DIE ZEIT: Herr Huber, der türkische Präsident hat bei den Wahlen am letzten Sonntag eine Niederlage erlitten – und damit auch seine reaktionäre Religionspolitik. Haben Sie sich darüber gefreut?

Wolfgang Huber: Erdoğan hat die Parlamentswahl zu einer Abstimmung über das von ihm angestrebte Präsidialsystem gemacht. Das kostete die AKP die absolute Mehrheit. Die Reaktion der Wähler auf Erdoğans Bruch der Pflicht zur präsidialen Zurückhaltung finde ich gut.

ZEIT: Ist die Re-Islamisierung der Türkei nun gescheitert?

Huber: Das kann ich noch nicht beurteilen. Die Vorstellung, die Re-Islamisierung sei nur ein Werk Erdoğans, wäre sicher zu einfach.

ZEIT: Haben Sie Verständnis für das wachsende religiöse Selbstbewusstsein türkischer Muslime?

Huber: Religiöses Selbstbewusstsein ist nichts Schlimmes. Bedauerlich aber, dass in der Türkei der Geist der Aufklärung an den Rand gedrängt wurde. Die derzeitige Vermischung von Religion und Politik beunruhigt mich.

ZEIT: Wann haben Sie sich zuletzt über Religion wirklich geärgert?

Huber: Ärger ist nicht mein Problem. Es gibt momentan eine Verbindung von Religion und Gewalt, die mich tief erschüttert – auch weil wir bisher keine Instrumente entwickeln, um darauf zu reagieren. Wir führen nicht einmal eine vernünftige Debatte über den Dschihadismus.

ZEIT: Sie meinen den Erfolg des "Islamischen Staates"?

Huber: Der IS ist nur das extreme Beispiel für eine Versuchung, die allen Religionen innewohnt: Atavismus.

ZEIT: Der Rückfall in eine primitive Auffassung von Gesellschaft.

Huber: Und die Bereitschaft, Menschenleben zu opfern im Namen eines Gottes oder einer gemeinsamen Sache. Darin ist der IS atavistisch und modern zugleich.

ZEIT: Manche Islamwissenschaftler nennen den IS unislamisch. Andere sagen, der IS sei die konsequente Umsetzung einer seit Jahrhunderten erstarrten Theologie. Was denken Sie?

Huber: Es gibt einen Islam, der alles, was er für wahr hält, gegenüber Veränderungen absichert und behauptet, der Koran sei nicht auslegbar. Zugleich gibt es einen Islam, der sich mit geistigen Strömungen unserer Zeit verbindet und offen ist für eine friedliche Koexistenz mit Christen und Juden. Doch in den letzten Jahrzehnten erleben wir beängstigende Formen von Islamisierung: Im Iran mündete die Revolution gegen den Schah in einen verkrusteten Herrschaftsislam. Im Irak artet der Fundamentalismus nun in einen Genozid aus. Durch die massenhafte Tötung und Vertreibung von Menschen soll ein Staatsgebiet entstehen, in dem nur ein einziger Glaube Heimatrecht hat. Das ist, 67 Jahre nach der UN-Konvention gegen den Völkermord, ein Rückfall in die Barbarei.

ZEIT: Sie setzen sich klar für einen militärischen Schutz potenzieller Opfer des IS ein. Warum?

Huber: Erstens, weil wir die Verfolgten nicht im Stich lassen dürfen. Zweitens, weil Bürgerinnen und Bürger unseres Landes plötzlich zu Kämpfern des IS werden. Das Drama findet nicht nur im Irak statt, sondern ist uns ganz nah.

ZEIT: In der öffentlichen Debatte bemühen wir uns, Islam und Islamismus voneinander abzugrenzen. Wir sagen, die Religion werde von Terroristen missbraucht. So erscheint sie plötzlich sakrosankt und erhaben über Gewalt.

Huber: Aus der Gewaltgeschichte des Christentums wissen wir, dass das nicht stimmt. Religiös motivierte Gewalt muss immer als solche kritisiert werden, dazu gehört auch das Bekenntnis von Schuld. Ich habe selbst den moralischen Bankrott der Kirchen im Ersten Weltkrieg erforscht, und natürlich beschäftigen wir deutschen Protestanten uns vor dem Reformationsjubiläum 2017 mit Luthers maßloser Ablehnung der Türken und der Juden. Ohne Selbstkritik gibt es keine Selbsterkenntnis und keine Umkehr. Deshalb beunruhigt es mich, wenn Vertreter muslimischer Organisationen sagen, der IS habe mit dem Islam nichts zu tun.