Nach der spektakulären Flucht von Joaquín "El Chapo" Guzmán aus einem Hochsicherheitsgefängnis hat eine US-Organisation den mexikanischen Kartellchef erneut zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. Die Zuschreibung wird von der Chicago Crime Commission (CCC) vorgenommen. Vor El Chapo war nur der legendäre US-Gangster Al Capone in den 1930er Jahren zum Staatsfeind Nummer eins deklariert worden.

"Guzmáns Sinaloa-Kartell ist der wichtigste Drogenlieferant in Chicago. Seine Leute importieren große Mengen Rauschgift in die Region und schicken Millionen Dollar an Drogengeldern zurück nach Mexiko", sagte Kommissionspräsident J.R. Davis. Unter den etwa 100.000 Mitgliedern von Straßengangs in Chicago und Umgebung habe das Verbrechersyndikat willfährige Helfer gefunden. "Ich bin überzeugt, dass Guzmán bereits wieder an der Spitze von Mexikos größter und mächtigster krimineller Organisation steht", sagte Davis.

Die CCC hatte El Chapo bereits 2013 zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. "Verglichen mit Guzmán war Al Capone ein Anfänger", sagte Davis damals. Nach der Festnahme des Drogenbosses im vergangenen Jahr wurde er vorläufig von der Liste gestrichen.

"Die Kommission ist empört, dass zugelassen wurde, dass Chapo Guzmán den mexikanischen Behörden erneut entwischt", sagte Davis. "Die Flucht zeigt, dass selbst ein Hochsicherheitsgefängnis in Mexiko nicht für jemanden wie Guzmán ausgelegt ist." Sollte der Drogenboss erneut gefasst werden, müsse sich die US-Regierung um seine sofortige Auslieferung bemühen. 

Die Flucht von Guzmán könnte die Sicherheitskooperation zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten auf eine harte Probe stellen. Der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, versicherte zwar, die USA unterstützten Mexiko bei der Suche nach El Chapo nach Kräften. Angesichts der offenkundigen Korruption innerhalb des mexikanischen Sicherheitsapparats dürften die US-Behörden künftig allerdings vorsichtiger sein, welche Erkenntnisse sie mit ihren Kollegen teilen. 

Für den mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto ist die Flucht seines wichtigsten Gefangenen eine Blamage. "Dieser Fehler beschämt uns alle", sagte Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong. Kritiker bemängeln vor allem, dass Mexiko den prominenten Häftling nicht an die Vereinigten Staaten überstellte, wie es zunächst geplant war. Dort wäre eine Flucht kaum möglich gewesen. "Nach seiner Festnahme hatten die mexikanischen Behörden die Möglichkeit, ihn an die USA auszuliefern. Sie haben es nicht getan. Das war eine schlechte Entscheidung", schrieb der mexikanische Sicherheitsexperte Alejandro Hope.  

Video von der Flucht

Die mexikanischen Behörden haben die Aufnahmen der Überwachungskameras in El Chapos Gefängniszelle veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, wie Guzmán in den letzten Minuten vor seinem Ausbruch in der Zelle herumgeht, sich auf das Bett setzt und die Schuhe wechselt. Dann verschwindet er im Waschbereich. 

"Die Toilette und die Dusche liegen im toten Winkel der Kameras. Damit soll die Privatsphäre der Häftlinge gewahrt werden", sagte der nationale Sicherheitsbeauftragte Monte Alejandro Rubido. Unter der Dusche endete der rund 1,5 Kilometer lange Tunnel, durch den Guzmán am Samstag geflohen war.

In Mexiko ist inzwischen ein Großeinsatz angelaufen. Zahlreiche Soldaten und Polizisten beteiligen sich an der Suche nach Guzmán. "Wir werden nicht an Ressourcen sparen, bis wir ihn wieder fassen. Dieser Verbrecher wird keine Ruhe haben", sagte Innenminister Osorio Chong. Die Generalstaatsanwaltschaft setzte ein Kopfgeld in Höhe von 60 Millionen Pesos – umgerechnet etwa 3,4 Millionen Euro – auf Guzmán aus. Rund um seinen Heimatort Badiraguato im Hochland von Sinaloa kontrollierten Soldaten jedes Auto, wie die Zeitung Excélsior berichtete.