Vor dem Referendum haben wir mit vier Griechen gesprochen. Myrto ist inzwischen auf Hochzeitsreise, George ist abgetaucht. Was Stefanos und Anetta seitdem erlebt haben, lesen Sie hier:

"Seit dem Referendum fühle ich mich taub. Ich war nur noch zu Hause oder im Büro. Ich bin nicht mehr rausgegangen – nicht mal für einen kleinen Spaziergang. Seit Samstag habe ich keinen Cent mehr ausgegeben. Ich esse zu Hause und bin deprimiert. Ich kann nicht glauben, dass 60 Prozent der griechischen Bevölkerung Träumer sind. Was Wirtschaftspolitik anbelangt, bin ich als Realo hier in Griechenland wohl in der Minderheit. Hier denken so viele nur an den öffentlichen Sektor, aber was ist mit uns? Was ist mit denjenigen, die im Privatsektor arbeiten?

Jetzt hat Tsipras ernsthaft vorgeschlagen, dass wir Unternehmer 100 Prozent unserer Steuern für das nächste Jahr schon im Voraus bezahlen sollen. Hat er denn keine Ahnung wie ein Unternehmen funktioniert? Wenn das wirklich umgesetzt wird, können wir den Laden sofort schließen. Ohne Einnahmen keine Steuern, so einfach ist das. Schon jetzt mussten wir erste Angestellte entlassen. Sowohl der Import als auch der Export ist völlig zusammengebrochen, die Banken sind zu. Wie sollen wir weiter Gehälter bezahlen?

Am meisten enttäuscht mich der durchschnittliche Wähler. Wir sind in Griechenland an dem Punkt angekommen, wo durch faire und freie Wahlen Faschisten und Kommunisten an die Macht gekommen sind. Ich hatte ein großartiges Leben, einen spannenden Job und Wachstumsperspektiven. Die Syriza-Regierung hat mir all das genommen. Ich kenne niemanden, dessen Leben unter Syriza besser geworden ist.

Meine Kreditkarte funktioniert nicht mehr. Ich musste mir von einem Freund Geld leihen, um nächste Woche nach London fliegen zu können. Vielleicht kann ich mich dort um einen neuen Job kümmern. Aber wer weiß, im Augenblick fühlt sich alles aussichtslos an.
Das Einzige was mir in meiner Traurigkeit noch hilft, ist Galgenhumor: Vielleicht wird es demnächst ja eine neue Branche geben, statt russischer Importbräute gibt es demnächst griechische Importbräutigame. Kein Witz, ich bin 1,88 Meter groß, spreche fünf Sprachen, kann sehr hart arbeiten, aber leider bringt mir das in Griechenland nichts."