Erst brachte Andreas T. sich selbst in Misskredit, dann seinen Arbeitgeber und schließlich die hessische Regierung. Als am 6. April 2006 der Deutschtürke Halit Yozgat in seinem Kasseler Internetcafé erschossen wurde, saß T. an einem der Computer und chattete mit einer Frau, die nicht seine Ehefrau war. Seine Versuche, die Geschichte unter der Decke zu halten, machten ihn kurzzeitig zum Hauptverdächtigen.

Das Pikante: T. arbeitete als Quellenführer des hessischen Verfassungsschutzes. Als die Ermittlungen der Polizei begannen, lief rund um T. die Geheimhaltungsmaschinerie an. Der Geheimdienst mochte keine Unterlagen freigeben, keine Namen nennen – alles, um die wertvollen Zuträger aus extremistischen Milieus zu schützen. Der Verdacht kam auf: War der Verfassungsschutz Mitwisser oder gar Mittäter des Mordes an Halit Yozgat? Standen hohe Vertreter der Politik, vielleicht der damalige Innenminister und jetzige Ministerpräsident Volker Bouffier, an der Spitze des Komplotts?

Man hätte diese Fragen leicht als Verschwörungstheorie abbügeln können, als überspitzte Reaktion auf T.s linkische Vertuschungsversuche. Bis im Frühjahr dieses Jahres öffentlich bekannt wurde, was der Geheimschutzbeauftragte des Verfassungsschutzes T. am Telefon mitgeteilt hatte. "Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren." Worte, die klingen, als unterhielten sich zwei Eingeweihte. Den Ratschlag erteilte Gerold Hess, heute 70 Jahre alt und Pensionär, dem Verdächtigen gut einen Monat nach der Tat.

Am Mittwoch war Hess nun als Zeuge in den NSU-Prozess geladen – auf Antrag der Hinterbliebenenanwälte von Yozgats Familie.
"Ich war damals die Poststelle für die Polizei beim Verfassungsschutz", erzählt Hess. Heißt: Alle Kommunikation zwischen Ermittlern und Geheimdienst lief über den Schreibtisch eines Mannes – seinen. Zwischendurch telefonierte er mit T., drei Gespräche zeichneten die Polizisten der Mordkommission auf. Tatsächlich klingen die Telefonate durchaus redlich und keineswegs nach Geheimniskrämerei. So erkundigt sich T., was er in einen Bericht schreiben soll, den er dem Präsidenten der Behörde vorlegen soll.

Er solle das schreiben, was er erlebt habe, rät Hess. Und: "Wesentlich schlimmer wäre, Geschichtchen drumzustricken, die nicht stimmen. Das platzt irgendwann auf." Es sind Tipps für jemanden, der sich längst um Kopf und Kragen geredet hat. Andere Ratschläge bieten mehr Grund für Nachfragen: "So nah wie möglich an der Wahrheit bleiben", empfiehlt Hess als Strategie für Polizeivernehmungen.

Damit, sagt Hess im Prozess, habe er jedoch die Geheimhaltungsregeln des Verfassungsschutzes gemeint: "Ich sagte ihm: Es gibt auch andere Vorschriften, an die du dich bitte zu halten hast."

Ironische Eröffnungsklausel

Den pikanten Satz, "bitte nicht vorbeifahren", will Andreas T. als Scherz aufgefasst haben. Er fällt gleich zu Beginn des ersten Telefonats, auf der Aufzeichnung spricht Hess in leicht kicherndem Tonfall. "Das war eine ironische Eröffnungsklausel", sagt der Zeuge. Dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl reicht die Erklärung nicht. Also muss Hess nachlegen: "Wie kann man so blöd sein, an einem Mordtatort vorbeizufahren!"

"Und wie soll der Betreffende wissen, dass dort etwas geschehen ist?", fragt Götzl. "Das war kein Gespräch mit der Öffentlichkeit", blockt Hess ab. Wenn in dem Satz tatsächlich Ironie steckte, dann wohl verpackt in einen fremdartig anmutenden Slang von Geheimdienstlern. Hess formuliert noch einmal um: "Hätte ich das gewusst, wäre ich nie vorbeigefahren." Nur war von "hätte" eben am Telefon nicht die Rede, sondern von "wenn".

Weiter gibt es keinen Beweis, dass der Fall T. mehr war als ein Verfassungsschützer, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Doch die Zweifel an der Theorie wird T.s Behörde einfach nicht los – was auch daran liegen könnte, dass ausgerechnet ein Geheimschutzbeauftragter für Aufklärung sorgen sollte. 

Eine neue Tankquittung

Am Vormittag stellt der Nebenklageanwalt Hardy Langer einen Beweisantrag, der die Hauptangeklagte Beate Zschäpe in Schwierigkeiten bringen könnte. Er will, dass sich das Gericht mit einem Beweisstück beschäftigt, das Ermittler und Anklage anscheinend bislang ignoriert haben: die Quittung einer Shell-Tankstelle, die nur fünf Autominuten von der ehemaligen Wohnung des NSU-Trios in Zwickau entfernt liegt. Das Dokument wurde im Handschuhfach des Wohnmobils gefunden, in dem sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 nach einem misslungenen Banküberfall in Eisenach erschossen.

Am selben Tag soll die Hauptangeklagte Beate Zschäpe das Mehrfamilienhaus angezündet haben, um Beweise zu vernichten – dabei brachte sie eine greise Frau in der Nachbarwohnung in Lebensgefahr. Für das Feuer vergoss Zschäpe nach Ansicht dreier Sachverständiger Benzin in der Wohnung. Die Quittung belegt, dass an der Tankstelle genau eine Woche zuvor knapp 16 Liter Superbenzin gezapft wurden – allerdings nicht in das Wohnmobil, das mit Dieselantrieb fährt.

Die Gutachter schätzten die Menge vergossenen Benzins auf 10 bis 20 Liter – passend zur gekauften Menge. Denkbar ist, dass Zschäpe oder die Männer des Trios damit rechtzeitig einen Ausstiegsplan für den Fall geschmiedet hatten, dass ein Überfall schiefläuft. Fraglich wäre jedoch, warum nicht schon aus früherer Zeit Benzin bereitstand – und ob der Überfall von Eisenach somit als Himmelfahrtskommando geplant war.