© Michael Herdlein

Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Im Cliffhanger der letzten Woche hatte ich angekündigt, dass es heute um die Richterkarriere im engeren Sinn gehen werde. Nun ist etwas dazwischen gekommen, und ich muss ein Intermezzo einschieben. Es befasst sich mit dem Verhältnis von universitärer Lehre und juristischer Ausbildung. Beide Begriffe verwende ich ohne Anführungszeichen, in vollem Wissen um all die Fragen, die sogleich aus dem Erdinneren an die Oberfläche brodeln mögen …

Ausbildungsreform

Am letzten Donnerstag hat der Kolumnist an einer Podiumsdiskussion an der Universität Bielefeld teilgenommen. Das Thema: Reform der Juristenausbildung – Überflüssig? Überfällig? Podium: Ein Journalist (kritisch), eine Bundestagsabgeordnete mit Hauptberuf Rechtsanwältin (Familienrecht), ein Rechtsanwaltskammerpräsident (ernst), der Präsident eines Landesjustizprüfungsamts (noch ernster), eine Studentin vom Bundesverband Jura-Fachschaften (jung), ein Bundesrichter (ich). Moderator: Ein Professor für Anwaltsrecht. Auditorium: 70 interessierte Profis. Im Geiste nahmen teil: 15.000 Richter, 5.000 Staatsanwälte, 165.000 Rechtsanwälte, 110.000 Jurastudenten, 1.000 Jura-Professoren. Wie immer waren alle "schwarzen Schafe" aus den genannten Professionen (um die es auch diesmal ging) wieder zu Hause geblieben; im Saal fanden sich daher ausschließlich Vertreter(innen) der weißen. Alle Anwesenden hatten das Zweite Staatsexamen abgelegt oder waren guten Mutes, dies demnächst tun zu wollen. Dementsprechend waren die Stimmung: entspannt ("ein guter Jurist hat noch immer seinen Platz gefunden"), das Niveau: angemessen ("wir haben keine Anwaltsschwemme, sondern einen Anwaltsmangel") und die Rettung nahe (" … das Büffet ist eröffnet").

Ergebnis: Man weiß es nicht genau. Die Erforderlichkeit einer (weiteren) "großen Reform" der Juristenausbildung sollte diskutiert werden – nach den "großen" Reformen von 1994 und 2002, und einer irgendwann kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg anzusiedelnden "Reformphase der 70er Jahre" (gern auch genannt: "Phase überzogener Reformeuphorie").

Das Aller-, Aller-, Allergrößte, was sich die Ausbildungsprofis im schönen Plenarsaal des Bielefelder Zentrums für interdisziplinäre (!) Forschung (!) – ZIF – an diesem lauen Sommerabend vorzustellen vermochten, sind Vorschläge von der intellektuellen Wucht einer "Reduzierung der bestehenden 351 Schwerpunktbereiche" und einer "Intensivierung der praktischen Orientierung". Gern genannt wurde auch eine "Intensivierung der Methoden- und Grundlagenausbildung". Das fand auch die bezaubernde Vertreterin des Bundesverbands der Jura-Fachschaften: Sie wünschte sich mehr Grundlagenausbildung, insbesondere aber auch mehr Praxisbezug. Man muss ihr danken, dass sie sich traute, dies zu sagen.

Der Präsident eines Landesjustizprüfungsamts teilte mit, er halte die derzeitige Form der Ausbildung und Prüfung für ausgezeichnet, vor allem in dem Bundesland, in welchem er die Verantwortung dafür trage. Der Präsident einer Rechtsanwaltskammer teilte mit, er halte die Qualifikation der übergroßen Mehrzahl seiner Anwaltskollegen für beeindruckend gut. Die weniger guten fänden problemlos Unterschlupf als Schadenssachbearbeiter bei Versicherungsgesellschaften.

Die Politikerin der "Grünen" teilte mit, sie sei Rechtsanwältin und verwehre sich – "das muss jetzt aber mal gesagt werden!" – gegen die Behauptung, alle Rechtsanwälte seien dumm. Da klatschten die Anwaltsvertreter in die Hände und nickten mit den Köpfen! War eine solche Behauptung von irgendjemandem im Raum auch nur angedeutet worden? Arm in Arm in Arm mit den ungenannten Nachtmahren ihrer Partei kämpfte die Abgeordnete den großen Kampf der FDP um das Wohl der Wirtschaftskanzleien und der Einzelkämpferinnen aus Marklohe.

