Sie schreit, sie kreischt, sie keucht beim Versuch, dem Zugriff der BKA-Beamten zu entkommen: Die 22-jährige Mainzer Medizinstudentin Fagr Eladly – bekannt geworden als die Frau, die während einer Pressekonferenz im Kanzleramt dem ägyptischen Präsidenten "Er ist ein Mörder" entgegenschleuderte. Während Beamte auf sie einreden, schmettert sie Al-Sissi "Faschist" entgegen und ruft mit sich überschlagender Stimme auf Arabisch: "Nieder mit der Militärherrschaft", dann schieben Sicherheitsleute Eladly aus dem Blickfeld der Kameras, hinein in einen Fahrstuhl, wo der keuchenden Aktivistin ein "O Gott" und "Ui jui jui" entfährt – wohl überrascht von der eigenen, nahezu übermenschlichen Energie.

Al-Sissi und die Kanzlerin haben den Tumult in Begleitung von Personenschützern längst verlassen. Im Saal zurück bleiben ägyptische Journalisten – größtenteils Al-Sissi-Claqueure – sie skandieren "Ägypten ist groß" und ergreifen damit Partei für einen Präsidenten, der ohne Parlament regiert und weltweit wegen seiner Gewaltherrschaft Kritik ausgesetzt ist. Spätestens jetzt ist klar: An diesem Mittwoch ist im Kanzleramt nichts wie sonst.

Eladlys Eltern kamen aus Ägypten nach Deutschland. Sie ist hier geboren, beobachtet aber kritisch das Militärregime im Heimatland ihrer Eltern. Seit mehreren Jahren arbeitet sie auch als freie Journalistin. Auf der Pressekonferenz in Berlin war sie offiziell angemeldet. Das bestätigen das Bundespresseamt und auch ihr Auftraggeber, der als Verein organisierte freie Radiosender Rheinwelle aus Wiesbaden.

Dort hatte sie vor drei Jahren ein Praktikum absolviert und Berichte über Medizinthemen gemacht, sagt ein Mitarbeiter des Lokalsenders ZEIT ONLINE. Seitdem habe man von ihr nichts mehr gehört. Vor zwei Wochen habe sie sich wieder gemeldet und vorgeschlagen, zu der Pressekonferenz mit Al-Sissi nach Berlin zu reisen, um ihn zu interviewen. Das könnte gut ins Mittagsprogramm passen, entschied die Redaktion und meldete sie daraufhin im Kanzleramt an. Wer von dort berichten möchte, benötigt einen besonderen Ausweis und durchläuft eine polizeiliche Prüfung. Ein Sprecher erläutert, das Bundeskriminalamt verweigere nur bei Sicherheitsbedenken den Zugang zum Amtssitz der Kanzlerin.

Dort angekommen, hatte Eladly sich mehrere Fragen zurechtgelegt. Doch das Kanzleramt ließ – wie bei Staatsbesuchen oft praktiziert – nur wenige Fragen von Hauptstadtjournalisten zu, Eladly kam nicht zu Wort. Doch ohne Antworten wollte sie nicht nach Wiesbaden zurück. "Wozu gibt es denn Pressekonferenzen, wenn man nicht fragen darf?", beklagte sie später in einem Interview mit Spiegel Online. Sie habe sich geärgert.

"Wir wurden getäuscht"

Offenbar spontan entschloss sie sich zum Rollenwechsel und rief Merkel ihre Botschaft als Oppositionelle entgegen: "Frau Merkel, verbieten Sie mir nicht das Wort! Er ist ein Mörder, er ist ein Mörder, lassen Sie mich reden." Kameras klicken im Saal, TV-Objektive schwenken herum, Al-Sissis Begleiter hält es nicht mehr auf den Stühlen. Dokumentiert hat Eladly dies alles selbst. Im Netz lässt sich die Szene auf Videos aus mehreren Perspektiven ansehen.

