intensivierung der Methoden- und Grundlagenausbildung". Das fand auch die bezaubernde Vertreterin des Bundesverbands der Jura-Fachschaften: Sie wünschte sich mehr Grundlagenausbildung, insbesondere aber auch mehr Praxisbezug. Man muss ihr danken, dass sie sich traute, dies zu sagen.

Der Präsident eines Landesjustizprüfungsamts teilte mit, er halte die derzeitige Form der Ausbildung und Prüfung für ausgezeichnet, vor allem in dem Bundesland, in welchem er die Verantwortung dafür trage. Der Präsident einer Rechtsanwaltskammer teilte mit, er halte die Qualifikation der übergroßen Mehrzahl seiner Anwaltskollegen für beeindruckend gut. Die weniger guten fänden problemlos Unterschlupf als Schadenssachbearbeiter bei Versicherungsgesellschaften.

Die Politikerin der "Grünen" teilte mit, sie sei Rechtsanwältin und verwehre sich – "das muss jetzt aber mal gesagt werden!" – gegen die Behauptung, alle Rechtsanwälte seien dumm. Da klatschten die Anwaltsvertreter in die Hände und nickten mit den Köpfen! War eine solche Behauptung von irgendjemandem im Raum auch nur angedeutet worden? Arm in Arm in Arm mit den ungenannten Nachtmahren ihrer Partei kämpfte die Abgeordnete den großen Kampf der FDP um das Wohl der Wirtschaftskanzleien und der Einzelkämpferinnen aus Marklohe.

Der kritische Journalist – der pensionierte ARD-Moderator Joachim Wagner –, der ein interessantes Buch über Mangelhaftigkeit und systematische Fehlsteuerung der Anwaltsausbildung geschrieben hat, durfte zweimal sagen, dass er das Bild des "Einheitsjuristen" (also die gemeinsame Ausbildung aller juristischen Berufe nach den Anforderungen des Richterberufs, den dann doch nur eine kleine Minderheit ergreift) für zweifelhaft halte. Ihm wurde erwidert, die Justizministerkonferenz habe vor 13 Jahren das Gegenteil beschlossen.

Im Bielefelder Auditorium saßen, verstreut, ein paar Professoren. Die Mehrzahl brach früh auf. Manche blieben zum Abendessen.