Der kritische Journalist – der pensionierte ARD-Moderator Joachim Wagner –, der ein interessantes Buch über Mangelhaftigkeit und systematische Fehlsteuerung der Anwaltsausbildung geschrieben hat, durfte zweimal sagen, dass er das Bild des "Einheitsjuristen" (also die gemeinsame Ausbildung aller juristischen Berufe nach den Anforderungen des Richterberufs, den dann doch nur eine kleine Minderheit ergreift) für zweifelhaft halte. Ihm wurde erwidert, die Justizministerkonferenz habe vor 13 Jahren das Gegenteil beschlossen.

Im Bielefelder Auditorium saßen, verstreut, ein paar Professoren. Die Mehrzahl brach früh auf. Manche blieben zum Abendessen.

Ein Leben ohne Abstraktionsprinzip ist möglich, aber sinnlos

Wissenschaft I

Die Klage ist seit hundert Jahren dieselbe: Die Juristen-Ausbildung sei schlecht. Sie vermittle nicht ausreichend zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie bilde die falschen Menschen in die falsche Richtung aus. Wohl kein anderer Berufsstand – wenn "Jurist" denn als solcher gelten soll – hadert in dieser Weise mit sich selbst. Kein "wissenschaftliches" Fach sonst, dessen "Prüfungsreife" seit jeher allein durch gewerbliche "Repetitoren" hergestellt wird: selbsternannte Lehrer also, die mit hoher Plausibilität und grandiosem wirtschaftlichen Erfolg behaupten, sie (allein) wüssten, wie das Examen zu bestehen sei und eine erfolgreiche Juristenlaufbahn begonnen werden könne. Dafür zahlen 90 Prozent der Studenten einen Haufen Geld. Die Professoren sind seit hundert Jahren empört. Deshalb organisieren sie jetzt "Uni-Reps": Repetitorien ohne Entgelt. Und die Studenten? Sie gehen ins Uni-Rep und obendrein ins private. Denn: Sicher ist sicher.

Gibt es dergleichen irgendwo sonst? Müssten eine Wissenschaft von der Medizin oder von der Geologie oder der Psychologie oder der Soziologie nicht längst Konkurs anmelden, wenn 90 Prozent ihrer Absolventen ihre "examensrelevanten" Kenntnisse aus privaten Crashkursen bezögen, ohne substanzielles Interesse an den Inhalten?


Wissenschaft II

Dabei ist ja – es soll zumindest erwähnt sein – durchaus streitig, ob der Begriff "Wissenschaft" für dieses Fach (oder einige seiner Disziplinen) überhaupt angemessen ist, oder ob nicht Wortverbindungen auf "…-kunde" treffender wären: Strafkunde, Verwaltungskunde, Staatskunde …

An dieser Stelle schreit – plangemäß – der Ordinarius auf, aus dienstrechtlicher Obliegenheit und persönlicher Seelenpein. Er verweist auf die Verwandtschaft seines (ihres) Fachs mit allem je Gedachten, und by the way auf das Inhaltsverzeichnis seines den Göttern dargebrachten "Allgemeinen Teils". Waren es nicht Thomas Hobbes, René Descartes und Immanuel Kant, also praktisch die Erfinder des Formats "G 7", die diejenigen Fragen stellten, welche erst durch mich und meinen Lehrer … (äh, hust, keuch) …

Wir kennen sie ja, unsere Leitenden Institutsdirektoren, unsere doctores honoris causa mundi multiplex, unsere Ehrensenatoren in Shanghai, Sewastopol und Lagos! Mit eigenen Händen haben sie den Volksstämmen am Rande der Dunkelheit nahegebracht, was eine ordentliche deutsche "Schuldverschreibung" und eine "objektive Zurechnung" vermögen. Loriot würde formulieren: Ein Leben ohne Abstraktionsprinzip ist möglich, aber sinnlos.

Gib' mir, sagen der Chinese in Peking und der Student in Passau, Deinen Allgemeinen Teil! Dies ist, liebe Leserinnen und Leser aus dem nichtjuristischen Lager, ein opus maximum, eine "lehr"-artige Darstellung der "Allgemeinen Lehren" eines bestimmten juristischen Fachs. Mal ist es an einem Gesetz orientiert ("Strafrecht Allgemeiner Teil"), mal in freier eigener Systematik erdacht.