Al-Sissi stehe für Gewalt, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Mord, erläutert Eladly ihre Motivation in einem kurz danach gedrehten Video. In ihrer Wiesbadener Redaktion war davon nichts bekannt. Zwei Tage nach Eladlys Aktion herrscht bei der Rheinwelle Ratlosigkeit. Erstaunlicherweise haben ihre Kollegen gerade erst erfahren, dass Eladly ihren Zugang ins Zentrum der Macht nutzte, um gegen Al-Sissi Partei zu ergreifen. Und dass sie Worte wählte, die anderswo als Beleidigung gelten und die nicht automatisch durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind.

"Geht gar nicht"

Die Kollegen rätseln, wie es dazu kommen konnte. "Wir wurden getäuscht, es tut uns leid, was passiert ist und wir distanzieren uns entschieden von Eladly", sagt der Rheinwelle-Mitarbeiter, der Eladly im Kanzleramt angemeldet hatte. "Wir gingen davon aus, dass sie den Präsidenten interviewt." Er werde das dem Kanzleramt in einem Brief auch so schreiben. Als freie Mitarbeiterin wird Eladly nicht mehr eingesetzt. "Sie wird für uns keine Berichte mehr machen."      

Sicher ist das Ansehen Ägyptens seit der Machtübernahme des Militärs stark gesunken: Denn unter Al-Sissi verurteilten die Gerichte Hunderte politische Widersacher zum Tode. Dennoch empfing ihn sogar Bundespräsident Joachim Gauck mit militärischen Ehren. Eine ägyptische Oppositionelle kann das schwerlich gutheißen. Doch das rechtfertige nicht, als Reporterin eine Pressekonferenz für eine Protestperformance zu nutzen, heißt es auch beim Deutschen Journalistenverband.  

Eine solche Aktion "geht gar nicht", sagt Verbandssprecher Hendrik Zörner. Ihm sei "nicht bekannt, dass wir so etwas schon einmal hatten, dass eine deutsche Journalistin sich so verhalten hat". Dass Journalisten als Staatsbürger auch eine eigene Meinung haben, rechtfertige nicht, als Aktivist aufzutreten. Die Al-Sissi-Kritikerin "hätte den Schalter umlegen" und sich als Reporterin verhalten müssen, sagt Zörner.

Ungewöhnlich war auch, dass ein Teil der ägyptischen Journalisten aus Al-Sissis Begleittross sich mit angesteckten Buttons als Unterstützer des Gastes outeten. Sie applaudierten dem Präsidenten für seine Antworten, deutsche Kollegen wiesen sie auf diesen Fauxpas hin. Zwar ist nicht ungewöhnlich, dass Politiker im Ausland von Journalisten begleitet sind, auch bei der Kanzlerin oder Ministern ist das so.

"Journalistische Speichellecker"

Günstlingsgesten sind unter Journalisten verpönt: Der Versuch eines deutschen Korrespondenten in Brüssel, auf einer Pressekonferenz seine Kollegen zu einem gemeinsam intonierten Geburtstagsständchen für Kanzlerin Merkel zu bewegen, wurde zu einem der peinlichsten Vorfälle der vergangenen Jahre.

Den Tumult, den Al-Sissis Anhänger verursacht haben, ist nach Einschätzung des Verbandes bisher einzigartig. "Al-Sissi hatte offenbar journalistische Speichellecker im Gepäck", kritisiert DJV-Sprecher Zörner. Das Problem sei, dass Propagandajournalisten zuvor nicht ohne Weiteres als solche erkennbar sind. 

Von deutscher Seite blieb Eladlys Verhalten ohne Konsequenzen, von einem schnellen Rauswurf aus dem Kanzleramt abgesehen. Die Regierung misst dem Vorfall keine größere Bedeutung zu. Man habe Eladlys Personalien aufgenommen, sagt eine Regierungssprecherin, aber kein Hausverbot erteilt. Von Sicherheitsbeamten begleitet habe sie danach das Kanzleramt auf eigenen Wunsch verlassen. Ägypten aber habe angekündigt, ihr die ägyptische Staatsbürgerschaft abzuerkennen, sagte Eladly in dem Interview.   

Ergänzung am 22.10.2015: Fagr Eladly legt Wert darauf, dass – nach Gesprächen mit dem Vereinsvorstand – der Radiosender Rheinwelle nach wie vor mit ihr zusammenarbeitet. Die ägyptische Staatsbürgerschaft sei ihr bis heute nicht aberkannt worden.