Antonio Spadaro und ich, wir kennen uns seit sieben, acht Jahren. Wir sind Kollegen und Ordensbrüder: Seit September 2011 ist Spadaro Chefredakteur der seit 1850 bestehenden Jesuitenzeitschrift "La Civiltà Cattolica". Ich bin Chefredakteur der deutschsprachigen Jesuitenzeitschrift "Stimmen der Zeit". Spadaros Redaktion arbeitet seit 1949 in der Villa Malta. Zuvor bewohnten Kardinäle dieses Anwesen auf dem Pincio-Hügel unweit von Trinità dei Monti, am südlichen Rand des Parks der Villa Borghese. Die Malerin Angelika Kauffmann wurde hier von Goethe besucht, Wilhelm von Humboldt schätzte die Villa, die Künstler wegen ihres prächtigen Ausblicks hinüber zum Petersdom und zum Quirinal inspirierte. Seit 1827 gehörte sie den bayerischen Königen. Für eine Konferenz eingeladen, meinte Joseph Kardinal Ratzinger, als er von Ludwig I. hörte: "Mein König." Auf den Türknäufen befindet sich noch immer das Wappen des früheren Reichskanzlers Bernhard von Bülow. Einmal im Jahr höre ich gern die klangvolle Begrüßung: "Un cordiale benvenuto al direttore della revista ›Stimmen der Zeit‹ in Monaco di Baviera, Padre Batlogg."

Im Februar, während einer Tagung am Campo Santo, war ich zwar Antonios Zimmernachbar. Aber er war verreist. Vor drei Wochen, während eines Studientages an der Gregoriana zur nächsten Familiensynode, hatte er im vatikanischen Staatssekretariat zu tun und war mittags beim japanischen Botschafter beim Heiligen Stuhl. Geklappt hat es jetzt in Wien, beim jährlichen Treffen der Chefredakteure der europäischen Kulturzeitschriften des Ordens, darunter mit Frances Murphy ("Thinking Faith", London) und Lucienne Bittar ("Choisir", Genf) zwei Frauen.

2011 wurde Spadaro von Benedikt XVI. als Berater in zwei Päpstliche Räte berufen: Soziale Kommunikationsmittel und Kultur. Im Mai 2015 klopfte Franziskus an: Spadaro ist jetzt auch Mitglied der vatikanischen Medienkommission. Er hat nicht nur die "Biblioteca di Papa Francesco" ediert – Bücher sämtlicher Literaten und Theologen, die Papst Franziskus in seinem Interview von 2013 zitiert. Er hat auch ein Buch über "Cyberteologia" geschrieben. Der wohl prominenteste Jesuit Italiens ist bestens vernetzt. Privat ist er ein absoluter Apple-Fan. Silicon Valley statt Jerusalem oder Lourdes. In Rom ist er sowieso: "Zentrum seiner Abwesenheit", meinen weniger Wohlmeinende.

Wenn Papst Franziskus verreist, ist Antonio meistens in seinem Gefolge zu finden. Nicht immer offiziell akkreditiert, aber unter den Journalisten: beim Weltjugendtag in Rio, in der Türkei, in Albanien, in Korea, in Sri Lanka und auf den Philippinen, neulich in Sarajevo. Er wird den Papst im Juli auch nach Ecuador, Bolivien und Paraguay begleiten und im September mit ihm nach Kuba und in die USA reisen. Wo der Papst ist, ist Spadaro nicht weit: "Ubi Papa ibi Spadaro", spötteln manche. Jesuiten sind da nicht zimperlich: "Gelosia" (Eifersucht)!

Auf der Außerordentlichen Synode im Oktober 2014 war Antonio vom Papst persönlich berufenes Mitglied. Er himmelt den Papst nicht an. Das machen Jesuiten nicht. Aber Antonio ist überzeugt, dass das "Projekt Franziskus" die Kirche voranbringt. Und unterstützt diesen Kurs. Auf der nächsten Synode wird er wohl auch zu finden sein.