Im Strafrecht gilt der "Allgemeine Teil" (sprich: AT; die Nähe zum Alten Testament ist zufällig, aber schicksalhaft) als die Krönung der Gelehrsamkeit. Honorarprofessoren – wie beispielsweise der Kolumnist – dürfen an den allermeisten Universitäten niemals eine Lehrveranstaltung zum AT abhalten. Weil: Sie können es nicht. Es ist einfach zu schwierig und zu verantwortungsvoll. Man lernt da, was ein "Rechtsgut" ist und was der Begriff eigentlich bedeuten soll; wie der "Versuch" eines Verbrechens aussieht, und wie eine "Mittäterschaft", und warum und wann Unterlassen genauso strafbar sein kann wie aktives Handeln. All dies sind Geheimnisse ganz nah an den heiligen Sakramenten. Wer nicht sieben Jahre und sieben Tage lang einem Lehrer schweigend gedient und sieben Drachen besiegt und siebenmal seine Meinung geändert hat, bevor der Hahn krähte, kann den Grad der Reife nicht erreichen, welcher es erlaubt, die Kunde weiterzugeben an die Fackelträger, die Geist vom eigenen Geiste und daher auserwählt sind.

"Habilitation" heißt die Prüfung, durch welche die "Lehrbefähigung" in einem wissenschaftlichen Fach festgestellt wird. Sie führt zur Verleihung der Lehrbefugnis an einer wissenschaftlichen Hochschule. Wer habilitiert ist, darf, Humboldt hin oder her, lehren, was er will, und sei es auch noch so verwegen. Im Einzelnen ist es, Sie ahnen es, natürlich komplizierter. Denn Wissenschaftsfreiheit, Selbstverwaltung der Universitäten, Länder- und Bundesrecht garantieren, dass systemsprengende Ideen und auch krasser Unfug selten vorkommen. Ein halbwegs vermögender Privatier, habilitiert, wäre der Freieste von allen: Er tut und lässt und lehrt, was er mag. Der Rest bewirbt sich und strampelt und redet in den Pausen der Gelehrsamkeit und auf den Gängen der Institute über die ewig junge Frage: Wer wird wann wo was?

Bei den großen Fachtagungen scharwenzeln hoffnungsvoll aufgebrezelte Habilitanden umeinander und halten sich bereit für das Äußerste: Ein Lehrstuhlinhaber könnte einen ansprechen, zu erkennen geben, er habe eine der letzten Veröffentlichungen des Nachwuchses zur Kenntnis genommen. Für diese Chance fahren sie bis ans Ende der Welt. Das ist aber nur die eine Seite.

Ergänzung: Kein einziger Ordentlicher Professor des Rechts hat jemals eine Ausbildung in Didaktik, Pädagogik, Menschenführung absolviert. Noch nicht einmal einen Wochenendkurs! Sie haben eine 15 Jahres-Erfahrung in Fakultäts-Intrigen, einen IQ von über 120 und eine Veröffentlichungsliste von 225 plus X. Sie bilden ständig 100.000 Menschen aus für Berufe, von deren praktischen Anforderungen sie selbst nicht das Geringste verstehen (müssen). Das ist ein wahrhaft wundersames System.

Abhängig von Launen, Wohlwollen und Beschränktheiten eines einzigen Menschen

Wissenschaft III

Wissenschaftler werden nach der Besoldungsordnung W entlohnt. Ein Universitätsprofessor erhält die Gehaltsstufe W 3; das ist etwa so viel wie ein Vorsitzender Richter am Landgericht – R 2 –. Wichtig für Image und Nebenverdienst sind aber vor allem die Budgets für Hilfskräfte. Kaum haben Rechtswissenschaftler durch extremste Nischenspezialisierung vollbracht, was sie zur Führung des gehobenen W-Titels berechtigt, vollzieht sich ein weiteres Wunder: Ab sofort können die Auserwählten lehren, was immer der Haushalt der Universitäten und die "Besetzungsverhandlungen" hergeben. Sie erlangen Lehrstühle für Weltraumstraftrecht, südbrasilianische Korruption und frühmittelalterliche Vergewaltigungslehre. Sie befehligen 20-köpfige Teams von Nachwuchswissenschaftlern, die dem Meister kostenfrei zuarbeiten. Gerade eben noch Lieblingsfußabtreter eines "Habilitationsvaters", verhandeln sie vom nächsten Monat an mit den wichtigsten 250 Theoretikern der Geistesgeschichte auf Augenhöhe. Internationales Sanktionenrecht? Kein Problem! Auch die Rechtssoziologie, die nordwesteuropäische Rechtsgeschichte und das Kartellstrafrecht sind Fächer, die sich einem habilitierten Menschen praktisch von selbst erschließen. Hier hat das Schild an der Tür noch wahrhaft faktenschaffende Kraft.

