Wissenschaft I

Die Klage ist seit hundert Jahren dieselbe: Die Juristen-Ausbildung sei schlecht. Sie vermittle nicht ausreichend zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie bilde die falschen Menschen in die falsche Richtung aus. Wohl kein anderer Berufsstand – wenn "Jurist" denn als solcher gelten soll – hadert in dieser Weise mit sich selbst. Kein "wissenschaftliches" Fach sonst, dessen "Prüfungsreife" seit jeher allein durch gewerbliche "Repetitoren" hergestellt wird: selbsternannte Lehrer also, die mit hoher Plausibilität und grandiosem wirtschaftlichen Erfolg behaupten, sie (allein) wüssten, wie das Examen zu bestehen sei und eine erfolgreiche Juristenlaufbahn begonnen werden könne. Dafür zahlen 90 Prozent der Studenten einen Haufen Geld. Die Professoren sind seit hundert Jahren empört. Deshalb organisieren sie jetzt "Uni-Reps": Repetitorien ohne Entgelt. Und die Studenten? Sie gehen ins Uni-Rep und obendrein ins private. Denn: Sicher ist sicher.

Gibt es dergleichen irgendwo sonst? Müssten eine Wissenschaft von der Medizin oder von der Geologie oder der Psychologie oder der Soziologie nicht längst Konkurs anmelden, wenn 90 Prozent ihrer Absolventen ihre "examensrelevanten" Kenntnisse aus privaten Crashkursen bezögen, ohne substanzielles Interesse an den Inhalten?

Wissenschaft II

Dabei ist ja – es soll zumindest erwähnt sein – durchaus streitig, ob der Begriff "Wissenschaft" für dieses Fach (oder einige seiner Disziplinen) überhaupt angemessen ist, oder ob nicht Wortverbindungen auf "…-kunde" treffender wären: Strafkunde, Verwaltungskunde, Staatskunde …

An dieser Stelle schreit – plangemäß – der Ordinarius auf, aus dienstrechtlicher Obliegenheit und persönlicher Seelenpein. Er verweist auf die Verwandtschaft seines (ihres) Fachs mit allem je Gedachten, und by the way auf das Inhaltsverzeichnis seines den Göttern dargebrachten "Allgemeinen Teils". Waren es nicht Thomas Hobbes, René Descartes und Immanuel Kant, also praktisch die Erfinder des Formats "G 7", die diejenigen Fragen stellten, welche erst durch mich und meinen Lehrer … (äh, hust, keuch) …

Wir kennen sie ja, unsere Leitenden Institutsdirektoren, unsere doctores honoris causa mundi multiplex, unsere Ehrensenatoren in Shanghai, Sewastopol und Lagos! Mit eigenen Händen haben sie den Volksstämmen am Rande der Dunkelheit nahegebracht, was eine ordentliche deutsche "Schuldverschreibung" und eine "objektive Zurechnung" vermögen. Loriot würde formulieren: Ein Leben ohne Abstraktionsprinzip ist möglich, aber sinnlos.

Gib' mir, sagen der Chinese in Peking und der Student in Passau, Deinen Allgemeinen Teil! Dies ist, liebe Leserinnen und Leser aus dem nichtjuristischen Lager, ein opus maximum, eine "lehr"-artige Darstellung der "Allgemeinen Lehren" eines bestimmten juristischen Fachs. Mal ist es an einem Gesetz orientiert ("Strafrecht Allgemeiner Teil"), mal in freier eigener Systematik erdacht.

Im Strafrecht gilt der "Allgemeine Teil" (sprich: AT; die Nähe zum Alten Testament ist zufällig, aber schicksalhaft) als die Krönung der Gelehrsamkeit. Honorarprofessoren – wie beispielsweise der Kolumnist – dürfen an den allermeisten Universitäten niemals eine Lehrveranstaltung zum AT abhalten. Weil: Sie können es nicht. Es ist einfach zu schwierig und zu verantwortungsvoll. Man lernt da, was ein "Rechtsgut" ist und was der Begriff eigentlich bedeuten soll; wie der "Versuch" eines Verbrechens aussieht, und wie eine "Mittäterschaft", und warum und wann Unterlassen genauso strafbar sein kann wie aktives Handeln. All dies sind Geheimnisse ganz nah an den heiligen Sakramenten. Wer nicht sieben Jahre und sieben Tage lang einem Lehrer schweigend gedient und sieben Drachen besiegt und siebenmal seine Meinung geändert hat, bevor der Hahn krähte, kann den Grad der Reife nicht erreichen, welcher es erlaubt, die Kunde weiterzugeben an die Fackelträger, die Geist vom eigenen Geiste und daher auserwählt sind.

"Habilitation" heißt die Prüfung, durch welche die "Lehrbefähigung" in einem wissenschaftlichen Fach festgestellt wird. Sie führt zur Verleihung der Lehrbefugnis an einer wissenschaftlichen Hochschule. Wer habilitiert ist, darf, Humboldt hin oder her, lehren, was er will, und sei es auch noch so verwegen. Im Einzelnen ist es, Sie ahnen es, natürlich komplizierter. Denn Wissenschaftsfreiheit, Selbstverwaltung der Universitäten, Länder- und Bundesrecht garantieren, dass systemsprengende Ideen und auch krasser Unfug selten vorkommen. Ein halbwegs vermögender Privatier, habilitiert, wäre der Freieste von allen: Er tut und lässt und lehrt, was er mag. Der Rest bewirbt sich und strampelt und redet in den Pausen der Gelehrsamkeit und auf den Gängen der Institute über die ewig junge Frage: Wer wird wann wo was?

Bei den großen Fachtagungen scharwenzeln hoffnungsvoll aufgebrezelte Habilitanden umeinander und halten sich bereit für das Äußerste: Ein Lehrstuhlinhaber könnte einen ansprechen, zu erkennen geben, er habe eine der letzten Veröffentlichungen des Nachwuchses zur Kenntnis genommen. Für diese Chance fahren sie bis ans Ende der Welt. Das ist aber nur die eine Seite.

Ergänzung: Kein einziger Ordentlicher Professor des Rechts hat jemals eine Ausbildung in Didaktik, Pädagogik, Menschenführung absolviert. Noch nicht einmal einen Wochenendkurs! Sie haben eine 15 Jahres-Erfahrung in Fakultäts-Intrigen, einen IQ von über 120 und eine Veröffentlichungsliste von 225 plus X. Sie bilden ständig 100.000 Menschen aus für Berufe, von deren praktischen Anforderungen sie selbst nicht das Geringste verstehen (müssen). Das ist ein wahrhaft wundersames System.