Gib mir, oh Professor, Ausbildung!

Welche Juristen wollen wir? Dies ist die entscheidende Frage, und sie muss radikal und rücksichtslos und bis auf den Grund gestellt werden.

Das, oh je, ist freilich eine Anforderung, die Juristen meist nicht erfüllen mögen und auch nicht können. Sie sind nämlich genau jener Gegenstand, den sie kritisch zu hinterfragen sich anschicken. Der Kolumnist ist selbst ein Teil und daher vermutlich auch nicht weiser. Und so besteht, aller Erfahrung nach, ein gewisses Risiko, dass nicht viel dabei herauskommt: Was werden hundert Oberärzte für Chirurgie sagen, wenn Sie sie fragen, ob die Chirurgenausbildung die Falschen fördert? Oder hundert Feinmechaniker, ob die Feinmechaniker-Ausbildung tatsächlich ausreichende Fachkenntnisse vermittelt?

Und wie, Leserinnen und Leser, steht es mit Ihnen selbst? Würden Sie freiwillig der These zustimmen, dass Ihre eigene Ausbildung unzureichend war und überwiegend Ungeeignete nach oben gespült hat? Eventuell Sie selbst? Wohl nicht. Es reicht auch nicht, aus der Halbdistanz herumzumotzen. Frauenärzte halten Lehrer für blöd, Banker halten Ingenieure für beschränkt, Physiker nehmen Germanisten nicht erst, und so weiter. Das ist keine Kunst. Und über Juristen empören sich alle, selbst die, bei denen es sonst nur zu Scherzen über "faule Beamte" reicht. Jeder Dummkopf, der einmal einen Prozess verloren hat, fühlt sich berufen, die "Weltfremdheit" und "Gerechtigkeitsfeindlichkeit" unserer Richter zu beklagen.

Es ist aber viel komplizierter. Das Recht steht seiner bloßen Natur nach mit einem Bein in der Wissenschaft und mit einem andern in der praktischen Herrschaft. Die "einfachen" Regeln, die angeblich alle ersehnen, sind ohne eine "Wissenschaft von den Regeln" nicht denkbar. Die "Pragmatiker" und, noch schlimmer, die ewig selbstzufriedenen "Praktiker", die sich nach nichts so sehnen wie nach überschaubaren Verwaltungsvorschriften unter Ausschluss eigener Verantwortung, haben vom Recht nicht mehr begriffen als die Oberfläche. Es gibt sie überall, vom ersten Semester bis zum Bundesgerichtshof.


Sein …

Fakt ist: Von allen Anfängern des Jurastudiums schaffen 50-60 Prozent das Zweite Examen. Der Rest bricht ab oder fällt durch. Von den Erfolgreichen wird im Durchschnitt (!) die Note "ausreichend" (!) erreicht. Merke: Die Benotung im Fach Jura ist gnadenlos, demoralisierend, erniedrigend. In den "Staatsprüfungen" sitzen überwiegend Prüfer herum, die weder didaktische Erfahrung noch moralische Verantwortung, sondern allein ein Übermaß an Selbstgewissheit mitbringen.

Teilt man Jurastudenten im zweiten Semester mit, dass 50 Prozent von Ihnen statistisch scheitern werden, bricht im Audimax ein Sturm der Entrüstung los, als habe der Überbringer der schlechten Nachricht diese persönlich erfunden. Gibt man zu bedenken, dass sich seit 50 Jahren am (angeblich unvermeidlichen) Elend des Jurastudiums nichts geändert habe, obgleich doch alle immerzu darüber klagen, und das Befolgen des "herrschenden" Wegs offenkundig (!) keine Vorteile bringt: Sitzen sie da und schweigen. Und fragen nach einem Skriptum, in dem das steht. Oder: Ob das in der Klausur drankommt. Dies ist der Moment, in dem man das deutsche Abitur zu hassen beginnt.

"Die Lehre" fühlt sich nicht verantwortlich. Der Begriff der Lehre ist, wie alles in diesem Biotop, fein differenziert: Man kann "Lehre" verstehen als die Tätigkeit des Lehrens. Das wäre: Didaktik, Selbstkritik, Anleitung, Engagement. Man kann den Begriff auch verstehen als "Entwickeln systematisch/theoretischer Grundlagen". Die letztgenannte Art von Lehre kommt ohne Lernende aus. Sie kann 20 Jahre lang funktionieren, ohne eine einzige akzeptable Lehrveranstaltung hinzukriegen.