Zu diesem Wunder gesellen sich noch zwei weitere, freilich eng verwandte: Zum einen gelingt dies alles bis zum 40. Geburtstag. Man hat bis dahin zwei "Staatsexamen" mit sehr gehobener Note ("gut") bestanden. Man war zuerst studentische, dann "wissenschaftliche" Hilfskraft. Man hat zwei Jahre lang eine Dissertation mit sehr guter Note geschrieben. Man hat 10 Jahre lang Tutorien geleitet, Klausuren korrigiert, Fußnoten geschrieben oder überprüft. Man war in einem Maße, das einem aufgeklärten Menschen kaum vorstellbar und erträglich erscheint, persönlich abhängig von Launen, Wohlwollen und Beschränktheiten eines einzigen Menschen – des sogenannten "Lehrers". Gemeint ist der Lehrstuhlinhaber, der die Habilitation "betreut" (wenn er Lust hat) und sie auf dem höchstmöglichen Niveau von Servilität, Beflissenheit und unkritischer Nachplapperei halten kann (wenn er will). Er darf alles, denn eine Habilitandin Ende dreißig mit zwei Kindern kann nichts anderes mehr werden: Sie steht die Arbeitsabendessen durch oder ist gescheitert.

Deshalb finden an unseren Rechtsfakultäten noch immer schaurige Rituale der sadistischen Unterwerfung und der rückgratlosen Submission statt. Das ist aber nur die zweite Seite.


Wissenschaft IV (nicht zu vergessen)

Es drängt mich, an dieser Stelle Folgendes zu sagen: Es gibt unglaublich gute, intelligente, gebildete, engagierte Hochschullehrer des Rechts. Es gab und gibt unter ihnen beeindruckende Biografien und singuläre Begabungen. Es gibt Lehrveranstaltungen, die junge Menschen ein ganzes Leben lang prägen und begleiten können, Diskussionen, die inspirieren und motivieren. Rechtswissenschaft ist ein wunderbares Fach mit unendlichen Bezügen, interessanten Menschen und einem Kosmos von Möglichkeiten. Ich freue mich für und über jede(n) einzelne(n), der/die dies entdeckt.

Nebenbemerkung: Supermodel

Rufen Sie, Leserinnen und Leser, die Strafrechtslehrstühle unserer Republik im Internet auf! Klicken Sie dort auf "Lehrstuhl-Team"! Und ein weiteres Wunder offenbart sich Ihnen. Denn was sehen Sie?

Haben Sie je unter dem Personal juristischer Berufe – ausgenommen vielleicht die Nachwuchstruppen ausgewählter Großkanzleien – eine derartige Dominanz sexuell attraktiver junger Damen erlebt? Können äußere Schönheit und innere Berufung zum Höheren 2.500 Jahre nach Sokrates noch so unmittelbar zusammenhängen? Nichts gegen Staatsanwältinnen oder Richterinnen am Landgericht! Aber sah man dort jemals eine solche Zusammenballung von Pfirsichhaut? Die Praxis lehrt: Juristerei ist per se kein Sammelbecken der Schönen und Wilden. Die Explosion der femininen Sachkunde in den "Teams" der Rechtslehrer hat mich daher schon bei der eigenen Berufswahl und auch später nachdenklich gemacht: Denn zweifelsohne ist der Beruf des Rechtslehrers erstrebenswert allein schon wegen jener unkontrollierbaren Herrschaft über eine beliebige Zahl handverlesener junger Menschen, die selbst dann nicht quietschen, wenn man sie mit massiver Herablassung peinigt. Ich kenne Rechtsprofessoren, die Assistentinnen das Tragen von Faltenröcken empfahlen. Oder ihnen bei der Habilitationsbesprechung offenbarten, das Problem liege nicht so sehr bei der Zurechnungslehre als vielmehr bei der bedauerlichen persönlichen Distanz.

