Horst Lohmeyer steht in den Trümmern seiner Scheune, die schwarzen Balken schwelen noch immer. Unter seinen Lederstiefeln knirscht der Traum, den er und seine Frau Birgit sich seit elf Jahren aufgebaut haben: dieses Grundstück, hier im Örtchen Jamel in Mecklenburg-Vorpommern, keine 15 Kilometer entfernt von der Ostsee.

In der Nacht zum vergangenen Donnerstag ist es zum Albtraum geworden. Kurz nach Mitternacht hämmert ein Feriengast der Lohmeyers an die Haustür. Ein Feuer, draußen auf dem Hof. Da schlugen schon hohe Flammen aus der Scheune, die nur fünf Meter vom Wohnhaus entfernt ist. Tagelang hatte es nicht geregnet, das Reetdach wurde binnen Minuten zum Feuerball. Die Fenster im Wohnhaus der Lohmeyers barsten. Später wird der Feriengast der Polizei von einem Mann erzählen, den er durch die Dunkelheit hat weglaufen sehen.

Schwerins Staatsanwaltschaft geht auch deswegen von Brandstiftung aus. Waren es Neonazis? Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek sagt: "Wir wollen und können keine Spekulationen über politische Motive anstellen. Aber natürlich kennen wir Jamel." 

Das Dorf ist seit Langem bekannt dafür, dass die Nazis nicht nur klammheimliche Sympathien genießen, sondern die Mehrheit der Einwohner stellen. "Wir haben Jamel aufgegeben", sagte schon 2007 der damalige Ortsbürgermeister Uwe Wandel. Jamel war schon Treffpunkt für Neonazis aus ganz Europa, es gab Wehrsportfeste und Grillfeste zum Geburtstag von Adolf Hitler, es gab NS-Propaganda und Waffenfunde.     

Wer sich heute nach Jamel verirrt, der tut das unter den wachsamen Augen einer Dorfgemeinschaft, die an eine Sekte erinnert. Die Lohmeyers erzählen von Kindern, die ihren Arm zum Hitlergruß heben, in den Vorgärten hängen Reichskriegsflaggen an den Mästen. Am Straßenrand steht ein Wegweiser: 855 km bis nach Braunau am Inn, der Geburtsort von Adolf Hitler. Eigentlich hatte das Verwaltungsgericht Schwerin das Schild im Jahr 2011 verboten. Doch wen interessiert hier, was ein Gericht in der Stadt sagt? Jamel liegt in einer Talsohle abseits aller Hauptstraßen. Hier kommt nur ganz selten jemand vorbei. Auch die Polizei ist fast nie hier.  

Heute ist das anders. Horst und Birgit Lohmeyer stehen jetzt unter Polizeischutz. Vor der Auffahrt zum Grundstück der beiden lehnt ein Polizist an seinem Streifenwagen. Die Staatsanwaltschaft verspricht, mit Hochdruck zu ermitteln.   

Im Jahr 2004 kündigten die Lohmeyers – er ist Musiker, sie Schriftstellerin – ihre Wohnung im Hamburger Stadtteil St. Pauli und zogen in die Mecklenburger Provinz. "Wir wollten abgeschieden leben", erzählt Horst Lohmeyer. Von den Neonazis hatten sie damals schon gehört. "Aber wir dachten, wir kriegen das irgendwie hin mit denen." Grillen, Musik, Bier, Nachbarschaftshilfe, das würde sie schon irgendwann verbinden.          

Die Jungs fürs Grobe

Damals kannten sie Sven K. noch nicht, einen vorbestraften Neonazi, der als Kopf der Jamelner Gruppe gilt. Er und seine Kameraden betreiben im Ort eine Abrissfirma. Auf dem Tor steht: "Wir sind die Jungs fürs Grobe."   

Die Lohmeyers zogen in ein Haus, das nur wenige Meter von K.s Haus entfernt steht. Schnell merkten die beiden, wo sie gelandet waren. Reifen wurden ihnen zerstochen, mehrmals brannte ihr Briefkasten. Immer wieder sind sie seitdem mit ihren Nachbarn aneinandergeraten, sie sind bedroht und beleidigt worden.   