In der "CivCatt" vom 13. Juni hat Spadaro einen Artikel des argentinischen Jesuiten Diego Javier Fares veröffentlicht: "La figura del vescovo in Papa Francesco". Die "Stimmen der Zeit" bringen in ihrer August-Ausgabe eine deutsche Übersetzung: "Hirten, nicht Herrscher. Papst Franziskus über die Gestalt des Bischofs".

Frage: Antonio, du hast im August 2013 das erste ausführliche Interview mit Papst Franziskus geführt, das dann in 13 Jesuitenzeitschriften in ganz Europa gleichzeitig online freigeschaltet wurde. Es erregte weltweit Aufsehen. Wenn du an diese ersten Begegnungen mit dem Papst zurückdenkst: Mit welchen Gefühlen bist du ihm damals in Santa Marta begegnet?

Antonio Spadaro: Der Papst gab mir das starke Gefühl, willkommen zu sein. Ich fühlte mich unmittelbar zu Hause. Es war das erste Mal, dass ich einem Papst vis-à-vis begegnete und nicht nur in einer Audienz. Während der Treffen wurde ich nie den Eindruck los, dass er Autorität ausstrahlte. Aber es gab überhaupt kein Gefühl von Distanz. Es war eher, als säße man einem Vater gegenüber. Diese Empfindung ist bis heute erhalten geblieben und nicht nur Erinnerung.

Frage: Es heißt, Papst Franziskus sei kein Interviewtyp. Inzwischen hat er viele Interviews gegeben: autorisierte und solche, die eher in die Abteilung "Dichtung und Legende" gehören. Täuscht der Eindruck, dass er Interviews und Pressekonferenzen bewusst nutzt, um seine Anliegen zu verbreiten, dafür zu werben?

Spadaro: Als ich das Interview bei ihm anfragte, sagte er: "Nein. Ich brauche fünf bis zehn Minuten, um zu antworten. Das dauert zu lange." Dann sah ich in seinem Gesicht, dass er begann, darüber nachzudenken. Schließlich sagte er: "Sende mir Fragen, und ich sende dir schriftliche Antworten zu." Nach dem Weltjugendtag in Rio, im August 2013, rief er mich an und sagte, es sei doch besser, miteinander zu sprechen. Er benutzt verschiedene Genres, um das auszudrücken, was er sagen will. Er hält offizielle Reden, aber er kann Dinge, die ihm wichtig sind, auch bei seinen Morgenmessen in Santa Marta oder im Gespräch mit Kindern öffentlich machen. Sein Lehramt überschreitet die Genregrenzen. Für ihn ist das Thema wichtig, nicht so sehr der Anlass. Als ich mit ihm zusammensaß, haben wir eher eine echte Unterhaltung geführt als ein formales Interview. Es war ein Dialog, ein Gespräch. Ich habe im Laufe dieser Unterhaltung meine Art zu fragen verändert und irgendwann auch andere Fragen gestellt als diejenigen, die ich sorgfältig vorbereitet hatte.

Frage: Bremst "der Apparat", also die vatikanische Kurie, Franziskus in seiner Spontaneität aus? Hat er Feinde?

Spadaro: Ich würde es anders sagen. Für ihn ist entscheidend, dass er er selbst sein kann. Er ist immer er selbst. Er möchte mitteilen, was er in seinem Kopf und in seinem Herzen hat. Als ich seine Reisen begleitete, sah ich: Wenn er merkt, dass das Redemanuskript nicht zu einer Situation passt, lässt er das Manuskript beiseite und spricht aus dem Stegreif. Das ist keine Frage von Spontaneität, sondern von Authentizität.

Frage: Wie erlebst du ihn jetzt, im dritten Jahr seines Pontifikats?

Spadaro: Ich erlebe ihn als stille und ernsthafte Person. Er ist ein Mann des Gebetes. Wenn du mit ihm zusammen bist, erfährst du einen tiefen Frieden. Er ist ein Mann Gottes. Franziskus hat keine Angst um die Kirche. Er ist sehr gut informiert und wach. Aber er vertraut wirklich Gott, und er vertraut auf den Prozess, den Gott in der Kirche angestoßen hat. Ich kann dieses Gefühl von Stille, Ruhe und tiefem spirituellem Frieden gut nachempfinden.