Ich weiß nicht, wie es bei Physikern zugeht oder bei Geologen oder in der Neuesten südamerikanischen Geschichte. Ich warte seit 20 Jahren darauf, dass die beeindruckende Truppe schöner weiblicher Hilfskräfte aus den Maschinenräumen der Lehrstühle endlich an deren Spitze drängt. Dann wird eine Zeit kommen, in der wunderschöne junge Männer mit feurigen Augen und makellosen muskulösen Körpern die Kopierer bedienen und ihrer hochverehrten Lehrerin die Vuitton-Tasche in die Vorlesung tragen. Ich werde mich dann als wissenschaftliche Spät-Hilfskraft bewerben. Aber es wird zu spät sein.

Welche Juristen wollen wir?

Gib mir, oh Professor, Ausbildung!

Welche Juristen wollen wir? Dies ist die entscheidende Frage, und sie muss radikal und rücksichtslos und bis auf den Grund gestellt werden.

Das, oh je, ist freilich eine Anforderung, die Juristen meist nicht erfüllen mögen und auch nicht können. Sie sind nämlich genau jener Gegenstand, den sie kritisch zu hinterfragen sich anschicken. Der Kolumnist ist selbst ein Teil und daher vermutlich auch nicht weiser. Und so besteht, aller Erfahrung nach, ein gewisses Risiko, dass nicht viel dabei herauskommt: Was werden hundert Oberärzte für Chirurgie sagen, wenn Sie sie fragen, ob die Chirurgenausbildung die Falschen fördert? Oder hundert Feinmechaniker, ob die Feinmechaniker-Ausbildung tatsächlich ausreichende Fachkenntnisse vermittelt?

Und wie, Leserinnen und Leser, steht es mit Ihnen selbst? Würden Sie freiwillig der These zustimmen, dass Ihre eigene Ausbildung unzureichend war und überwiegend Ungeeignete nach oben gespült hat? Eventuell Sie selbst? Wohl nicht. Es reicht auch nicht, aus der Halbdistanz herumzumotzen. Frauenärzte halten Lehrer für blöd, Banker halten Ingenieure für beschränkt, Physiker nehmen Germanisten nicht erst, und so weiter. Das ist keine Kunst. Und über Juristen empören sich alle, selbst die, bei denen es sonst nur zu Scherzen über "faule Beamte" reicht. Jeder Dummkopf, der einmal einen Prozess verloren hat, fühlt sich berufen, die "Weltfremdheit" und "Gerechtigkeitsfeindlichkeit" unserer Richter zu beklagen.

Es ist aber viel komplizierter. Das Recht steht seiner bloßen Natur nach mit einem Bein in der Wissenschaft und mit einem andern in der praktischen Herrschaft. Die "einfachen" Regeln, die angeblich alle ersehnen, sind ohne eine "Wissenschaft von den Regeln" nicht denkbar. Die "Pragmatiker" und, noch schlimmer, die ewig selbstzufriedenen "Praktiker", die sich nach nichts so sehnen wie nach überschaubaren Verwaltungsvorschriften unter Ausschluss eigener Verantwortung, haben vom Recht nicht mehr begriffen als die Oberfläche. Es gibt sie überall, vom ersten Semester bis zum Bundesgerichtshof.


Sein …

Fakt ist: Von allen Anfängern des Jurastudiums schaffen 50-60 Prozent das Zweite Examen. Der Rest bricht ab oder fällt durch. Von den Erfolgreichen wird im Durchschnitt (!) die Note "ausreichend" (!) erreicht. Merke: Die Benotung im Fach Jura ist gnadenlos, demoralisierend, erniedrigend. In den "Staatsprüfungen" sitzen überwiegend Prüfer herum, die weder didaktische Erfahrung noch moralische Verantwortung, sondern allein ein Übermaß an Selbstgewissheit mitbringen.

Teilt man Jurastudenten im zweiten Semester mit, dass 50 Prozent von Ihnen statistisch scheitern werden, bricht im Audimax ein Sturm der Entrüstung los, als habe der Überbringer der schlechten Nachricht diese persönlich erfunden. Gibt man zu bedenken, dass sich seit 50 Jahren am (angeblich unvermeidlichen) Elend des Jurastudiums nichts geändert habe, obgleich doch alle immerzu darüber klagen, und das Befolgen des "herrschenden" Wegs offenkundig (!) keine Vorteile bringt: Sitzen sie da und schweigen. Und fragen nach einem Skriptum, in dem das steht. Oder: Ob das in der Klausur drankommt. Dies ist der Moment, in dem man das deutsche Abitur zu hassen beginnt.

