In ihrer kleinen Heimatstadt an der tunesischen Küste durfte sie keine Lesbe sein. Deshalb ist Yosr nach Deutschland geflohen. Sie will darüber sprechen, ohne dass ihr wahrer Name in der Zeitung steht. Ihre kurzen schwarzen Haare stehen dank Haarlack wellenförmig ab. Sie trägt mehrere Halsketten, an einer hängt ein kleiner Fisch. Er soll sie vor dem bösen Blick schützen, falls sie beim Flirten jemand schräg anschaut. In einem türkischen Restaurant in Neukölln bestellt sie eine Cola.

Vor rund sieben Monaten kam Yosr nach Deutschland. Als erfolgreiche Kauffrau bei einem großen Unternehmen hatte die 30-Jährige kein Problem, ein Visum zu bekommen. Sie kratzte all ihren Mut zusammen und stellte nach zwei Tagen Wartezeit im Ausländeramt ihren Asylantrag. "Ich kannte hier niemanden, geschweige denn die Regeln des Asylsystems", sagt sie. Von der ersehnten Freiheit, ihrer persönlichen sexuellen Revolution in Berlin musste sie schnell wieder Abschied nehmen: Über den bundesweiten Verteilungsschlüssel landete sie in einer kleinen Stadt in der Sächsischen Schweiz.

Monatelang tat sich in ihrem Fall nichts. In der sächsischen Pampa ist sie meist alleine. Nachts verbarrikadiert sie die Tür ihrer kleinen Sozialwohnung mit Stühlen und Tischen. "Ich habe Angst", sagt sie. Sie grüße zwar die Nachbarn nett und spiele im Ortsverein Handball. Aber irgendwie sei es schon etwas komisch dort.

Verliebt in schöne Frauen – und in Berlin

Deshalb kommt sie – seitdem sie den Landkreis verlassen darf – so oft es ihr Budget erlaubt nach Berlin zu ihren neuen Freunden. "So wie ich mich in schöne Frauen verliebe, habe ich mich in diese Stadt verliebt", sagt Yosr. Eine obdachlose Frau setzt sich neben sie auf die Bank. "Möchtest du eine rauchen?", fragt Yosr auf Deutsch und dreht ihr geduldig zwei Zigaretten. "Lass uns gut mit den Menschen umgehen, sodass Gott uns gute Menschen schickt." Stolz trägt sie ihr selbst erlerntes Deutsch vor. Ganz alleine habe sie nun schon das A2-Niveau erreicht, erzählt sie. Zeit genug zum Pauken hat sie ja. So ganz alleine in ihrer Wohnung im sächsischen Dorf.

In Tunesien konnte sie sich zuletzt auf gar nichts mehr konzentrieren. Es seien die kleinen Szenen der Diskriminierung, die ihr Leben dort schon immer beherrscht hätten. Wie an dem Abend, als sie "zu männlich" in einer Disko tanzte und rausflog. Oder als ihr bester Freund nach ihrem Outing sein Versprechen, immer zu ihr zu halten, brach und zu ihr sagte: "Homosexualität ist krank." In Tunesien würden Homosexuelle mit Hormonen behandelt, sagt sie. In anderen nordafrikanischen Ländern wie Marokko oder Ägypten werden sie juristisch aufgrund "Erregung öffentlichen Ärgernisses" verfolgt. Das tunesische Strafrecht ist da konkreter. Paragraf 230 definiert klar: "Schwule und Lesben werden mit drei Jahren Haft bestraft." Schon ein Flirt oder ein "abnormales Aussehen" reicht für die Behörden aus, Homosexuelle einzusperren.