Nach der aufsehenerregenden Befragung der Kirchengliederungen zu Familien- und Sexualthemen im vergangenen Jahr hat die katholische Bischofssynode nach ihrer Tagung im Herbst weitere Fragebögen verschickt. Das Arbeitspapier "Instrumentum laboris", das das Sekretariat der Synode im Vatikan aus den Antworten zusammengestellt hat, liegt zwar erst auf Italienisch vor. Aber schon aus der Gliederung wird der Perspektivwechsel deutlich, der für Papst Franziskus so typisch ist. 

Das Papier für die kommende zweite Familien-Synode, die sich mit der "Berufung und Sendung der Familie in der Kirche und in der Welt von heute" befasst, beginnt nicht mit kirchlichen Idealvorstellungen oder moralischen Appellen, sondern mit der ungeschminkten Beschreibung der Realitäten und Herausforderungen, denen das Familienleben heute weltweit ausgesetzt ist. Und dazu gehören eben auch Verarmung, Migration, Genitalverstümmelung bis hin zu Gewalt, Terror und Krieg.

Diesen Herausforderungen hat sich eine emanzipierende Seelsorge zu stellen: "Die Kirche ist gut für die Familie, die Familie ist gut für die Kirche". Diese realitätsnahe Perspektive, die in dem Dokument deutlich wird, macht aber auch deutlich, wie notwendig es ist, sich für die Lebensbedingungen von Familien einzusetzen, vor allem in den Ländern, in denen es keine sozialpolitischen Netze gibt.

Prozess der Erneuerung

Mit der Einberufung der Doppelsynode hat Franziskus einen Prozess der Erneuerung und des Diskurses eingeleitet, wie es ihn seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht gegeben hat. Der auch direkt an das Kirchenvolk gerichtete erste Fragebogen weckte große Hoffnungen, in der Synode wurde heiß debattiert. Das Abschlusspapier im Oktober 2014 sahen viele jedoch eher als Rückschritt. Hatte die Synodenväter – nur sie waren ja stimmberechtigt – der Mut zu Reformen verlassen? Sehr irritierend dann der neuerliche Fragebogen für die kommende zweite Synode mit sperrigen, lebensfremden Fragen. Denn eigentlich hatten die Bischöfe ja schon am Ende der ersten Synode den Auftrag mit auf den Weg bekommen, in den Ortskirchen konkrete Lösungsvorschläge für die zweite Familien-Synode zu entwickeln. Doch das ist nur in sehr geringem Maße und auch in Deutschland erst spät und halbherzig geschehen.

Dabei gibt es seit Jahrzehnten theologisch gut fundierte Argumente für eine Weiterentwicklung der kirchlichen Vorstellungen von Ehe und Familie. Nur müssten diese auch von den Bischöfen rezipiert werden. Am Pfingstmontag haben sie sich auf Initiative der Vorsitzenden der deutschen, französischen und Schweizer Bischofskonferenzen damit auseinandergesetzt. Die gut vernetzten traditionalistischen Kräfte haben derweil ihrerseits Kampagnen gestartet, um die Bischöfe vor jeder noch so vorsichtigen Öffnung der katholischen Lehre zu warnen. Schlimm wäre es, wenn die Auseinandersetzung auf niedrigem populistischem Niveau ("aber Jesus hat gesagt") geführt würde, so wie dies bezüglich der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe innerkirchlich getan wird.

Keine Vorfestlegungen

Das neue Synoden-Papier hat nicht die klare Sprache, die der vor wenigen Tagen veröffentlichten Umweltenzyklika "Laudato si" des Papstes weltweite Aufmerksamkeit und Zustimmung eingebracht hat. Aber es versucht in erfreulicher Weise, Türen offen zu halten und keine Vorfestlegungen zu treffen. Auch die Abschnitte zur Homosexualität und zu den Wiederverheirateten, die im Abschlusspapier der ersten Synode nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhielten, werden erneut zur Diskussion gestellt. Unter Papst Benedikt wäre das undenkbar gewesen. Es sollen Möglichkeiten geprüft werden, heißt es in dem Text, wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Umständen wieder zu den Sakramenten zuzulassen und – dem Beispiel der orthodoxen Kirchen folgend – eine zweite, zivil geschlossene Ehe von der Kirche segnen zu lassen. Es gehe darum, "die vorhandenen Werte" in zivilen Verbindungen anzuerkennen.

Noch schwerer als bei den Wiederverheirateten tun sich die Autoren des Arbeitspapiers allerdings mit der Anerkennung homosexueller Partnerschaften. Da scheint der Schock des irischen Referendums noch nachzuwirken. Aber wenn sich die katholische Kirche, so wie es jetzt schon im Katechismus steht, weltweit für die Würde homosexueller Menschen und gegen ihre Diskriminierung einsetzt, so wäre dies zumindest ein erster wichtiger Schritt, denn nicht einmal dies ist derzeit in vielen Ländern der Fall.

Insgesamt versucht das Dokument, die Trennung zwischen "Lehre" und "Barmherzigkeit" zu überwinden, um die der innerkirchliche Streit im Wesentlichen geht. Anerkannt werden ein religiöser und kultureller Pluralismus – ein wirklich großer Schritt für die katholische Kirche. Die nächsten Monate und die Debatten in der Synode werden entscheiden, ob die von Franziskus erhoffte "Symphonie der Differenzen" gelingt oder die Polarisierung überhandnimmt; ob sich theologische Argumente und pastorale Ansätze oder  fundamentalistische Vereinfachungen durchsetzen.