Wem machte das nicht Spaß? Jura ist ein vertracktes Angebot, den Gang und die Struktur und die Herrschaft der Welt zu begreifen und zu steuern. Vom ersten Semester an lernt der 19-Jährige, dass der insolvente Schuldner am Ende ist und dass der Täter fünfzehn Jahre eingesperrt wird aus unserem Willen und unserer Gerechtigkeit und unserer herrschenden Meinung. Amen. Und wenn er es lang genug gelernt hat, weiß er, wird er Teil dieser Kraft sein. Denn eine Ordnung muss sein. Und wer hätte gedacht, dass gerade wir es sind, denen ihr Vollzug vom Schicksal anvertraut ist?

Zwischen dem ersten und dem fünften Semester Jura verändert sich alles, nichts ist mehr wie vorher. Wenn der Freund abspringt oder die Eltern sich trennen oder die Fußballmannschaft verliert oder die Bank mit der Pfändung droht: Alles fühlt sich anders an, wenn man weiß, man ist Teil der Herrschenden Meinung. Wenn man das glaubt, kann einem nichts mehr passieren. Das, liebe Jurastudenten, ist das Leichte. Rain Man! Und das Schwere zugleich ist es, das zu entdecken.


Das Positive

Ein Letztes: Das Gejammer über die Lücke zwischen Theorie und Praxis ist unerträglich und langweilig. Die Professoren fordern mehr Theorie von den Studenten, diese fordern mehr Praxis von den Professoren. Sobald sie die heiligen Exerzitien bestanden haben, ändern sie alsbald ihre Meinung und beklagen die Ferne des großen Ganzen. Den Professoren kann das egal sein, sie sind zu nichts verpflichtet außer zur Mitwirkung an den merkwürdigen Staatsprüfungen, in denen als Gipfel der "wissenschaftlichen und praktischen" Ausbildung eine Arbeitssituation simuliert wird, die im ganzen Leben niemals wiederkehrt.

Eigentlich müsste es anders sein: Das Rechtsstudium müsste nicht Rechtstechnik bevorzugen, sondern Rechtsverständnis. Nicht Beliebigkeit, sondern Verantwortung. Nicht Rechtsbelanglosigkeit, sondern Rechtsfolgen. Es müsste die Entstehung und Bedeutung von Normativität zum Inhalt haben, die beschränkte Steuerbarkeit der Wirklichkeit durch das Recht und die überwältigende Steuerung des Rechts durch eine von wirtschaftlichen Interessen dominierte Wirklichkeit. Es müsste Gemeinsamkeit, Austausch, Diskurs, Gleichberechtigung herstellen statt "herrschender Meinungen". Es müsste den Juristen nicht als Beherrscher der Gesellschaft ansehen, sondern als deren Dienstleister.

Arbeitsgruppen ohne "Chef"! Meinungsaustausch ohne "herrschende" Meinung! Klausuren, die Verständnis prüfen statt Bedingungslosigkeit! Rechtslehre als Wissenschaft vom Menschen statt als Technik seiner Entmündigung!

Das wäre ein Anfang. Er wäre, zugegeben, ein bisschen schwierig. Der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fällt auch gewiss gleich ein, warum das absolut nicht gehen kann. Eben.

und in der nächsten Woche nun endlich:

Richter-Karrieren!