"Jura ist leicht"

Das war die Überschrift, die vor einiger Zeit das Studentenmagazin der ZEIT für ein Interview mit mir gewählt hat. Es wurde später berichtet, Jurastudenten in großer Zahl seien empört gewesen über die Missachtung ihrer Bemühungen und Leiden. Das ist Unsinn. Diese "Empörung" ist Ausdruck von kindlichem Unverständnis und Wichtigtuerei.

Warum sollte es – wenn es denn zuträfe – "beleidigend" sein, dass Jura "leicht" ist? Das wäre doch, im Gegenteil, supergut! Lasst uns alle Jura studieren, würden die Sozialpädagogen und Erdkunde-Lehramt-Studenten rufen und allesamt Fachanwältinnen für Familienrecht werden. Was wäre schlimm daran, außer dass auf irgendwelchen Studentenfeten der Moment der Ehrfurcht etwas kürzer ausfiele, wenn einer sagt, er studiere Jura im Endsemester? ("Endsemester" hat, Leserinnen und Leser, nichts mit Karzinomen zu tun. Es ist eine jura-spezifische Bezeichnung für Studenten, die ihre Bildungsbemühungen an der Universität fast gänzlich eingestellt haben und sich vollständig auf den Besuch eines privaten Repetitoriums konzentrieren).

Im Übrigen: Jura "an sich" ist selbstverständlich leicht. Was soll daran schwierig sein, dass Schuldner S dem Gläubiger G zu geben hat, was G verlangen kann? Und wenn Täter T dem Opfer O aufs Maul haut und ihm die Geldbörse entreißt, wird das vermutlich Raub sein. Auch nicht so schwierig. Jetzt kann der Gläubiger eine Hypothek haben, die ein Drittschuldner gutgläubig erworben hat, oder der Räuber T hat den Schlag nur angetäuscht, worauf O aber schon vor Schreck umgefallen ist … Das wird man auch noch hinkriegen, oder? Da sagt der eine dies und der andere das und der Bundesgerichtshof hat wie immer die herrschende Meinung.

Unter "schwierig" stelle ich mir etwas anderes vor. Zum Beispiel, innerhalb von einer halben Stunde mittels eines Zollstocks auf den Meter genau die erforderliche Größe eines Baugerüsts zu schätzen. Oder bei annähernd laufendem Betrieb das Pleuellager eines Schiffsmotors zu reparieren. Oder einen Nervus ulnaris in einem offenen Bruch zu nähen. Oder Luhmanns Vertragstheorie zu verstehen.


Jura ist schwer

Trotzdem ist irgendetwas an Jura saumäßig schwierig.

Es ist das Eintauchen in diese fremde, seltsame Welt: eine Welt der Unterwerfung und der Gewalt, der Ansprüche und Normen, der Herrschaft und der Abstraktion. Wer Jura studiert hat, wird nie mehr auf die Idee kommen, man dürfe in der Fußgängerzone vor allem deshalb nicht Radfahren, weil das gefährlich für Fußgänger ist. Der Grund ist vielmehr: Es wurde dort gemäß Paragraf X der Straßenverkehrsordnung in Verbindung mit Paragraf Y einer Kommunalen Satzung das Verkehrsschild Z aufgestellt.

Sie denken, Leserinnen und Leser, das seien nur zwei Seiten derselben Medaille? Das stimmt nicht. Es sind zwei kosmische Räume. Wenn Sie die zuständige Regierungsrätin provozieren, leitet Sie Ihnen das binnen zwanzig Minuten unter sämtlichen Bezügen auf das Grundgesetz und den EU-Vertrag ab.

Schwierig also ist das Denken. Schwierig ist es zu lernen, die ganze Welt durch den Filter des normativ (!) Machbaren zu sehen. Warum nehmen Jurastudenten das auf sich? Was haben sie davon? Sie sind ja nicht einmal sonderlich "beliebt". Auf studentischen Partys mag einem noch der Gag im Halse stocken, wenn das Gegenüber mitteilt, er/sie sei "Jura 8. Semester". Aber in der Bevölkerung sind "Juristen" überwiegend schlecht angesehen: opportunistisch, machtbesessen, hierarchieorientiert, wichtigtuerisch. Kann das Zufall sein?

Was also reißt es heraus? Wo ist der Mehrwert gegenüber unsicherer Karriere und bedenklicher sozialer Reputation?

Die Antwort lautet: Macht. Es gibt keine zweite Ausbildung – mit Ausnahme der von gewaltorientierten "Sondereinsatzkräften" –, die in einem solchen Maße das Bewusstsein vermittelt, Teil einer mächtigen Gemeinschaft zu sein, die diese Macht auch wirklich innehat. Und Juristen müssen dafür noch nicht einmal durch realen Dreck rutschen, und sie haben den zusätzlichen Kick, dass sie es sind, die die SEKs dieser Welt befehligen.