Ahmed*, der gefoltert wurde über Jahre, immer wieder, der nun in Deutschland ist, hat jetzt ein Zimmer für sich allein. In einem Flüchtlingsheim außerhalb Münchens. Er hat es aufgeräumt und geputzt, er hat sich endlich wieder ein neues Handy besorgt. Seine Frau hat ihm aktuelle Bilder der Kinder zugeschickt, die noch in Syrien sind. Ahmed will sie bald nachholen. Ahmed, der verfolgt war von Panikattacken, konnte das erste Mal seit langer Zeit wieder tief einatmen. Er war auf einem guten Weg.

Dann kam der gelbe Umschlag. Seine Abschiebepapiere. Und mit ihnen kam die Panik zurück. Ahmed schüttete sich heißes Wasser über die Hände und schlug seinen Kopf gegen einen Baum. Nun steht er mit Tränen in den Augen im Büro seiner Therapeutin Heike Baumann-Conford. Ahmed zittert, als er ihr den gelben Umschlag in die Hand drückt. Wie ein Übel, das er schnell loswerden will. 

 "Jetzt setzen Sie sich erst mal und trinken Sie einen Schluck Wasser. Noch ist nichts verloren," sagt Baumann-Conford zu ihm. Sie macht alles gleichzeitig, gibt Ahmed das Gefühl, dass er nicht allein ist, greift zum Telefon und ruft Anwälte an, einen nach dem anderen. Es ist Ferienzeit, das macht es nicht leichter. Sie blättert Ahmeds Unterlagen auf Lücken durch, nichts fehlt. Heike Baumann-Conford nimmt ihren Schützling an die Hand und versucht ihn hinauszuführen aus dem Tief, aus dem er allein nie herausfände.

Ahmed ist suizidgefährdet. Ein- bis zweimal pro Woche trifft er sich mit Baumann-Conford. Sie ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin bei der Flüchtlingsorganisation Refugio in München. Ihr erzählt Ahmed wie es ihm geht, ihr erzählt er immer wieder seine Geschichte. Eine Geschichte, die, wie er sagt, viele syrische Flüchtlinge erzählen könnten.

 

Er rüttelt an der Tür, dann bricht er zusammen

2003 ist Ahmed 19 Jahre alt und will seine Schwester im Libanon besuchen. An der Grenze halten ihn die Beamten auf: Ahmed ist wehrpflichtig, aber er will nicht zur Armee. Er trägt hüftlange Haare und einen Ohrring. Die Grenzbeamten schlagen ihn zusammen und bringen ihn ins Gefängnis. Nach drei Tagen springt er beim ersten Hofgang über die Mauer. Als er endlich, viel zu spät, bei seiner Schwester ankommt, ist das Haus leer. Er rüttelt an der Tür, dann bricht er zusammen. Auf der Treppe vor dem Haus hat er die erste Panikattacke seines Lebens. "Da habe ich zum ersten Mal keine Luft mehr bekommen. Ich musste so schlimm weinen, wie nie zuvor ", sagt Ahmed.

Ahmed starrt durch seine Therapeutin hindurch

Während Ahmed erzählt, wird sein Blick immer wieder leer. Er starrt durch seine Therapeutin hindurch oder durch den raumhohen Papyrus in der Ecke. Er kann dann kaum weitersprechen.

Baumann-Conford, hilft, will ihn zurückholen in die Welt, mithilfe eines Wasserglases. Trinken Sie einen Schluck, sagt sie, und Ahmed nippt gehorsam. Es sei so schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, sagt Ahmed. Nicht alles durcheinander zu bringen.

Ein typisches Symptom bei traumatisierten Flüchtlingen. Alles Erlebte verschwimmt, die Erinnerung wird trüb. Viele Jahre können so verschwinden, Bedeutsames geht unter. Ahmed muss grübeln, wenn er sagen soll, wie alt seine Kinder sind.

*Name geändert