Was ist passiert?

Am Mittwoch voriger Woche war es in dem Gefahrgutlager am Hafen der chinesischen Millionenstadt Tianjin zu mehreren starken Explosionen gekommen. Die Explosionen rissen einen riesigen Krater in das Hafengelände des Binhai-Distrikts und richteten kilometerweit Schäden an. Die Feuerwehr war wegen eines Feuers zu dem Gelände gerufen worden. Sie hatte versucht, den Brand zu löschen, was die Explosionen ausgelöst hatte. Am Wochenende war das Gelände von neuen Explosionen durch schwelende Brandherde erschüttert worden. Auch fünf Tage nach den ersten Explosionen gibt es in dem schwer zerstörten Industriegebiet weiter Brände.

Das Unglück zählt zu einem der schlimmsten Industrieunfälle der letzten Jahre in China. Laut offiziellen Angaben starben mindestens 114 Menschen, 70 Menschen werden noch vermisst, die meisten von ihnen Feuerwehrleute. In Krankenhäusern werden 698 Verletzte behandelt, darunter sind 57 Schwerverletzte.

Viele der Einsatzkräfte waren keine ausgebildeten Feuerwehrleute. Das berichtet die Website China Smack. Der Hafenbetreiber soll freie Brandbekämpfer angeheuert haben, die zusammen mit offiziellen Feuerwehrmännern zu dem Brand gerufen wurden. Die ersten Einsatzkräfte vor Ort waren demnach Vertragsarbeiter, die für derartige Einsätze nicht ausgebildet gewesen sind. Vermisste freie Löschkräfte waren anfangs nicht einmal mitgezählt worden.

Was ist Natriumzyanid?

Natriumzyanid ist ein Salz der Blausäure und hochgiftig. Das weißliche Pulver kann beim Einatmen, bei Kontakt mit der Haut und bei Verschlucken innerhalb kurzer Zeit tödlich sein. Eingesetzt wird die Chemikalie vor allem in der Bergbauindustrie zur Gewinnung von Gold und zur Härtung von Metall. Bei Zersetzung setzt Natriumzyanid Blausäure frei. Dieses hochgiftige Gas ist für seinen typischen Geruch nach Bittermandeln bekannt – allerdings sind viele Menschen nicht in der Lage, den Geruch wahrzunehmen. Die Substanz ist leicht entflammbar, wenn sie in Kontakt mit Wasser kommt. Ohne von der Chemikalie zu wissen, versuchten die ersten Feuerwehrleute offenbar den Brand mit Wasser zu löschen.

In dem Lager am Hafen wurden auch Kaliumnitrat und Ammoniumnitrat aufbewahrt. Beide Chemikalien sind brandfördernd und werden unter anderem zur Herstellung von Schießpulver oder Sprengstoff genutzt.

Warum lagerte dort so viel Natriumzyanid?

Es ist davon auszugehen, dass auf dem Gelände deutlich mehr Natriumzyanid lagerte als erlaubt. Deshalb steigt nun der Druck auf die Behörden. Sie müssen erklären, wie es dazu kommen konnte. Das Militär hatte bestätigt, dass sich im Hafen von Tianjin "Hunderte Tonnen" der gefährlichen Chemikalie befanden. Der Vizebürgermeister der Hafenstadt, He Shusheng, sprach von etwa 700 Tonnen der giftigen Chemikalie. Laut der Zeitung Beijing News hatte die Pächterfirma 30-mal mehr Natriumzyanid gelagert als erlaubt. Eigentlich hätten demnach dort nur 24 Tonnen gelagert werden dürfen. 

Auch gegen andere Sicherheitsvorschriften wurde verstoßen. In China gilt die Regel, dass solche Gefahrgutlager mindestens einen Kilometer von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden und Straßen entfernt sein müssen. Onlinekartenmaterial zeigt aber, dass das betroffene Lager nur 500 Meter von einer Schnellstraße und einer 100.000 Quadratmeter großen Wohnungsanlage entfernt war.

Die oberste Volksstaatsanwaltschaft hat am Sonntag eine Untersuchung gegen die Verantwortlichen des Unglücks angekündigt. Unter anderem soll geklärt werden, ob die Betreiberfirma des Lagers ihrer Sorgfaltspflicht nachkam.

Wie kommen die Aufräumarbeiten voran?

Mehr als 3.000 Helfer sind im Einsatz. Vizebürgermeister He sprach von "sehr schwierigen und heiklen" Aufräumarbeiten. Nach seinen Angaben blieben die meisten der Behälter mit der giftigen Chemikalie unbeschädigt. Sie sollen nun eingesammelt und wegtransportiert werden. Die Kanister seien bis an den Rand des Unglücksgebietes geschleudert worden, das Trümmerfeld sei 100.000 Quadratmeter groß. "Die Arbeiten sind extrem gefährlich", sagte auch Wang Ke, Chef der mehr als 200 Chemiespezialisten des Militärs. Verkantete Container könnten jeden Moment wegbrechen, zudem stellten die brennenden Chemikalien eine Gefahr dar. "Wir mussten Markierungen anbringen, um uns nicht zu verlaufen."  

Neue Gefahr droht durch Regen, der für den Abend (Ortszeit) und auch für Dienstag angekündigt ist. Dadurch könnten giftige Stoffe in einen nahe gelegenen Fluss gelangen. Im Kernbereich der Unglücksstelle wurden Dämme aus Sand und Erde errichtet, um dies zu verhindern, sagte der Vizebürgermeister.