Es gibt auch keine gültige alternative Liste von Kriterien des Erfolgs: Ob jemand nach 30 Jahren auf seiner Veröffentlichungsliste 350 Titel nennt oder 35, ist vollkommen gleichgültig. Es ändert nur den Text der Laudatio bei der Festschriftenübergabe: "Unermesslich", heißt es im ersten Fall, sei die kreative Schaffenskraft des Jubilars gewesen. Im Zweiten Fall war sie "nicht auf oberflächlichen Glanz orientiert, sondern auf von modischen Einflüssen freie, wahrhaftig wissenschaftliche Durchdringung". Ja: So wird es gewesen sein.

Mit "Lehre" im Sinn von "Ausbilden" hat das fast nichts zu tun. Denn Studenten lesen ja, in striktem Gegensatz zu den hanebüchenen Vorstellung ihrer Professoren, deren Veröffentlichungen nicht oder allenfalls in winzigen Häppchen. Wie und warum auch? In zehn Semestern schwatzen 20 Fachvertreter auf sie ein und behaupten, die Lektüre der jeweils in den eigenen Fußnoten angegebenen (Urteile und) Bücher und Aufsätze sei "unerlässlich". Zählt man all diese Unabdingbarkeiten einmal zusammen, müsste einer 50 Jahre am Stück lesen.


und Sollen

Niemals ist es "genug"! Nie ist der Jura-Student "examensreif"! Bis zum letzten Tag vor der letzten Klausur wird und soll er Angst haben, es "komme etwas dran", was er/sie "nicht kennt". Meint: Ein "neues Problem".

Versteht Ihr, Studentinnen und Studenten, was das bedeutet? Kann es Sinn Eurer vieljährigen Ausbildung zum Spezialisten für die Klärung täglich neuer Probleme sein, in Euch die größte Angst vor dem Unbekannten und Neuen so tief zu verankern, dass Ihr sie für alle Zeit weitergeben werdet an die, so Euch nachfolgen oder von Euch abhängig sind? Warum lasst Ihr Euch so ängstigen?

Der deutsche Jurastudent ist seit vielen Jahrzehnten im Durchschnitt immer nur "ausreichend". Die Notenskala reicht von "Sehr gut" bis "Ungenügend", von 18 bis 0 Punkte. Der Durchschnitt (!) all der jungen Leute, die wir durch die Ausbildung zum Juristen schicken, erreicht eine Punktzahl von 5,5 (ausreichend). Ein sogenanntes "Prädikatsexamen" fängt bei "befriedigend" an und zieht sich über vier "Prädikate" und über 12 von 18 möglichen Punkten. "Sehr gut" in der höchsten Stufe sind pro Jahr in ganz Deutschland 0,1 Personen. Richter darf man (vielleicht) werden, wenn man 8 Punkte hat. Acht von Achtzehn! Wer "zweistellig" abschneidet, stolziert den Rest seines Lebens umher, als habe ihn der Papst geküsst.

Was bedeutet das?

Es bedeutet das: Überforderung, Demoralisierung, Demütigung sind Teil der Ausbildung. Sie sind nicht die "Ausrutscher", sondern die Eckpfeiler des Systems. Alle Klausuren, die der Jurastudent jemals schreiben wird, sind so konzipiert, dass er in Zeitdruck gerät, nicht wirklich neu nachdenken kann, nichts empfinden kann. Sie sollen "das Handwerkszeug beherrschen". Sie sollen beweisen, dass Sie gelernt haben, auf Befehl aus Nichts etwas "Vertretbares" zu machen, und morgen das vertretbare Gegenteil. Der Vertreter des Landesjustizprüfungsamts eines großen deutschen Bundeslandes fasste dies bei der eingangs erwähnten Tagung zusammen: "Der deutsche Einheitsjurist ist in der Lage, jedes beliebige Gesetz auszulegen und anzuwenden." Er meinte das ganz ernst und positiv und ist gewiss kein Zyniker.

Selbstverständlich ist es schön, dies zu können. Noch schöner wäre es, dies zu verstehen. Besonders schön aber, es zu beherrschen, ohne davon abhängig zu sein. Wer bei uns Jura studiert, muss sehr schmerzhaft lernen, dass er (oder sie) auf diesem letzteren Weg meist sehr alleine ist.