Der Strand des Hotels Imperial Marhaba ist fast verlassen. Nur wenige Menschen spazieren langsam am Strand entlang. Der Tatort am Mittelmeer ist mit gelb-schwarzem Flatterband abgesperrt, vereinzelt liegen Blumen im Sand und auf den weißen Sonnenliegen. Bewaffnete Polizisten bewachen das sandige Areal, auf dem sich am Freitagmittag das schwerste Massaker an Touristen in der Geschichte Tunesiens zugetragen hatte. Seit Samstagabend ist auch Gewissheit, dass mindestens ein Deutscher getötet worden ist. Eine weitere deutsche Staatsangehörige sei verletzt worden, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. 

Bis tief in die Nacht saßen schockierte Gäste in den Sesseln der Hotelhalle. Andere verbarrikadierten sich in ihren Zimmern und warteten nur noch auf die Abreise. Staatschef Beji Caid Essebsi war an den Tatort gekommen und schüttelte sichtlich bewegt und mit dunkler Sonnenbrille vor den Augen einzelnen Überlebenden die Hand. "Dieses Attentat ist schlimmer als schrecklich", sagte er zu den Urlaubern. 38 ihrer Mitreisenden waren Stunden vorher getötet worden, etwa genauso viele liegen angeschossen im Krankenhaus, acht von ihnen im kritischen Zustand.

Auf der anschließenden improvisierten Pressekonferenz wirkte der 88-jährige Präsident trotz seines hohen Alters resolut und entschlossen. "Wir können mit dem Terrorismus nicht alleine fertig werden, wir brauchen eine globale Strategie und eine Zusammenarbeit aller demokratischen Nationen", sagte er mit fester Stimme in dem Hotel, das einer Abgeordneten der tunesischen Nationalversammlung gehört. "Wir werden nicht zulassen, dass die schwarze IS-Fahne unsere Nationalflagge verdrängt."   

In der Innenstadt von Sousse gingen Demonstranten auf die Straße. "Für ein freies Tunesien" und "Raus mit den Terroristen" skandierten sie. Premierminister Habib Essid gab in Tunis bekannt, die Regierung werde eine spezielle Touristenpolizei schaffen zum Schutz der Küste und der Badehotels. Außerdem sollen in den kommenden Tagen 80 inoffizielle Moscheen geschlossen werden, da deren Imame im Verdacht stehen, Hass zu predigen und zum Terrorismus aufzurufen.  

Schwerer Schlag für Tunesiens Tourismusindustrie

Für Tunesiens Tourismusindustrie ist dieser zweite Terroranschlag nach dem Attentat im Bardo-Museum vor drei Monaten eine Katastrophe, deren Dimensionen sich noch gar nicht ausmalen lassen. 190.000 Hotelbetten hat das Land. 6,1 Millionen Gäste buchten im letzten Jahr einen Urlaub in der kleinen nordafrikanischen Mittelmeernation, eine Million weniger als zu den besten Zeiten vor dem Arabischen Frühling 2011. 

Zuletzt erwirtschaftete die Ferienbranche stattliche 16 Prozent des tunesischen Bruttosozialprodukts. 470.000 Menschen arbeiten im Tourismus, das entspricht knapp 14 Prozent aller Beschäftigten. Zusätzliche zwei Millionen profitieren indirekt als Lieferanten, Fahrer, Landwirte oder Handwerker von dem Feriengeschäft.

Was die Terrortat für die gerade beginnende Hochsaison in Tunesien bedeutet, ließ sich bereits seit den Nachtstunden zu Samstag auf dem Enfidha-Flughafen in Sousse ablesen. Bis vor die Außentüren des Abflugterminals stauten sich die Reisenden, die nur noch eins im Sinn hatten: möglichst schnell wegzukommen aus dem Land, in dem tags zuvor ein junger Informatikstudent wahllos 38 Urlauber erschoss, die meisten von ihnen aus Großbritannien. Über 5.000 Touristen sind inzwischen ausgeflogen worden, abgeholt von einer Flotte von gut 25 Charterflugzeugen, die europäische Reiseveranstalter sofort in Richtung Tunesien dirigiert hatten. Vier extra bestellte Flugzeuge seien aber leer wieder weggeflogen, sagte Flughafendirektor Mohamed Walid Ben Ghachem. Einige Touristen hatten sich wohl entschieden, doch zu bleiben.

Hatte der Attentäter einen Komplizen?

Fotos zeigen Seifeddin R. während der Tat. Er trägt eine kurze Hose und ein schwarzes T-Shirt – und in der Hand das Sturmgewehr, mit dem er Dutzende Menschen tötete, bevor er selbst erschossen wurde. Widersprüchliche Angaben gibt es nach wie vor zu möglichen Komplizen. Auf Fotos ist die Festnahme eines zweiten jungen Mannes dokumentiert, der von einer aufgebrachten Passantin mit Fäusten traktiert wird. Trotzdem gab die Polizei bekannt, der getötete Seifeddine R. habe auf eigene Faust gehandelt.  

Viele Informationen über den Werdegang des jungen Mannes gibt es nicht. Er stammt aus einer armen Gegend in der nordtunesischen Provinz Siliana. Laut der Zeitung Al-Chourouk war er einst Religionsschüler in einer nichtstaatlichen Einrichtung. Zudem hatte er Elektroingenieurswesen studiert, und zwar in der Stadt Kairouan, einer Hochburg von Salafisten.

So lässt sich auch der angebliche Kampfname des Attentäters erklären, den die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verbreitete: Abu Jahja al-Kairuani. Sie preisen ihn als Krieger des Kalifats, der "diese Höhle des Lasters ausgeräuchert" habe. Ob sich R. tatsächlich dem IS angeschlossen hatte, ist aber unklar. Nach Angaben der Regierung hatte er Tunesien nie verlassen.

Dagegen berichteten seine Bekannten gegenüber tunesischen Medien, der 23-Jährige habe nur selten eine Moschee besucht und auch gerne mal einen Joint geraucht. Das Hotel Imperial Marhaba kannte er offenbar gut, weil er dort bisweilen als Animateur für europäische Urlauber gearbeitet haben soll.