Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve hat den Angriff auf einen Thalys-Schnellzug als terroristischen Akt bezeichnet. Der 26-jährige Verdächtige soll zur radikalislamistischen Bewegung gehören, sagte Cazeneuve. Der Festgenommene habe sich als marokkanischer Staatsbürger ausgegeben. Falls sich diese Identität bestätige, sei er den französischen Behörden im Februar 2014 von ihren spanischen Kollegen als mutmaßlicher Islamist gemeldet worden.  

Der Mann hatte am Freitag in dem Schnellzug von Amsterdam nach Paris mit einer Kalaschnikow geschossen, bevor er von Fahrgästen überwältigt wurde. Dabei wurden zwei Menschen schwer verletzt. "Die Untersuchung soll sehr genau den Werdegang und die Bewegungen dieses Terroristen nachvollziehen", kündigte Cazeneuve an. Der Mann selbst hatte terroristische Absichten gegenüber den Ermittlern zuvor zurückgewiesen.

Drei Reisende aus den USA hatten den mit einem Sturmgewehr bewaffneten Mann überwältigt. Der Angreifer hatte einen anderen Fahrgast angeschossen und einen weiteren mit einem Messer verletzt. Der Zwischenfall ereignete sich am Freitagnachmittag in Belgien, der Thalys-Zug wurde danach in das nordfranzösische Arras umgeleitet. Anti-Terror-Spezialisten ermitteln. 

Einer der Amerikaner, der Student Anthony Sadler, sagte der Nachrichtenagentur AP, sie hätten plötzlich einen Schuss und das Geräusch von splitterndem Glas gehört und einen Zugbegleiter gesehen, der vor einem mit einem Sturmgewehr bewaffneten Mann davonlief. Seine Freunde seien dann auf den Angreifer losgegangen. "Spencer war als Erster bei ihm, packte ihn und Alek entwand ihm das Gewehr", sagte Sadler. Der Bewaffnete habe ein Teppichmesser gezückt und einen seiner Freunde damit verletzt. "Wir drei schlugen auf ihn ein, bis er bewusstlos war."

Zwei der Männer aus den USA sind Angehörige der US-Streitkräfte. Ein weiterer Passagier, ein 62-jähriger Brite, habe geholfen, den Angreifer zu fesseln. Einer der US-Amerikaner habe sich um einen aus einer Halswunde blutenden Reisenden gekümmert, der zuvor von dem Angreifer mit einer Klinge verletzt worden sei. Er habe habe die Blutung der Wunde an der Kehle gestoppt, bis Rettungssanitäter eingetroffen seien.

Drei der vier Männer, die den Angreifer überwältigt haben, zeigen in einem Restaurant in Arras ihre Medaillen, die sie für ihren Einsatz erhalten haben: Anthony Sadler aus Pittsburg (Kalifornien), Aleck Sharlatos aus Roseburg (Oregon) und der Brite Chris Norman. © Pascal Rossignol/Reuters

Einer der drei US-Amerikaner, Alek Skarlatos, berichtet im Interview mit dem Fernsehsender Sky News, dass das Sturmgewehr des 26-jährigen Angreifers geklemmt habe. Er habe die Waffen an sich genommen, nachdem sie den Angreifer überwältigt hatten. Dabei habe er festgestellt, dass der Mann zuvor versucht habe, den Abzug zu betätigen. "Er wusste nicht, wie er das reparieren sollte", sagte Skarlatos, der erst vor kurzem von einem Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt ist. "Wir hatten unglaubliches Glück. Ich möchte nicht daran denken, wie  es hätte ausgehen können, wenn die Waffe dieses Mannes richtig funktioniert hätte." Skarlatos berichtet auch, dass der Angreifer während der ganzen Aktion kein einziges Wort gesprochen habe.     

Der Fernsehsender CNN veröffentlichte ein Video, das Szenen nach den Schüssen zeigen soll. Darauf ist zu sehen, wie ein Mann mit nacktem Oberkörper am Boden liegt, seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Außerdem ist ein Mann mit einer Verletzung im Nacken zu erkennen. Auf einem der Zugsitze steht eine Waffe, bei der es sich um ein Sturmgewehr handeln könnte.