"Die Lehre" fühlt sich nicht verantwortlich. Der Begriff der Lehre ist, wie alles in diesem Biotop, fein differenziert: Man kann "Lehre" verstehen als die Tätigkeit des Lehrens. Das wäre: Didaktik, Selbstkritik, Anleitung, Engagement. Man kann den Begriff auch verstehen als "Entwickeln systematisch/theoretischer Grundlagen". Die letztgenannte Art von Lehre kommt ohne Lernende aus. Sie kann 20 Jahre lang funktionieren, ohne eine einzige akzeptable Lehrveranstaltung hinzukriegen.

Es gibt auch keine gültige alternative Liste von Kriterien des Erfolgs: Ob jemand nach 30 Jahren auf seiner Veröffentlichungsliste 350 Titel nennt oder 35, ist vollkommen gleichgültig. Es ändert nur den Text der Laudatio bei der Festschriftenübergabe: "Unermesslich", heißt es im ersten Fall, sei die kreative Schaffenskraft des Jubilars gewesen. Im Zweiten Fall war sie "nicht auf oberflächlichen Glanz orientiert, sondern auf von modischen Einflüssen freie, wahrhaftig wissenschaftliche Durchdringung". Ja: So wird es gewesen sein.

Mit "Lehre" im Sinn von "Ausbilden" hat das fast nichts zu tun. Denn Studenten lesen ja, in striktem Gegensatz zu den hanebüchenen Vorstellung ihrer Professoren, deren Veröffentlichungen nicht oder allenfalls in winzigen Häppchen. Wie und warum auch? In zehn Semestern schwatzen 20 Fachvertreter auf sie ein und behaupten, die Lektüre der jeweils in den eigenen Fußnoten angegebenen (Urteile und) Bücher und Aufsätze sei "unerlässlich". Zählt man all diese Unabdingbarkeiten einmal zusammen, müsste einer 50 Jahre am Stück lesen.


und Sollen

Niemals ist es "genug"! Nie ist der Jura-Student "examensreif"! Bis zum letzten Tag vor der letzten Klausur wird und soll er Angst haben, es "komme etwas dran", was er/sie "nicht kennt". Meint: Ein "neues Problem".

Versteht Ihr, Studentinnen und Studenten, was das bedeutet? Kann es Sinn Eurer vieljährigen Ausbildung zum Spezialisten für die Klärung täglich neuer Probleme sein, in Euch die größte Angst vor dem Unbekannten und Neuen so tief zu verankern, dass Ihr sie für alle Zeit weitergeben werdet an die, so Euch nachfolgen oder von Euch abhängig sind? Warum lasst Ihr Euch so ängstigen?

Der deutsche Jurastudent ist seit vielen Jahrzehnten im Durchschnitt immer nur "ausreichend". Die Notenskala reicht von "Sehr gut" bis "Ungenügend", von 18 bis 0 Punkte. Der Durchschnitt (!) all der jungen Leute, die wir durch die Ausbildung zum Juristen schicken, erreicht eine Punktzahl von 5,5 (ausreichend). Ein sogenanntes "Prädikatsexamen" fängt bei "befriedigend" an und zieht sich über vier "Prädikate" und über 12 von 18 möglichen Punkten. "Sehr gut" in der höchsten Stufe sind pro Jahr in ganz Deutschland 0,1 Personen. Richter darf man (vielleicht) werden, wenn man 8 Punkte hat. Acht von Achtzehn! Wer "zweistellig" abschneidet, stolziert den Rest seines Lebens umher, als habe ihn der Papst geküsst.

Was bedeutet das?

Es bedeutet das: Überforderung, Demoralisierung, Demütigung sind Teil der Ausbildung. Sie sind nicht die "Ausrutscher", sondern die Eckpfeiler des Systems. Alle Klausuren, die der Jurastudent jemals schreiben wird, sind so konzipiert, dass er in Zeitdruck gerät, nicht wirklich neu nachdenken kann, nichts empfinden kann. Sie sollen "das Handwerkszeug beherrschen". Sie sollen beweisen, dass Sie gelernt haben, auf Befehl aus Nichts etwas "Vertretbares" zu machen, und morgen das vertretbare Gegenteil. Der Vertreter des Landesjustizprüfungsamts eines großen deutschen Bundeslandes fasste dies bei der eingangs erwähnten Tagung zusammen: "Der deutsche Einheitsjurist ist in der Lage, jedes beliebige Gesetz auszulegen und anzuwenden." Er meinte das ganz ernst und positiv und ist gewiss kein Zyniker.

