Das Rechtsgut

Was ist das für eine merkwürdige Strafvorschrift? Warum soll man nicht ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund töten? Und vor allem: Was ist ein vernünftiger Grund? Auf dem Weg zu einer Antwort muss ich kurz ausholen.

Der Mensch hat 100.000 Jahre lang andere Menschen für deren Abweichungen vom Gesollten "bestraft": mit Schmerzen und Qualen, Feuer und Verdammnis, lächelnd und triumphal, mitleidend und mit schlechtem Gewissen. Dann, angeblich gegen 1813, fragte er sich (nicht zum ersten, aber für uns greifbarsten Mal): Warum eigentlich? Schon 30 Jahre später fand er eine Antwort, an der wir bis heute festhalten: um der Rechtsgüter willen!

Was ist ein Rechtsgut? Die Theorie des 19. Jahrhunderts meinte: ein Gut, eine Erscheinung, ein Gegenstand in dieser Welt, der einen "Wert" hat für den Menschen, also für seine Existenz und seine Behauptung in der Welt der Dinge. Im Gleichschritt kamen die sieben eisernen Zwerge des Positivismus daher: Rechtsgut ist, so krähten sie, was der Souverän als solches erkennt! Von der anderen Talseite seufzten zurück die bleichen Traumgestalten der frühen Soziologie: Rechtsgut sei, was dem Fortkommen des Menschen nützlich ist!

Über allem schwebte vermutlich schon damals der ewige Niklas Luhmann: Es wird das eine schon seine Wirkung haben und das andere auch, wisperte er, und gleich morgen schreiben wir die Funktionstheorie des Rechtsguts! Von Ferne riefen, likörinspiriert, die ungleichen Brüder Karl Marx und Max Weber herüber: Wo bleibt die Wirklichkeit?

Jura, drittes Semester

Es gibt Individualrechtsgüter und Kollektivrechtsgüter. Individualrechtsgüter sind soziale Gegebenheiten, die der einzelnen Person dienen oder ihr als wertvoll erscheinen. Erstes Beispiel: Eigentum.

Einwand: Das Eigentum ist als solches überhaupt kein Individualrechtsgut, sondern nur die spezifische Verfassung der Gewalt einer ganzen Gesellschaft. Der Mensch ist nicht als "Eigentümer" geboren, und die Dinge dieser Welt sind nicht als "Eigentum" gemacht, sondern bestanden 1.000 Millionen Jahre lang, bevor jenes Zauberwort gedacht war. Der arme Tor Robinson flehte das Meer und die Insel und die Kokosnuss an, sein Eigentum zu sein, da er es nicht besser wusste. Es war aber allein seine Gewalt gegen die Wilden, die es vollbrachte.

Zweites Beispiel: Ehre. Siehe Kolumne aus der Kalenderwoche 17. Einwand: Wenig Individualität; überwiegend Soziales. "Ehre" dient nicht dem Einzelnen, sondern der kollektiven Orientierung.

Drittes Beispiel: Sexualität. Einwand: Nichts ist privat, erst recht nicht die Sexualität. Schon die Beschreibungen fliegen über die Zeit dahin wie Nebel. Sexualität wird von Anfang an sozial vermittelt und verwaltet. Scheinbar ewige Gewissheiten brechen binnen Jahren zusammen. Verteilungen von Fortpflanzungschancen werden verhandelt unter schrecklichem Aufwand von Moral, Kontrolle, Limitierung, Angst.

Wie ist es mit dem angeblichen Gegenteil: Kollektivrechtsgüter? Sicherheit des Straßenverkehrs. Zuverlässigkeit des Beweises. Öffentlicher Friede. Umwelt. All dies, so sagt uns die Analyse, sind Reflexe, sprachliche Antworten auf Fragen, Versuche, in den in der Lebenswelt unüberschaubaren und unbegreiflichen Strukturen und Zusammenhängen eine Orientierung zu finden durch das Aussprechen von Namen, die ein Übel oder ein anderes beim Namen nennen und uns daher zu einer immerhin vagen Vorstellung unseres Selbst verhelfen: Rumpelstilzchen! Terrorismus! Affe!

Ergebnis, zugegebenermaßen sehr verkürzt: Die Individualrechtsgüter sind nicht wirklich individuell, die Kollektivgüter nicht wirklich kollektiv. Was ist "kollektiv" daran, dass der Einzelne auf die Straße gehen kann, ohne getötet, vergewaltigt oder beraubt zu werden? Und anders: Sind die Stimmen, die ein australischer Ureinwohner hört, sein Eigentum, oder sein Selbst? (Wer das für eine blöde Frage hält: Denken Sie kurz über die Verwertungsrechte an der CD nach!) Immerhin hat all das mit Menschen zu tun, ist also aus Sicht von Wesen formuliert, mit denen wir uns, mühsam bisweilen, mithilfe einer gewissen Empathie zu identifizieren vermögen.

Tierschutz, Umweltschutz, Menschenschutz

Tiere sind Sachen. Tiere sind Dreck. Tiere sind Biomasse, Beifang, vor allem aber Material: 58 Millionen Schweine werden jährlich in Deutschland geschlachtet, 10 Millionen Rinder, 220 Millionen Hähnchen allein in den Betrieben eines einzigen (nicht des größten) Großherstellers. Der deutsche Mensch isst 88 Kilogramm Fleisch pro Jahr, davon knapp 20 Kilogramm Geflügel. Dazu kommen 16 Kilogramm Fisch (1,3 Milliarden Kilogramm). Wir verfüttern Schweineteile an Rinder, Fisch an Schweine, Geflügel an Fische. Hunde essen wir nicht. Nacktschnecken zerschneiden wir mit Gartenscheren, Weinbergschnecken zermatschen wir vor dem Essen. Austern essen wir gern, Schlangen nicht. Anderswo werden Elefanten gegessen, Affenhände und Vogelspinnen in Lake. Ratten essen uns, wenn wir nicht aufpassen oder uns nicht rechtzeitig vergraben lassen.

Als ich jung war, glaubten die meisten, die Zahl der Heringe und der Thunfische sei auf ewig "unermesslich". Heute denken manche: Oh du glückliche Zeit, als John F. Kennedy den atomgetriebenen Staubsauger weissagte und Ludwig Erhard die formierte Gesellschaft. Als uns das ganze Universum ein Eigentum schien: der Löwe in der Steppe und der Neger in der Hütte und die kleine Frau zu Hause. Das ganze Öl und der Mond und die Sterne. Diese Zeit dauerte, grob geschätzt, von 1789 bis 1914. Seither sind wir wieder im eisigen Zubiss des Zweifels, aber offenbar entschlossen, die Sache zu Ende zu bringen, koste es, was es wolle. Zur Seite steht uns ein Strafrecht, das stolz ist, an seinen Begriffen seit 1851 nichts Wesentliches geändert zu haben.