70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Aufseher in Konzentrationslagern. "Es laufen noch weitere Verfahren. Wir beschränken uns aber nicht auf Auschwitz und Majdanek, sondern überprüfen auch die übrigen Konzentrationslager, sofern dort Tötungsdelikte vorkamen", sagte Kurt Schrimm der Bild-Zeitung. Der Staatsanwalt leitet die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.

Vor dem Landgericht Lüneburg muss sich derzeit der frühere SS-Buchhalter Oskar Gröning dafür verantworten, im Vernichtungslager Auschwitz Beihilfe zum Mord in mehr als 300.000 Fällen geleistet zu haben. Der 94-Jährige gestand seine Mitschuld. Die Anklage forderte am Dienstag dreieinhalb Jahre Haft. "Herr Gröning hat mitgemacht, und deswegen wird er wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt werden. Viel zu spät, aber nicht zu spät", sagte Cornelius Nestler, der mehr als 50 der 70 Nebenkläger vertritt.

Dem Verfahren waren Ermittlungen der Zentralen Stelle vorausgegangen. "Wir haben nochmals die Rolle der Aufseher in Auschwitz überprüft und kamen zum Ergebnis, dass das, was Herrn Gröning nachzuweisen sein wird, auf für eine Verurteilung ausreichen könnte", sagte Schrimm. Dessen Organisation habe seit 1958 Vorermittlungen gegen 7.700 NS-Verbrecher abgeschlossen und deren Ergebnisse an die Staatsanwaltschaft weitergegeben.

Seit den sechziger Jahren habe es einen stillschweigenden Konsens gegeben, sogenannte Funktionshelfer ohne konkrete Tat nicht anzuklagen, sagte Schrimms Stellvertreter, Thomas Will, dem Deutschlandfunk. "Wir in der jetzigen Generation von Juristen haben die Notwendigkeit gesehen, als wir den Fall Demjanjuk ermittelt haben – das war so etwas 2008 –, dass wir das durchbrechen müssen."

Der KZ-Aufseher John Demjanjuk wurde 2011 vom Landgericht München zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Er hatte 1943 als ukrainischer Wachmann daran mitgewirkt, dass im NS-Vernichtungslager Sobibor 28.000 Juden ermordet wurden.

Ob die Personen, gegen die derzeit ermittelt wird, angeklagt werden, bezweifelt Schrimm. "Es mussten viele Verfahren eingestellt werden, weil die Beschuldigten inzwischen verstorben waren oder nicht mehr verhandlungsfähig sind."

Dass seine Institution erst 1958 gegründet wurde, sei das erste große Versäumnis, sagte Schrimm. "Ein weiteres Problem für uns ist die Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag bei der Verjährung. Wenn man gesagt hätte, auch Totschlag soll nicht verjähren, auch dann würde unsere Bilanz ganz anders ausfallen."