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Dort, wo das Cockpit von MH17 gelandet ist, liegt ein Flughandbuch in der brütenden Mittagshitze, lesbar und völlig intakt. In der Nähe ein schwarzer Gepäckanhänger, der dem Copiloten Muhammad Firdaus Bin Abdul Rahim gehörte, halb unter Schmutz begraben.

"Es ist unglaublich, dass wir solche Dinge immer noch finden", sagt Oleg Miroschnitschenko. Er ist Bürgermeister von Rossypne, einer Stadt mit rund 4.000 Einwohnern, die innerhalb des 15 Kilometer weiten Radius liegt, wo die Trümmer niedergegangen sind. "Gerade erst vergangene Woche war da ein Paar Schwimmflügel, die waren nur so groß", sagt Miroschnitschenko und hält seine Hände ein paar Zentimeter auseinander. Die Katastrophe verfolgt den Bergmann im Ruhestand noch immer, doch langsam kehre das Leben in der Stadt zur Normalität zurück, nachdem vor einem Jahr die Boeing 777 von Malaysia Airlines wahrscheinlich von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen worden war. Die Trümmer fielen auch auf die nahen Dörfer Grabowo und Petropawlowka. In Grabowo ging der Großteil der Überreste von MH17 nieder.

Die Maschine wurde, nach allem was man heute weiß, von einer Buk-Rakete russischen Fabrikats abgeschossen. Die Ukraine und der Westen beschuldigen – auf der Grundlage erdrückender Indizien – die von Russland unterstützten Separatisten der selbst ernannten Volksrepubliken in der Ostukraine der Tat. Russland dagegen macht weiterhin die Ukraine für die Katastrophe verantwortlich und leugnet, die Rebellen mit der Flugabwehrrakete ausgerüstet zu haben. Die Propaganda des Kremls tut ein Übriges, um Zweifel zu streuen. Eine Untersuchung durch ein UN-Tribunal will Russland verhindern. Im Herbst soll der Abschlussbericht des internationalen Ermittlerteams unter Leitung der Niederlande veröffentlicht werden, ein großer Teil der Passagiere, die am 17. Juli 2014 starben, stammt von dort.

"Der Krieg hat uns nur noch ärmer gemacht"

Heute liegt eine unheimliche Ruhe über Rossypne. Neben hohen blau-grünen Weizenhalmen ist ein hölzernes russisch-orthodoxes Kreuz errichtet worden. Einheimische versorgen ihr umhertrottendes Vieh. Und verteilt über das sonnengetränkte Feld, wo Menschen in ihren Tod gefallen sind, sind Kohlengräber fleißig bei der Arbeit, die Kohle aus den schmalen Flözen kratzen.

"Das ganze Gebiet war mit Leichen übersät", sagt der 33-jährige Alexej, der nur seinen Vornamen nennen will. Schweißperlen hängen an seinen Augenbrauen, sein massiger nackter Oberkörper glänzt in der Sonne. Am Ausgang eines unbeleuchteten Schachts macht Alexej eine Pause und schaut über die Landschaft. "Ich hätte nie gedacht, dass ich auf genau dieser Fläche einmal arbeiten würde, aber wir müssen eben essen." Sein Kollege Ewgeni, 28, müht sich mit einer blechernen Badewanne voller Erde ab, die sie aus dem Untergrund geschaufelt haben. "Dieser Krieg hat uns nur noch ärmer gemacht", sagt er durch den Lärm einer zischenden Sauerstoffflasche, die sie für ihre gefährliche Reise in die Grube brauchen.

Beide Männer hatten in der großen staatlichen Mine in Rossypne gearbeitet, die von den Sowjets in den fünfziger Jahren gebaut worden war. Bei den Kämpfen im Juli vergangenen Jahres wurde sie zerstört, etwa zur selben Zeit, als MH17 abgeschossen wurde. Jetzt graben sie auf eigene Rechnung. In den unkontrollierten Minen sind Einstürze und Unfälle häufig, aber für die durchschnittlich 50 Dollar im Monat, die jeder Mann hier verdient, lohnt es sich.

