Heute stellen viele sich (und anderen) die Entwicklung des Strafrechts als eine Fortentwicklung vom "Zufall" zur "personalen Zurechnung" dar. Daran ist viel Wahres, wie überhaupt an der Verfeinerung der Welt: vom Bakterium zum Individuum. Heute, da das ganze Universum aus Dollarscheinen besteht, die irgendjemandem "gehören" müssen, weil sie sonst keinen Sinn hätten, muss ein jeder Mensch verantwortlich sein. Die Verschmutzung des Flusses Ganges ist die Schuld der dreckigen Pilger, und der Untergang der Deutschen Bank ist die Schuld von Anshu Jain.

Der ewige Fremde ist uns trotzdem geblieben. Er kommt nicht aus Arizona, sondern aus der Ukraine oder Syrien, und reitet auf einem wilden Yak aus den Flanken des Himalaya direkt bis Lampedusa. Der Zufall hat sein Gesicht und seinen Namen geändert. Er heißt jetzt "Fukushima" oder "Deepwater Horizon" oder "MERS". Wir fürchten uns sehr. 

Fahrlässigkeit

Gerichte, gerade Strafgerichte, haben ziemlich oft mit Konstellationen zu tun, wie sie in den Eingangsfällen geschildert sind. Sie verhandeln und entscheiden darüber meist unter dem Gesichtspunkt der "Fahrlässigkeit". Das ist ein Begriff, der im Gegensatz zum "Vorsatz" verwendet wird. Die Abgrenzung können Sie sich anhand eines Beispiels klarmachen:

Sie standen auf dem Balkon Ihrer Wohnung im 8. Stockwerk. Sie warfen einen Ziegelstein hinunter. Dieser traf den Passanten X und verletzte ihn tödlich. Die Strafe, die auf Sie wartet, liegt irgendwo zwischen einer Verwarnung und einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Den Unterschied macht allein ihre subjektive Einstellung, das Ausmaß Ihres bösen Willens: 

Vorsatz ersten Grades: Wenn Sie den Ziegelstein auf die Straße warfen, weil dort ihr Feind X spazieren ging und sie ihn treffen und töten wollten, heißt das "Absicht", und die Tat heißt "Totschlag".

Vorsatz zweiten Grades: Wenn Sie den Stein auf eine Gruppe von Menschen hinabwarfen und sicher waren, dass irgendeiner von ihnen tödlich getroffen wird, heißt das "direkter Vorsatz".  

Vorsatz dritten Grades: Wenn Sie den Stein warfen und dachten: "Ich könnte jemanden tödlich treffen. Der hat dann halt Pech gehabt", nennt man das "bedingter Vorsatz" (Für-möglich-halten des Erfolgs und "Billigendes In-Kauf-nehmen").

In allen drei Fällen würde eine vorsätzliche Tötung vorliegen (der sogenannte Totschlag), bei Hinzutreten weiterer Merkmale (im Beispiel naheliegend: Heimtücke) vielleicht auch der sogenannte "Mord".

Wenn Sie den Stein warfen und dachten: "Es könnte jemand tödlich getroffen werden. Hoffentlich passiert das nicht", nennt man das: bewusste Fahrlässigkeit.  "Bewusst", weil die Möglichkeit eines Schadens erkannt wird, fahrlässig, weil der Schaden eben nicht "gewollt" und auch nicht "in Kauf genommen" wird, sondern der Handelnde darauf vertraut und wünscht, es werde schon "gut gehen".

Und wenn Sie den Stein warfen und dachten: "Da kann gar nichts passieren; da geht doch nie jemand", ist das "unbewusste Fahrlässigkeit". Es muss also schon die Möglichkeit des Schadenseintritts nicht erkannt werden. Wer also den Stein einfach beiseitelegt und gar nichts denkt, ist "unbewusst fahrlässig", wenn der Stein abrutscht und herunterfällt.  

Wenn Sie sich, Leserinnen und Leser, die Mühe machen und ein bisschen hineindenken in unsere Beispielstäter, werden Sie schnell feststellen, dass die Strafe von den Beweggründen abhängt und die besonderen Schwierigkeiten des Nachweises im Bereich zwischen "bedingtem Vorsatz" und "bewusster Fahrlässigkeit" liegen. In diesem Bereich ist ein unergründlicher Ozean menschlicher Emotionen verborgen. Die Gerichte müssen versuchen, im Nachhinein, oft viele Monate nach dem Ereignis, herauszufinden, was jemand beim Werfen des Ziegels, beim Schnellfahren oder Alkoholtrinken wohl "gedacht" und "gebilligt" haben mag.

Manchmal ist das einfach: Der "Lückenspringer" T, der im Kolonnenverkehr ständig halsbrecherisch überholt, wird nach aller Wahrscheinlichkeit eine frontale Kollision mit einem entgegenkommenden PKW nicht "billigen" – schon um der Heiligkeit des eigenen Blechles willen. Das Unrecht seines Handelns ist kein bisschen höher, wenn in dem ("zufällig") entgegenkommenden Fahrzeug zwei Menschen sitzen und getötet werden. Und es erscheint uns, selbst als Außenstehende, schwer erträglich, dass Herr T – der gedacht hat: "Sollen die doch ausweichen!" – nicht wegen Totschlags bestraft wird, sondern nur wegen fahrlässiger Tötung: also einer Freiheitsstrafe von vielleicht zwei Jahren statt zwölf. Die Angehörigen der Umgekommenen werden das Urteil sicher als ungerecht und unerträglich empfinden. Die Eltern des Kindes im Eingangsfall 3 haben kein Verständnis für die zu erwartende milde Strafe wegen "Fahrlässiger Tötung": ein Jahr auf Bewährung und zwei Jahre Fahrerlaubnissperre.