Der Shitstorm kam prompt. Nur wenige Minuten nachdem die Menschenrechtsorganisation Amnesty International am Dienstag angekündigt hatte, sich künftig für die weltweite Legalisierung von Prostitution einzusetzen, donnerte im Netz internationaler Protest heran. Unter dem Hashtag #sexwork warfen Twitter-User aus aller Welt der Organisation vor, mit ihrem Beschluss Prostituierte der Ausbeutung und dem Menschenhandel preiszugeben.    

Auch Frauenrechtlerinnen üben weltweit scharfe Kritik an dieser Forderung. So auch die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. "Wenn Amnesty jetzt für die Legalisierung 'der Organisation von Sexarbeit' kämpft, so wörtlich, bedeutet das: Amnesty bestärkt Frauenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber – und liefert damit die Mädchen und Frauen in der Prostitution noch mehr aus", sagte Schwarzer ZEIT ONLINE. Amnesty schlage sich so "auf die Seite der Täter – auf Kosten der Opfer".

Die liberale Prostitutionsgesetzgebung in Deutschland der letzten Jahre hätte Amnesty als abschreckendes Beispiel dienen müssen: "Das hat den Händlern mit der Ware Frau Tür und Tor geöffnet und Deutschland zum europäischen Umschlagplatz der Frauenhändler sowie Einreiseland für Sextouristen gemacht", sagte Schwarzer. Für sie seien die neuen Pläne von Amnesty International das "unrühmliche Ende dieser Menschenrechtsorganisation", findet die Frauenrechtlerin.

Doch Amnesty International wehrt sich: "Es ist unheimlich wichtig, Sex-Arbeiterinnen nicht zu kriminalisieren, denn sonst besteht die Gefahr, dass Prostitution zukünftig im Untergrund stattfindet. Das würde eine große Gefahr für alle Sex-Arbeiterinnen bedeuten", sagt Gauri van Gulik, stellvertretende Europa-Direktorin von Amnesty International ZEIT ONLINE. Außerdem stellten die Beschlüsse vom Dienstag keine globale Kampagne dar: Die Organisation wolle nur klar Position beziehen und ihre Standards im Umgang mit Sexarbeit vereinheitlichen. 

"Gegner von Sexarbeit werfen uns jetzt vor, Zuhälter und Profiteure der Prostitution zu schützen, doch es geht uns einzig und allein um das Wohl der Sex-Arbeiterinnen", sagt van Gulik. Eine Kriminalisierung führe nur dazu, dass das Geschäft sonst im Untergrund und ohne eine Möglichkeit des Schutzes für die Prostituierten stattfinde.  

Unterstützung für die Initiative von Amnesty International kommt aus dem Deutschen Bundestag. Katja Dörner, familienpolitische Sprecherin der Grünen sagte ZEIT ONLINE: "Die Kampagne ist wichtig und mutig. Sexarbeit in der Illegalität führt zu einer Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen. In der Illegalität ist der Ausbeutung von Prostituierten Tür und Tor geöffnet." 

Ähnlich sieht es Marcus Weinberg von der CDU: "Entkriminalisierung der Prostitution bedeutet nicht Schutz von Zuhältern und Freiern. Vielmehr sollen durch verschärfte Regeln der legalen Prostitution verbunden mit weiteren Schutzvorschriften die bestehenden Schlupflöcher endlich gestopft werden", sagt Weinberg.