Selbstverständlich ist es schön, dies zu können. Noch schöner wäre es, dies zu verstehen. Besonders schön aber, es zu beherrschen, ohne davon abhängig zu sein. Wer bei uns Jura studiert, muss sehr schmerzhaft lernen, dass er (oder sie) auf diesem letzteren Weg meist sehr alleine ist.

Was entschädigt für eine unsichere Karriere, eine bedenkliche soziale Reputation

"Jura ist leicht"

Das war die Überschrift, die vor einiger Zeit das Studentenmagazin der ZEIT für ein Interview mit mir gewählt hat. Es wurde später berichtet, Jurastudenten in großer Zahl seien empört gewesen über die Missachtung ihrer Bemühungen und Leiden. Das ist Unsinn. Diese "Empörung" ist Ausdruck von kindlichem Unverständnis und Wichtigtuerei.

Warum sollte es – wenn es denn zuträfe – "beleidigend" sein, dass Jura "leicht" ist? Das wäre doch, im Gegenteil, supergut! Lasst uns alle Jura studieren, würden die Sozialpädagogen und Erdkunde-Lehramt-Studenten rufen und allesamt Fachanwältinnen für Familienrecht werden. Was wäre schlimm daran, außer dass auf irgendwelchen Studentenfeten der Moment der Ehrfurcht etwas kürzer ausfiele, wenn einer sagt, er studiere Jura im Endsemester? ("Endsemester" hat, Leserinnen und Leser, nichts mit Karzinomen zu tun. Es ist eine jura-spezifische Bezeichnung für Studenten, die ihre Bildungsbemühungen an der Universität fast gänzlich eingestellt haben und sich vollständig auf den Besuch eines privaten Repetitoriums konzentrieren).

Im Übrigen: Jura "an sich" ist selbstverständlich leicht. Was soll daran schwierig sein, dass Schuldner S dem Gläubiger G zu geben hat, was G verlangen kann? Und wenn Täter T dem Opfer O aufs Maul haut und ihm die Geldbörse entreißt, wird das vermutlich Raub sein. Auch nicht so schwierig. Jetzt kann der Gläubiger eine Hypothek haben, die ein Drittschuldner gutgläubig erworben hat, oder der Räuber T hat den Schlag nur angetäuscht, worauf O aber schon vor Schreck umgefallen ist … Das wird man auch noch hinkriegen, oder? Da sagt der eine dies und der andere das und der Bundesgerichtshof hat wie immer die herrschende Meinung.

Unter "schwierig" stelle ich mir etwas anderes vor. Zum Beispiel, innerhalb von einer halben Stunde mittels eines Zollstocks auf den Meter genau die erforderliche Größe eines Baugerüsts zu schätzen. Oder bei annähernd laufendem Betrieb das Pleuellager eines Schiffsmotors zu reparieren. Oder einen Nervus ulnaris in einem offenen Bruch zu nähen. Oder Luhmanns Vertragstheorie zu verstehen.


Jura ist schwer

Trotzdem ist irgendetwas an Jura saumäßig schwierig.

Es ist das Eintauchen in diese fremde, seltsame Welt: eine Welt der Unterwerfung und der Gewalt, der Ansprüche und Normen, der Herrschaft und der Abstraktion. Wer Jura studiert hat, wird nie mehr auf die Idee kommen, man dürfe in der Fußgängerzone vor allem deshalb nicht Radfahren, weil das gefährlich für Fußgänger ist. Der Grund ist vielmehr: Es wurde dort gemäß Paragraf X der Straßenverkehrsordnung in Verbindung mit Paragraf Y einer Kommunalen Satzung das Verkehrsschild Z aufgestellt.

Sie denken, Leserinnen und Leser, das seien nur zwei Seiten derselben Medaille? Das stimmt nicht. Es sind zwei kosmische Räume. Wenn Sie die zuständige Regierungsrätin provozieren, leitet Sie Ihnen das binnen zwanzig Minuten unter sämtlichen Bezügen auf das Grundgesetz und den EU-Vertrag ab.