Im Krieg, inzwischen im zweiten Jahr, sind mehr als 7.000 Zivilisten und 1.675 ukrainische Soldaten gestorben. Im Quasistaat der Volksrepublik Donezk, den die Separatisten hier in der ostukrainischen Donbass-Region ausgerufen haben, ist viel passiert seit der Katastrophe vor einem Jahr. Der Handel mit dem Rest des Landes, auf der anderen Seite der Front, ist völlig zum Erliegen gekommen. Die Arbeitslosigkeit ist groß. Der einst florierenden Kohleindustrie der Region, die sich über die Gebiete der Ukraine und der Rebellen spannt, hat der Konflikt einen schweren Schlag versetzt.

"Nach dem Kämpfen war das meine einzige Option"

Dort, wo die Minen bei den Kämpfen nicht zerstört wurden, ist die Produktion in den wichtigsten Abbaustätten zurückgegangen: Es gibt immer weniger Arbeiter, und die Möglichkeiten zum Verkauf sind sehr beschränkt. Die vorhandenen Kohlereserven der Ukraine sind die siebtgrößten der Welt; vor dem Krieg war das Land mit 85 Millionen Tonnen der drittgrößte Produzent in Europa, nach Deutschland und Polen. Schätzungen für dieses Jahr gehen von weniger als der Hälfte aus.

Das gefährliche Geschäft des privaten, unkontrollierten Bergbaus ist keine neue Entwicklung in der Ostukraine. Aber seit die Rebellenbehörden in Donezk diese Praxis im Frühjahr "legalisiert" haben, um ihre Popularität zu erhöhen, schießen die kleinen Gruben wie Pilze aus dem Boden. Auch hier, wo die Teile von MH17 landeten. "Die Sache ist ganz einfach: Die Kohle wird gebraucht", sagt Miroschnitschenko etwas resigniert.

Nicht weit von Alexejs Schacht fädelt Vorarbeiter Alexander Buyluk ein Metallkabel in einen mit Holz ausgeschlagenen Tunnel. Er hat auf der Seite der Rebellen gekämpft, eine Knieverletzung im Winter zwang ihn, die Waffen niederzulegen, jetzt gräbt er nach Kohle. "Nach dem Kämpfen war das meine einzige Option", sagt Buyluk mit einem breiten Grinsen. Er und zwei andere haben sich 30 Meter tief in die Erde gewühlt und planen, innerhalb eines Monats mit dem Abbau zu beginnen. "Hier in der Gegend gibt es einfach keine Jobs", sagt er.

Die drei Arbeiter teilen ihren Tag in Achtstundenschichten, wechseln sich damit ab, unter der Erde zu bohren und Klumpen von Erde an die Oberfläche zu schleppen; sie schlafen in einer brüchigen Holzhütte, die an einen Vorposten im Hinterland des Wilden Westens erinnert. 30 bis 40 Tonnen werden sie herausholen können, bevor die Kleinmine nach sechs Monaten ausgebeutet sein wird. Danach werden die Männer an einer anderen Stelle weitermachen. In der Nähe ist ein chaotischer Haufen hölzerner Planken zu sehen: eine erschöpfte Kohlegrube.

Im Zentrum von Rossypne, wo Miroschnitschenko sein Büro hat, sind kümmerliche Schilder an die Bäume geklebt, die für Kohlelieferungen werben. Ein Teenager schlendert vorbei, Sergej trägt kurze Hosen und ein T-Shirt, das einen lächelnden, augenzwinkernden Wladimir Putin zeigt. Unter dem Foto steht auf Russisch: "Alles ist in Ordnung", ein Wortspiel mit dem Namen des russischen Präsidenten. Auf die Frage, warum er das trage, antwortet der 17-Jährige lässig: "Weil er den Donbass gerettet hat. Er ist der Beste."

Aus dem Englischen von Carsten Luther