Natürlich sind Polizisten gefährdet – vor allem durch das laxe Waffenrecht in den USA, dass es jedem, auch Kriminellen, ermöglicht, eine Pistole zu kaufen. Die Gefahr sei rein statistisch allerdings völlig übertrieben: "Polizisten werden rechnerisch in 0,00008 Prozent aller Interaktionen tödlich verletzt", rechnet Stoughton vor. Deshalb müsse sich die Ausbildung eigentlich auf Deeskalationsstrategien konzentrieren und eine realistische Risikoeinschätzung müsse Teil der Lehre werden. "Im Moment stehen aber Konfrontation und Angst in der Ausbildung im Vordergrund".

Keine einheitlichen Standards

Einheitliche nationale Standards für die Polizeiausbildung existieren in den USA nicht. Der Kongress hat zwar mehrere Initiativen zur Polizeireform auf den Weg gebracht, die auch mehr verpflichtende soziale Trainingsstunden und politische Bildung vorschreiben würden. Doch bisher kann jeder Staat hier eigene Regeln erlassen. Häufig genügt ein Highschool-Abschluss – und die Grundausbildung dauert im Durchschnitt nur 18 Wochen

Bei den Texas State Troopers etwa, denen der Polizist angehört, der Sandra Bland festnahm, ist zwar eine Ausbildung an einem College Voraussetzung für die Zulassung zur Polizeiakademie – aber die geforderten 60 Kursstunden können durch vorherigen Militärdienst ersetzt werden.

Aber selbst wenn man annimmt, dass höhere Bildung Rassismus und Gewalt von Polizisten eindämmen kann – auch die College-Ausbildung in den USA ist nicht an einheitliche Qualitätsstandards gebunden. Hinzu kommt, dass die für die Zulassung zu manchen Polizeiakademien erforderliche Fachrichtung "Law Enforcement" meist nur wenige Stunden enthält, die sich mit ethischen und sozialen Aspekten der Rechtsdurchsetzung beschäftigen.

Das setzt sich an den Polizeiakademien fort. Meist sind nur wenige Unterrichtsstunden dazu gedacht, die künftigen Polizisten auf die sozialen und ethischen Herausforderungen ihres Jobs vorzubereiten – im Vordergrund stünden das Training an der Waffe und die Vorbereitung auf Einsätze, sagen Kritiker wie Seth Stoughton. Auf welchem niedrigen Level Verbesserungen zum Teil ansetzen müssen, zeigt die Tatsache, dass die New Yorker Polizei ihren Beamten seit Kurzem beibringt, dass es falsch ist, im Dienst rassistische Witze zu erzählen. 

In einer jüngeren Umfrage gibt ein Viertel der Polizisten an, schon Kollegen dabei beobachtet zu haben, wie sie Menschen aus rassistischen Gründen schikanieren. 52 Prozent stimmen der Aussage zu, es sei nicht ungewöhnlich für Cops, bei Fehlverhalten von Kollegen wegzuschauen – und 62 Prozent glauben, dass sie Nachteile zu befürchten haben, wenn sie Verstöße von Kollegen melden.

"Jede Kugel trägt deinen Namen"

Viele Beobachter sind skeptisch, dass eine gründlichere Ausbildung allein tatsächlich die Riesenprobleme der Polizei lösen kann. Dennoch gibt es Beispiele, die zeigen, dass Veränderungen in der Ausbildung und in der Führung positive Folgen haben. Eines davon ist Richmond in Kalifornien. Die 100.000-Einwohner-Stadt belegte noch 2004 den 12. Platz auf der Liste der gefährlichsten Städte der USA. In den Jahren 2006 und 2007 wurden hier fünf Menschen von der Polizei angeschossen, einer wurde tödlich verletzt. Danach wechselte man das Führungspersonal bei der Polizei aus und veränderte das Training. Seit 2008, seit sieben Jahren also, ist niemand von einem Polizisten aus Richmond getötet worden.

Auch hier gibt es Kriminalität und Armut, 16 Prozent der Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Aber seit 2008 bringt man den Polizisten in Richmond bei, dass Deeskalation das oberste Ziel jedes Einsatzes sein soll. In Rollenspielen wird trainiert, welche Alternativen zur Eskalation es gibt – selbst dann, wenn Verdächtige bewaffnet sind. "In der Ausbildung betonen wir Genauigkeit und Verantwortungsbewusstsein," sagt Louie Tirona, bei der Polizei von Richmond zuständig für das Training an der Waffe, der Zeitung Contra Costa Times. Man habe eine neue Kultur durchgesetzt: es sei klar, dass jeder gewaltsame Zusammenstoß mit Bürgern hinterher untersucht werde. "Wir sagen unseren Cops von Anfang an: 'Jede Kugel trägt deinen Namen'."

Shawn Pickett, ein anderer Polizist, sagt, dass sich auch das Verhältnis zu den Bürgern verändert habe: "Hier sind ganze Generationen und Familien aufgewachsen in Angst vor der Polizei und das hatte damit zu tun, wie wir in der Vergangenheit Polizeiarbeit gemacht haben. Es hat lange gedauert, das wieder geradezubiegen, aber wir sehen jetzt die Ergebnisse." Nicht nur die Bürger haben jetzt weniger Angst vor den Cops. In Richmond ist seit 2008 auch kein Polizist mehr tödlich verletzt worden. 

Hinweis: In einer früheren Version hieß es, dass in diesem Jahr bisher 500 Menschen von US-Polizisten getötet wurden. Das war der Stand bis Ende Juni, wir haben diese Zahl nun nach oben korrigiert.

Das Video aus dem Oktober vergangenen Jahres zeigt US-Polizisten, die bei ihrem Einsatz eine Kamera verwenden.