Wenn Birgit Lohmeyer, so erzählt sie, ihren Wagen aus dem Hof auf die Dorfstraße setzt, stehen da manchmal die Nachbarn und winken. Stumm und lächelnd. Die Lohmeyers warten dann und schauen zurück, bis sie aufhören zu winken. Manchmal dauert das Spiel minutenlang.

Die Jamelner halten zusammen gegen die Lohmeyers

Trotz der Einschüchterungsversuche veranstalten die Lohmeyers ab 2006 jedes Jahr das Musikfestival "Jamel rockt den Förster". Gäste aus ganz Deutschland kommen dafür auf ihren Hof. Das Motto: Für Demokratie und Toleranz.  

Die bekennenden Neonazis Tino S. und Sven K. besuchten das Festival 2009 spät in der Nacht. Birgit Lohmeyer erinnert sich: "Wir haben uns gefühlt wie in einem Verhör. Die beiden haben uns über unsere Vergangenheit ausgefragt." Bis heute das letzte Gespräch zwischen den ungleichen Nachbarn.

Und nun der Brandschlag. "Wir dachten eigentlich, dass wir uns durch unsere Arbeit mit der Presse einen gewissen Schutz erarbeitet hatten." Dabei sind auch solche Gewaltakte nichts Neues in Jamel. Mindestens zwei Mal wurden seit der Wende in dem Dorf Häuser angezündet, offensichtlich, um Andersdenkende zu vertreiben. 

Horst Lohmeyer vor den verbrannten Überresten seiner Scheune. © Paul Middelhoff

In Jamel hat der Brand außer den Lohmeyers offenbar auch niemanden erschrocken. In der Tatnacht waren binnen Minuten Tanklastzüge in der Auffahrt der Lohmeyers eingetroffen, Blaulicht und Martinshorn machten die Nacht zum Tag. Doch alle Fenster, sagt Horst Lohmeyer, seien dunkel geblieben. Auch am Tag nach dem Brand kam niemand, um sich bei den Lohmeyers zu erkundigen. Jamel hält zusammen gegen die Lohmeyers.   

Schon am Morgen nach dem Brand kursierten in rechten Internet-Foren Gerüchte, die Lohmeyers hätte ihre Scheune selbst angezündet. Der Vorwurf: Versicherungsbetrug. Horst Lohmeyer lacht darüber. "Als hätten wir das Ding hier versichert."

In der Scheune hatten die Lohmeyers unter anderem Bänke und Tische für ihr Festival gelagert. © Paul Middelhoff

Dafür gibt es Trost und Zuspruch aus ganz Deutschland. "Wir haben seit heute morgen Hunderte E-Mails bekommen. Die Leute sagen, wir sollen uns nicht unterkriegen lassen", sagt Birgit Lohmeyer. "Es würde sich auch falsch anfühlen, jetzt zu gehen." Auch das Festival soll stattfinden, obwohl Bierbänke und Pavillons für das "Rock den Förster"-Festival in Flammen aufgegangen sind.

Und dann sind die Lohmeyers wieder allein mit ihren Nachbarn. Am Ende der Straße sitzen vier Jamelner auf ihrer Veranda und vespern. Zwei Männer, glatzköpfig, und zwei Frauen, blondiert. Einige Meter entfernt steht etwas, das wie eine Reichskriegsflagge aussieht. Die vier winken zum Abschied, stumm und lächelnd.  

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es im Text "...Kinder heben den Arm zum Hitlergruß..." ohne Nennung der Quelle. Die Familie Lohmeyer hat unseren Reportern davon erzählt. Das haben wir nun in der Reportage kenntlich gemacht.

Politisch motivierte Gewalt ereignet sich in ganz Deutschland. Wo noch im ersten Halbjahr 2015 erfahren Sie in diesem Video.