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Abe Foxman zu sehen, wie er in der Öffentlichkeit die Tränen aus seinem Gesicht wischt, vor einem Publikum von rund 1.000 Menschen, das wird man nicht oft erleben, wenn überhaupt je wieder. Aber als Foxman kürzlich im New Yorker Waldorf-Astoria-Hotel geehrt wurde, ist es passiert.

Es war nicht die einzige außergewöhnliche Erfahrung, die man im Waldorf machen konnte. Ich war schon bei vielen Veranstaltungen dort, mehr als ich zählen kann, aber diese hat alles übertroffen. Zuallererst: das Essen. Ich habe noch nie Piroggen mit Honig probiert, bis zu dieser Ehrung. "Köstlich" ist ein Wort, das es kaum beschreibt. Darüber hinaus gab es, wo man auch hinging, selbst an der Rezeption, Berge von Speisen aller Art, alle Sorten, alle Geschmäcker, in allen Größen. Abe liebt große Portionen und hat einen erlesenen Geschmack, und an diesem Abend teilte er das mit uns allen.

Abe, der ein halbes Jahrhundert Judenhasser bekämpft hat, verlässt die Arena mit der wuchtigsten Zurechtweisung, die er Judenhassern allerorten hätte erteilen können. Wäre auch nur einer von ihnen dort aufgetaucht und hätte gesehen, wie die Juden ein solch königliches Gelage feiern, er wäre kollabiert und auf der Stelle vor Enttäuschung und Wut gestorben. Wäre beispielsweise Adolf Hitler aus seinem Grab gestiegen, wo immer das sein mag, und wäre zu dieser Ehrung erschienen, es hätte ihn gleich wieder ins Grab gebracht. Dieser Abend ist der größte Albtraum für die Judenhasser überall.

Unter den Freunden, die erschienen und Lobreden auf Abe hielten, waren die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen Samantha Power und Präsident Obamas Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice. Einige überbrachten ihr Lob per Videoaufzeichnung, darunter George W. Bush und Barack Obama. Die größte Überraschung des Abends war die Tatsache, dass der Papst und der saudische König nicht erschienen.

Ich kenne Abe seit Jahren, manchmal habe ich ihn auch angeschrien, aber ich habe immer anerkannt, dass Abe der letzte der Mohikaner ist. Am Fließband des Himmels, wo sie angeblich die Menschen erschaffen, stellen sie diese Gattung nicht mehr her. Man kann ihn lieben oder hassen: Abe ist einzigartig. Er war es immer.

Viele Jahre war der Name Abe Foxman gleichbedeutend mit der ADL (Anti-Defamation League, C.L.). Bis heute ist es so: Wenn jemand ADL sagt, ist nicht zu unterscheiden, ob er die Person Abe Foxman meint oder die Organisation ADL.

Das ist Abe Foxman, der außergewöhnliche amerikanische Jude unserer Zeit.

Vor 50 Jahren trat Abe in die ADL ein, 28 Jahre davon lenkte er ihre Geschicke als nationaler Direktor.

Ich werde New York für längere Zeit verlassen, also habe ich mich vor meiner Abreise mit Abe zusammengesetzt und ihn gebeten, eine Bilanz seiner Jahre in der ADL zu ziehen, und unter anderem gefragt, wie er den Antisemitismus hier und im Ausland sieht, was er von Obama hält und wie er über amerikanische Juden denkt.

Hier folgt unsere Unterhaltung, zumindest das Meiste davon.

Ich möchte wissen: Ist der Antisemitismus mehr oder weniger geworden in den 28 Jahren oder in den 50 Jahren?

"Beides ist richtig: Auf der einen Seite ist es besser geworden, auf der anderen schlechter."

Erklär mir das!

"Ich würde sagen, dass es in den Vereinigten Staaten deutlich besser geworden ist in den vergangenen 50 Jahren. Als ich angefangen habe, lagen wir in diesem Land, wenn man die Einstellung der Menschen betrachtet, bei einem Drittel: Ein Drittel der amerikanischen Öffentlichkeit war vom Antisemitismus infiziert. Heute ist Amerika nicht immun, aber der Anteil liegt bei 10, 12 Prozent. Das ist immer noch sehr ernst, weil es bedeutet, dass 35 bis 40 Millionen Amerikaner schwer erkrankt sind am Antisemitismus. Aber Gesetzgebung, Gerichtsverfahren, Bildung, all das zusammengenommen hat Wirkung gezeigt. Ich glaube aber, das wahrscheinlich Wichtigste ist: In diesem Land erlauben unsere Gesetze, dass jemand ein religiöser Fanatiker ist, ein Antisemit. In Europa gibt es Gesetze gegen Antisemitismus, hier nicht. Warum? Weil es in diesem Land so ist: Selbst wenn das Gesetz es erlaubt, ist der Druck der Gesellschaft so groß, dass es Konsequenzen hat, öffentliche Konsequenzen, ein Antisemit zu sein. Wer hier Geschäfte macht und antisemitisch agiert, wird nicht viel Erfolg haben. Erinnerst du dich an Mel Gibson? Er war ein großer Hollywood-Held: der beste Produzent, der beste Regisseur, der beste Schauspieler. Und er hat sich als Antisemit entpuppt. Das war sein Absturz. Nicht wegen der Gesetze, nicht durch einen Prozess, sondern weil das amerikanische Volk das ablehnt."

Aber diese Ablehnung hat mit Gesetzen begonnen, richtig?

"Ja."

Gäbe es die ADL nicht, glaubst du, der Antisemitismus wäre in diesem Land heute auf demselben Level?

"Das sollen andere beurteilen."

Was denkst du?