Schwierig also ist das Denken. Schwierig ist es zu lernen, die ganze Welt durch den Filter des normativ (!) Machbaren zu sehen. Warum nehmen Jurastudenten das auf sich? Was haben sie davon? Sie sind ja nicht einmal sonderlich "beliebt". Auf studentischen Partys mag einem noch der Gag im Halse stocken, wenn das Gegenüber mitteilt, er/sie sei "Jura 8. Semester". Aber in der Bevölkerung sind "Juristen" überwiegend schlecht angesehen: opportunistisch, machtbesessen, hierarchieorientiert, wichtigtuerisch. Kann das Zufall sein?

Was also reißt es heraus? Wo ist der Mehrwert gegenüber unsicherer Karriere und bedenklicher sozialer Reputation?

Die Antwort lautet: Macht. Es gibt keine zweite Ausbildung – mit Ausnahme der von gewaltorientierten "Sondereinsatzkräften" –, die in einem solchen Maße das Bewusstsein vermittelt, Teil einer mächtigen Gemeinschaft zu sein, die diese Macht auch wirklich innehat. Und Juristen müssen dafür noch nicht einmal durch realen Dreck rutschen, und sie haben den zusätzlichen Kick, dass sie es sind, die die SEKs dieser Welt befehligen.

Jura ist ein vertracktes Angebot, den Gang der Welt zu begreifen und zu steuern

Wem machte das nicht Spaß? Jura ist ein vertracktes Angebot, den Gang und die Struktur und die Herrschaft der Welt zu begreifen und zu steuern. Vom ersten Semester an lernt der 19-Jährige, dass der insolvente Schuldner am Ende ist und dass der Täter fünfzehn Jahre eingesperrt wird aus unserem Willen und unserer Gerechtigkeit und unserer herrschenden Meinung. Amen. Und wenn er es lang genug gelernt hat, weiß er, wird er Teil dieser Kraft sein. Denn eine Ordnung muss sein. Und wer hätte gedacht, dass gerade wir es sind, denen ihr Vollzug vom Schicksal anvertraut ist?

Zwischen dem ersten und dem fünften Semester Jura verändert sich alles, nichts ist mehr wie vorher. Wenn der Freund abspringt oder die Eltern sich trennen oder die Fußballmannschaft verliert oder die Bank mit der Pfändung droht: Alles fühlt sich anders an, wenn man weiß, man ist Teil der Herrschenden Meinung. Wenn man das glaubt, kann einem nichts mehr passieren. Das, liebe Jurastudenten, ist das Leichte. Rain Man! Und das Schwere zugleich ist es, das zu entdecken.


Das Positive

Ein Letztes: Das Gejammer über die Lücke zwischen Theorie und Praxis ist unerträglich und langweilig. Die Professoren fordern mehr Theorie von den Studenten, diese fordern mehr Praxis von den Professoren. Sobald sie die heiligen Exerzitien bestanden haben, ändern sie alsbald ihre Meinung und beklagen die Ferne des großen Ganzen. Den Professoren kann das egal sein, sie sind zu nichts verpflichtet außer zur Mitwirkung an den merkwürdigen Staatsprüfungen, in denen als Gipfel der "wissenschaftlichen und praktischen" Ausbildung eine Arbeitssituation simuliert wird, die im ganzen Leben niemals wiederkehrt.

Eigentlich müsste es anders sein: Das Rechtsstudium müsste nicht Rechtstechnik bevorzugen, sondern Rechtsverständnis. Nicht Beliebigkeit, sondern Verantwortung. Nicht Rechtsbelanglosigkeit, sondern Rechtsfolgen. Es müsste die Entstehung und Bedeutung von Normativität zum Inhalt haben, die beschränkte Steuerbarkeit der Wirklichkeit durch das Recht und die überwältigende Steuerung des Rechts durch eine von wirtschaftlichen Interessen dominierte Wirklichkeit. Es müsste Gemeinsamkeit, Austausch, Diskurs, Gleichberechtigung herstellen statt "herrschender Meinungen". Es müsste den Juristen nicht als Beherrscher der Gesellschaft ansehen, sondern als deren Dienstleister.

Arbeitsgruppen ohne "Chef"! Meinungsaustausch ohne "herrschende" Meinung! Klausuren, die Verständnis prüfen statt Bedingungslosigkeit! Rechtslehre als Wissenschaft vom Menschen statt als Technik seiner Entmündigung!

Das wäre ein Anfang. Er wäre, zugegeben, ein bisschen schwierig. Der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fällt auch gewiss gleich ein, warum das absolut nicht gehen kann. Eben.

und in der nächsten Woche nun endlich:

Richter-Karrieren!