US-Präsident Obama spricht von "heldenhafter Aktion"

Das amerikanische Verteidigungsministerium bestätigte, dass ein US-Militärangehöriger bei dem Zwischenfall verletzt worden sei. "Die Verletzung ist nicht lebensgefährlich", sagte ein Sprecher. US-Präsident Barack Obama wurde über den Vorfall und das Eingreifen der drei Amerikaner informiert und sagte anschließend, auch im frühen Stadium der Ermittlungen sei "klar, dass ihre heldenhaften Aktionen eine bei weitem schlimmere Tragödie verhindert haben".

Belgiens Ministerpräsident Charles Michel sprach von einem Terrorangriff. Er berief noch für Samstag eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrats ein. In dem Gremium tagen die verantwortlichen Minister und Vertreter von Sicherheitsbehörden. Michel hatte für Belgien bereits verstärkte Sicherheitsmaßnahmen angekündigt, war dabei aber nicht ins Detail gegangen. Die belgischen und französischen Behörden arbeiteten eng zusammen, sagte der Sprecher der belgischen Staatsanwaltschaft.      

Zurzeit wird der 26-Jährige von der SDAT-Einheit der französischen Polizei, die sich der Terrorismusbekämpfung widmet, in Levallois-Perret (Hauts-de-Seine) unweit von Paris vernommen. Er hat terroristische Absichten bestritten, wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeikreise berichtet. Der Mann habe mit dieser Aussage die Ermittler aber nicht überzeugt. Der Mann habe keine Papiere bei sich gehabt, schreibt die französische Zeitung Le Monde. Deshalb werde seine Identität noch überprüft. 

Angreifer könnte Verbindungen zum IS gehabt haben

CNN berichtet unter Berufung auf eine Geheimdienstquelle, der 26-jährige Marokkaner sei europäischen Behörden zur Terrorismusbekämpfung bekannt gewesen. Er sei für seine radikalen dschihadistischen Ansichten bekannt. Eine zweite Geheimdienstquelle, auf die CNN sich beruft, berichtet, dass der Mann den französischen Geheimdiensten bekannt war. Es sei wahrscheinlich, dass er mit dem "Islamischen Staat" (IS) sympathisiere. Ob und wie er mit dem IS verbunden sei, müsse aber noch geprüft werden.  

Die spanische Zeitung El País schreibt, der 26-Jährige sei im vergangenen Jahr nach Syrien gereist, aber kurz darauf nach Frankreich zurückgekehrt. Die Zeitung beruft sich dabei auf Quellen in der spanischen Terrorismusbekämpfung. Der 26-Jährige habe demnach bis zum Jahr 2014 in Spanien gelebt. Dann sei er nach Frankreich umgesiedelt. 

Auch den belgischen Geheimdiensten sei er bekannt gewesen. Offenbar habe er in Verbindung zur Terrorzelle in Verviers gestanden, die im Januar, kurz nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo, aufflog. Das schreibt die belgische Zeitung Le soir. In der Gruppe im ostbelgischen Verviers hatten sich Syrien-Rückkehrer versammelt, die Anschläge auf Polizisten geplant hatten. 

Der Angriff ereignete sich am Freitagabend gegen 17.45 Uhr, als der Zug des Unternehmens Thalys durch Belgien fuhr. Am Samstagmorgen trafen die Reisenden erheblich verspätet in Paris ein. Sie wurden auf dem Gare du Nord von Betreuern der Bahngesellschaft SNCF empfangen, die ihnen Essen und Trinken anboten und dabei behilflich waren, Taxis und Hotelzimmer zu finden.

Die vier Männer, die den Angreifer überwältigt haben, werden in den kommenden Tagen im Elysée-Palast empfangen. François Hollande wolle ihnen "Frankreichs Dankbarkeit"ausdrücken, teilte Innenminister Bernard Cazeneuve mit. Hollande habe bereits mit einigen der Männer telefoniert und ihnen für ihren "außergewöhnlichen Mut" gedankt.