Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Vergangene Woche bebte in Berlin die Erde ganz leicht. Genauer: Im Plenarsaal des Bundestags ereignete sich ein Event, das medial zwei Monate lang mit einer freudigen Resthoffnung auf eine catastropha gravissima vorbereitet worden war, angesichts einigermaßen klarer Prognosen dann aber doch nicht das Zeug dazu hatte. Ich meine die Abstimmung über das sogenannte "Dritte Hilfspaket für Griechenland" (meint: für die deutschen und internationalen Gläubigerbanken Griechenlands). Um die Sache selbst geht es an dieser Stelle nicht. Ich will dazu nur sagen: Eigentlich ist ja, entgegen den unermüdlichen Recherchen unserer Moderator(innen), die entscheidende Frage nicht, ob die Damen und Herren Giganten einander nett finden, sondern wer die geplatzte Geldblase bezahlt: Die Steuerzahler (also Sie und ich) oder die Banken (also die, die sie aufgeblasen haben). Dank des eisernen Willens der deutschen Führung zur Solidarität ist das Schlimmste auch diesmal verhindert worden.

Gefolgschaft

Damit sind wir beim Thema angelangt: Dreiundsechzig Abgeordnete der Fraktionsgemeinschaft aus einer Bundes- und einer Landespartei haben, wie man allerorts lesen und hören durfte, "Angela Merkel die Gefolgschaft verweigert"! Das waren drei mehr als beim letzten Mal, also ein Zuwachs von fünf Prozent! Beim zweiten "Paket" (Bundestag: 27. Februar 2012), erst recht beim ersten (das damals noch nicht so heißen durfte, da es ja das garantiert einzige war) versagten noch deutlich weniger Weltökonomen die Gefolgschaft, sei es, weil sie das ganze Ausmaß der Faulheit des Griechen noch nicht mit dem heimischen Wahlkreis-Sponsor diskutiert, sei es, dass sie die Umfragen noch nicht gelesen hatten.

Noch fünf Hilfspakete, und die Gefolgschaft wird auf eine Person im Rollstuhl geschrumpft sein, die zwar stets von Anfang an dagegen war, aber aus lauter Gefolgschaft dann immer für das genaue Gegenteil dessen stimmt, was sie eine Woche zuvor als einzig vernünftige Lösung bezeichnet hat. Dahinter steckt, auch das weiß die Presse längst, wenn schon kein Plan, dann doch wenigstens ein Erzberger (F.A.S.), ein Verwundeter (ZEIT), ein Friedrich der Große (SZ). Wäre ich ein vorausdenkender Journalist, würde ich schon jetzt das Stück "Der letzte Gefolgsmann" beginnen und mich nicht mit langweiligen Wirtschaftsdaten aufhalten, über die der eine das meint und der andere das. Am Ende weiß man's eh nicht. 

"Gefolgschaft" ist ein schönes deutsches Wort. Es changiert angenehm zwischen Identität, Masse und Prinzip. Der Mensch kann Gefolgschaft sein, aber auch Gefolgschaft leisten. Notfalls kann er sie verweigern. Das sollte aber auf wirkliche Ausnahmesituationen beschränkt bleiben: Etwa wenn der Chef einer Kanaldeckel-Firma befiehlt, erst Platten zu gießen und dann die Schlitze von Hand hineinzufräsen. In diesem Fall wird ihm vielleicht die Gefolgschaft die Gefolgschaft verweigern und mittels Hungerstreik durchsetzen, dass die Gullideckelschlitze bereits beim Gussprozess eingeplant werden. So ähnlich muss man sich das auch beim Hilfspaket vorstellen.

"Gefolgschaft" hat, neben einer unangenehmen historischen und einer ebenso doofen wirtschaftspolitischen Konnotation, selbstverständlich auch einen spezifisch deutschen Aspekt der Höchstpersönlichkeit. Gefolge hatte zuletzt Wilhelm II, aber niemand möchte an diese zappeligen Figuren erinnert werden.

"Das Gefolge" von irgendwem gilt also dem deutschen Medienkonsumenten als Versammlung subalterner Hofschranzen – Ausnahmen vielleicht bei Lady Di oder Helen Mirren. Anders die "Gefolgschaft": So etwas haben Mahatma Ghandi, Jesus, Pancho Villa, Willy Brandt. Und Angela Merkel. Gefolgschaft ist das sublimierte Spiegelbild des Charisma. "Lasset alles hinter Euch und folget mir nach", riefen die mächtigen Frauen der Geschichte – Frau Thatcher, Frau Meir, Frau Katharina, Frau Johanna, Frau Luxemburg –, und gingen in die Wüste hinaus, wo sie Kriege führten gegen die Mächte der Finsternis und die Teufel des Unglaubens. Gefolgschaft gilt einer Person, nicht einer Meinung.

Versagung, Verweigerung

Umso fürchterlicher nun dies: "63 Abgeordnete verweigerten Angela Merkel die Gefolgschaft." Volker Kauder, allerhöchster Gefolgsmann, deutete an, wer solcherart den Untergang des christlichen Menschenbildes bewirke, dürfe ab sofort nicht mehr für das Gefolge sprechen, wo dies von Belang sein könnte. Nicht gesagt hat er – und dies betonen wir mit Nachdruck –, dass Abtrünnige aus den Kreisverbänden Oldeslohe sowie Heckler & Koch ausgeschlossen gehören.

Der freie, nur seinem Gewissen verantwortliche Abgeordnete des ganzen deutschen Volkes ist eine Gefolgschaft. Schön, dass wir dies einmal wieder erfahren haben. Der Fraktionsvorsitzende hat mitteilen lassen, er habe ja nur Spaß gemacht, was, wie mancher Kenner aus Villingen weiß, in der Familie liegt.

Die Abgeordneten des deutschen Volks sind völlig weisungsfrei, was sie uns gern dadurch beweisen, dass sie sich immer wieder einmal gegenseitig unter Tränen der Rührung den "Fraktionszwang" aufheben, wenn es richtig ernst wird: Also nicht beim Haushalt, aber zum Beispiel bei der Frage, ob der deutsche Mensch das Recht habe zu sterben, wann er will. Dann geben die Führer rechtzeitig vorher Hinweise heraus: Wisse, Gefolge, dass es erlaubt wurde, die Gefolgschaft zu versagen! Fürchte Dich nicht! Lass es raus! Bis zur endgültigen Abstimmung werden wir durch wöchentliche Probeabstimmungen unverbindlich feststellen, auf wen von Euch Verlass ist.