Wenn Jörn Teich am heutigen Donnerstag die Gründung der Stiftung "Duisburg 24.07.2010" verkündet, wird das für die Angehörigen und Betroffenen der Loveparade-Katastrophe ein wichtiges und zugleich frustrierendes Ereignis sein. Wichtig, weil viele dringend Geld brauchen, um Therapien zu bezahlen, oder ganz alltägliche Dinge, weil sie nicht mehr arbeiten können. Die Stiftung soll ihnen das ermöglichen. Frustrierend, weil sie sich eigentlich auch etwas anderes dringend wünschen: dass das Unglück auch juristisch aufgearbeitet wird.

Doch das liegt in weiter Ferne. Vor fünf Jahren kam es zur Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg, 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Fünf Jahre, in denen die Frage unbeantwortet blieb, wer verantwortlich ist. Eine quälend lange Zeit für all diejenigen, die auf Antworten warten, um endlich damit abschließen zu können. Es ist nicht einmal sicher, ob es jemals Antworten geben wird. Das Landgericht Duisburg prüft noch bis Ende September 2015, ob die Klage gegen sechs Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung und vier Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters Lopavent von der Staatsanwaltschaft Duisburg zugelassen wird. Gegen den Lopavent-Chef Rainer Schaller und den damaligen Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland wurde nie ermittelt. Bis Ende des Monats dauert die Verjährungsfrist.

Auch für Jörn Teich hat die Stiftungsgründung zwei Seiten. Sie ist ein Erfolg, für den er lange gearbeitet hat. Und sie ist für ihn die Chance, sich endlich aus der ersten Reihe der Helfer zurückzuziehen. Als Gründer der Opferinitiative LOPA2010 e.V. kümmert er sich seit 2013 um 427 Betroffene und Hinterbliebene. Der 41-Jährige organisiert die jährlichen Gedenkveranstaltungen, auch in diesem Jahr, kümmert sich um die Mahnmale, aber vor allem um die Menschen selbst. "Um die Jahrestage wird es immer besonders schlimm für die meisten", sagt er. Da fährt er schon mal mitten in der Nacht aus dem Ruhrgebiet nach Hamburg, weil eine der Betroffenen nicht mehr schlafen konnte. "Ich saß dann neben ihrem Bett und habe ihr gut zugeredet", sagt Teich, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Teich war mit seiner Tochter im Tunnel

Teichs Engagement versteht man nur, wenn man weiß, wie sehr er selbst betroffen ist von dieser Katastrophe. Er war damals mit seiner vierjährigen Tochter im Tunnel auf dem Weg zum Gelände, als die Massenpanik ausbrach. "Eigentlich wollte ich ihr nur die bunten Haare der Technofans zeigen und gar nicht weiter aufs Gelände", sagt Teich. Eine Entscheidung, die er bis heute bereut. Seiner Tochter geschah körperlich nichts, aber sie musste alles mit ansehen und ihr Vater ist seitdem nicht mehr derselbe Mensch. Bis heute bringt Teich die heute Neunjährige dreimal in der Woche zur Therapie. "Ich will, dass sie die grauenhaften Geschehnisse auf eine spielerische Art verarbeiten kann."

Das Bild von Teich mit seiner kleinen Tochter im Arm erschien am Tag nach der Katastrophe in einer Zeitung und machte ihn zum vielleicht meistgehassten Vater der Bundesrepublik. Wenige Stunden später waren beim Jugendamt bereits 150 Anzeigen gegen Teich eingegangen. Teich polarisiert die Menschen bis heute. Die einen verabscheuen ihn, die anderen sind ihm unendlich dankbar.

Bei Teich selbst begannen die körperlichen Ausfallerscheinungen eine Woche nach dem Unglück. Er fuhr mit seinen Eltern an den Unglücksort, eigentlich um abzuschließen. Es musste ja weiter gehen, auch wegen seiner kleinen Tochter, die er alleine erzieht. Aber es war wohl zu früh. Er begann zu zittern. "Ich kann mich eigentlich an nichts mehr erinnern ab dem Tag für ungefähr ein Jahr. Das was ich weiß, hat mir meine Mutter erzählt", sagt Teich heute über jenen Tag der Rückkehr nach Duisburg. "Aus Angst, und um mich geschützter zu fühlen, habe ich mich dann nur noch mit Sonnenbrille und Kapuzenpulli, den ich mir tief ins Gesicht gezogen habe, vor die Tür getraut. Ich habe mir Kopfhörer aufgesetzt und nur Musik gehört, die ich mit positiven Emotionen verbinde." Ein Jahr marschierte er so durch sein Leben. Bis es nicht mehr ging. Am ersten Jahrestag kam dann der vollständige Zusammenbruch, eine Sackgasse, aus der er sich selbst nicht mehr befreien konnte. Auch seine geliebte Technomusik half ihm nicht mehr. Es folgte die erste Einlieferung in eine psychiatrische Klinik.