Es waren geruhsame Zeiten, als Jonny noch Drogen verkaufen konnte, auf offener Straße in seiner Favela. Boca de Fumo werden in Rio de Janeiro Verkaufsstände für Marihuana, Kokain und Ecstasy genannt: Mund voller Rauch. Jonny sah einen von ihnen als seinen regulären Arbeitsplatz an. Bis dann im Anlauf auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 die Polizei in der ganzen Stadt durchgriff.

Jonnys älterer Bruder musste damals ins Gefängnis. Er wurde als Chef des Verkaufsstandes verurteilt und als Führungskraft beim Roten Kommando, einem der ältesten und brutalsten Drogensyndikate der Stadt. Sondereinheiten der Polizei und sogar Soldaten des Heeres zogen in sein Stadtviertel ein, besetzten strategische Kreuzungen und kontrollierten die Taschen aller Passanten. "Aber was hat man denn davon, wenn man den Drogenhandel unterbindet?", fragt Jonny. "Dann gibt es keine Arbeit mehr für uns. Dann müssen wir raus auf die Straßen, dann erschießen wir Menschen."

Jonny, der natürlich in Wirklichkeit einen anderen Namen hat, steht der Gangsterlook gut. Er ist ein hübscher junger Kerl. Die krausen tiefschwarzen Haare hat er fest an den Kopf gedrückt und darüber stülpt er eine Kappe und ein Hoodie, aus dem Kopfhörer ragen. Feiner Oberlippenbart, sorgsam zurechtgezupfte Augenbrauen, den Gestank der offenen Abwasserkanäle in seinem Heimatviertel überdeckt ein teures Herrenparfüm. Ja, das habe er schon so gemeint: Menschen erschießen, sagt Jonny. Er habe auf Menschen geschossen, und bei dreien ist er sich sicher, dass sie tot sind. Jonny liefert heute Drogen in der reichen Südstadt aus, und ab und zu hält er mit der Waffe Leute auf, die gerade Geld an einem Bankautomaten abgehoben haben.


"Beim Drogenverkauf sind alle deine Freunde"

"Es ist viel gefährlicher für mich, Überfälle zu machen", sagt Jonny. "Beim Drogenverkauf sind alle deine Freunde – beim Assalto hat man die ganze Straße gegen sich und muss fliehen." So etwas suche man sich doch nicht freiwillig aus! Zu so etwas werde man doch gezwungen! Jonny findet, die Polizei dränge die Leute in das Geschäft mit den Überfällen, weil es weniger Jobs in den Bocas de Fumo gibt.

Es wird heute ein langes Gespräch mit Jonny, dem Banditen, geben. Eine ganz eigenartige Konversation voller Widersprüche. Das Stadtviertel, in dem er lebt, heißt Maré: ein Armutsgebiet mit 130.000 Einwohnern, das an der Zufahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Rio de Janeiro liegt. Den meisten Rio-Besuchern fällt Maré nicht weiter auf, schon weil es von der Stadtautobahn durch hohe Sichtblenden abgeschirmt ist.

In dem Gewimmel aus Wohnstraßen, Kanälen und Märkten machen mehrere Banden sich Territorien streitig, zwei Drogensyndikate und eine Gruppe paramilitärischer Milizen. Das Militär, das vor der WM die Straßen besetzte, zieht in diesen Tagen wieder ab und soll durch eine neue, friedlichere Polizeitruppe ersetzt werden. Den Drogenhandel haben die Soldaten ein wenig eindämmen können, aber abgeschafft haben sie ihn keineswegs. Auch der Territorialkampf geht weiter, und die schweren Waffen sind nicht aus dem Viertel verschwunden.