Auch Mohanad Shukir war mal ein Flüchtling. Vor zwei Jahren ist er mit seiner Familie aus Syrien geflohen, seither leben sie alle gemeinsam in Dresden. Schwierig sei die Ausreise gewesen, belastend das Warten, bis die Asylanträge der Shukirs nach Monaten endlich genehmigt wurden. Und dennoch: "Uns ist es damals noch gut gegangen. Wir sind nicht über den Ozean gekommen, sondern mit einem Flugzeug. Und wir mussten nach der Ankunft in Deutschland nicht so leben", sagt der 21-Jährige und blickt dabei auf die neue Dresdner Zeltstadt.

Mohanad ist als Helfer gekommen, will dolmetschen, Fragen beantworten, beruhigen. Aber er ist selbst schockiert von diesem Ort, der vor knapp zwei Wochen noch eine verwilderte Brache in einem Gewerbegebiet war. Über Nacht wurde hier eine Erstaufnahmeeinrichtung für 1.100 Flüchtlinge aus dem Boden gestampft. Tonnenweise Schotter wurde auf die Wiese planiert, Zelt an Zelt gereiht, Liege an Liege gerückt. Die Standard-Behausung ist 50 Quadratmeter groß, bis zu 34 Menschen campieren darin. Der Standard ist ein grenzwertiges Provisorium.

Mehr als 4.000 Flüchtlinge kamen allein im Juli im Freistaat an, mehr als im gesamten Jahr 2012. Der Bau von festen Erstaufnahme-Unterkünften ist geplant, aber noch weit im Verzug. Man greift also auf jedes freie Grundstück in Landesbesitz zurück. Geeignet sind vor allem Großstädte wie Dresden, damit die Logistik für so viele Menschen halbwegs gestemmt werden kann und Gebiete in Autobahn-Nähe, damit die Flüchtlinge für ihre Asylverfahren schnell zu den Behörden gefahren werden können, für erste Interviews und medizinische Untersuchungen.

Die sächsische Erstaufnahme-Zentrale befindet sich in Chemnitz, auch dort sind die Lager längst überfüllt. Nun pendeln täglich Busse mit Flüchtlingen zwischen den Städten hin und her. Tag für Tag geht auch die Suche nach geeigneten Räumen weiter, nachdem das Riesencamp in Dresden-Friedrichstadt stark in der Kritik stand. Diese Woche werden nun die Sportstätten der Dresdner Universität genutzt, um noch einmal Platz für weitere 600 Personen bereitzustellen. Zeltstädte und Turnhallen – bisher als absolute Ausnahmequartiere deklariert – sind mittlerweile an der Tagesordnung. Man versucht so etwas wie Alltag zu etablieren; und scheitert im Alltag oft genug daran.

"Die Zeltstadt wird nie fertig sein. Wir sind erst dann fertig, wenn sie nicht mehr da ist", sagt Kai Kranich, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes. Der Wohlfahrtsverband kümmert sich um die Grundversorgung im Lager, offiziell heißt der Auftrag: "Humanitäre Hilfe in einer Notsituation". Ohne Freiwillige wäre diese Hilfe unmöglich. Hunderte haben sich als Übersetzer, Sanitäter, Essensverteiler gemeldet. Sie verhindern ein noch größeres Chaos. Schon jetzt türmen sich meterhohe Berge mit Kleiderspenden. Das DRK schätzt, dass in den vergangenen anderthalb Wochen fünf Tonnen zusammengekommen sind.    

Eine Ärztin, viele Polizisten

In der Zeltstadt arbeitet nur eine hauptamtliche Ärztin. Entlastet wird sie von Medizinern aus Dresdner Krankenhäusern, die nach ihrem Feierabend ehrenamtlich Patienten versorgen, von Zahnschmerzen bis hin zu Wunden, die von langen Fußmärschen stammen. Es wurden bereits etliche Fälle von Krätze diagnostiziert, außerdem Tuberkulose-Verdachtsfälle. Bestätigt wurde bisher keiner, doch bei Hunderten Menschen auf engstem Raum ist die Ansteckungsgefahr hoch.

Wenn überhaupt, dann gibt es nur eine gute Nachricht im Camp: Die Infrastruktur hat sich in den vergangenen Tagen verbessert. Aus katastrophal ist inzwischen notdürftig geworden. Holm Felber, Sprecher der sächsischen Landesdirektion, drückt es so aus: "Wir mussten innerhalb kürzester Zeit eine große Anzahl von Menschen unterbringen und sind froh, dass wir jedem ein Dach über dem Kopf bieten können – auch, wenn es nur aus Stoff ist."

Ansonsten fehlt es aber an allem. Für die ersten 350 Flüchtlinge, die das Camp bezogen haben, gab es nur 20 Dixi-Klos und viel zu wenig Waschgelegenheiten. Versorgungsstau auf dem internationalen Markt, hieß es zur Begründung. Ein paar mehr Klo- und Duschcontainer konnten schließlich in Polen aufgetrieben werden. Gerade ist die Hitze ein Problem, sowohl in den Zelten als auch draußen auf dem staubigen Schotterfeld. Wenigstens die Familien aus dem Camp werden ab und zu auf einen Friedhof in der Nähe geführt. Ein abgegrenzter Teil, auf dem sich keine Gräber befinden, ist die einzige Wiese weit und breit, auf der sie mit ihren Kindern im Schatten spielen können.