Was beschäftigt Sie gerade? Warum tun Sie das, was Sie tun? Was ist der Sinn des Lebens? Das fragen wir regelmäßig einen von 80 Millionen Menschen in Deutschland. Hier antwortet Susanne Sachs, 30.

"Man soll als Altenpflegerin natürlich keine Lieblinge haben, aber mir sind oft Bewohner besonders sympathisch, die mir irgendwie ähnlich sind. Auch, wenn das manchmal meiner Arbeit in die Quere kommt. Ich kann einfach genau verstehen, wenn einer morgens sagt: Ich habe noch keine Lust, aufzustehen, lass mich doch noch schlafen.

Oder wenn jemand wütend wird und schimpft, weil etwas nicht klappt. Ich werde dann nicht sauer, ich kenn ja meine Bewohner. Manche wollen einfach in Ruhe gelassen werden, andere wollen Zuspruch. Wichtig ist vor allem, dass sie merken: Es ist okay, dass sie wütend sind.

Mein Beruf gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn es den Bewohnern schlecht geht, jemand traurig ist oder Schmerzen hat, helfe ich ihm. Ich mache das Leben für diese Menschen schöner.

Und ich lerne viel von den alten Menschen. Wenn sie erzählen, was sie bereuen, dann sind das fast immer Dinge, die sie verpasst haben, die sie nicht getan haben. Nur ganz selten bereut mal einer etwas, das er gemacht hat. Eine ältere Dame hat jeden Morgen geweint und gesagt, sie hätte den amerikanischen Soldaten küssen sollen. Aber sie hat sich nicht getraut, weil sie Angst davor hatte, was die Leute denken, wenn sie mit dem Besatzer rumknutscht. Sie war über neunzig und bereute das immer noch.

Ich versuche also, immer das zu machen, was ich möchte. Ohne darüber nachzudenken, was die anderen dazu sagen. Wenn ich irgendwann mal sterbe, möchte ich nichts bereuen, nicht denken: Das wollte ich doch noch machen. Ich bin nach Nepal gegangen und habe fünf Monate in einem Krankenhaus gearbeitet. Ich habe dort viel Armut gesehen. Vieles, das meine Perspektive auf Deutschland verändert hat. Aber es war mit die beste Zeit in meinem Leben. Eines Abends war ich auf dem Rückweg ins Dorf und bin an Getreidefeldern vorbeigelaufen. Es war schon dunkel, aber man konnte gut sehen, weil so viele Sterne geleuchtet haben. Und das ganze Feld war übersäht mit Glühwürmchen. Das war wunderschön. Ich konnte es nicht fotografieren, aber das Bild habe ich in meiner Erinnerung gespeichert.

Danach bin ich aus meinem Heimatdorf in Baden nach Köln gezogen. Ich habe meine Familie und meine Freunde zurückgelassen, obwohl ich niemanden in Köln kannte. Aber so habe ich meinen jetzigen Freund getroffen.

Wenn ich selbst alt bin, habe ich hoffentlich Kinder und Enkel und bin nicht allein. Und ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe und lange selbstbestimmt leben kann. Das würde ich meinen Bewohnern auch allen gönnen, obwohl ich dann arbeitslos wäre. Auf Hilfe angewiesen zu sein, damit würde ich mich sehr schwer tun. Ich hoffe, dass ich einen Weg finde, damit klarzukommen, wenn es soweit ist."