Der Berliner Sozialsenator ist stolz darauf, bislang keine Zelte für Flüchtlinge aufgestellt zu haben. "Die haben wir in Berlin nicht und sollen auch vermieden werden", sagt Mario Czaja (CDU). Dafür haben in Berlin manche Flüchtlinge gar kein Dach über dem Kopf. Sie campieren um die Erstaufnahmestelle in der Hauptstadt, weil sie teils tagelang darauf warten müssen, dass ihre Nummer aufgerufen wird und sie ihren Antrag auf Asyl stellen können.

Als Ende vergangener Woche die Temperatur auf fast 40 Grad stieg, eskalierte die Lage. Es gab nicht genug Wasser und Nahrung, den Menschen fehlte es am Nötigsten. Die chaotischen und teils menschenunwürdigen Bedingungen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin-Moabit sorgten bundesweit für Schlagzeilen. Kurz darauf machten die Lageso-Mitarbeiter in einem Brandbrief ihre Überlastung und Frustration öffentlich. So kam der Druck auf die politisch Verantwortlichen von zwei Seiten. Es musste etwas passieren, dringend.

Der Berliner Senat reagierte und präsentierte nun ein Konzept für das Flüchtlingsmanagement. Eine Mischung aus bereits geplanten und neuen Maßnahmen wie der Ausbau von Unterkünften, bessere Möglichkeiten für Bildung und Ausbildung oder Gesundheitsversorgung. Neu gebildet wird ein Koordinierungsstab, in dem alle Behörden zusammenarbeiten. Dadurch sollen Probleme schneller angegangen und die katastrophale Lage vor dem Lageso beendet werden.

Beamte im Ruhestand könnten herangezogen werden

Der Krisenstab soll auch Mitarbeiter anderer Verwaltungen zur Flüchtlingsarbeit einsetzen können. Sozialsenator Czaja will auch für eine zeitweilige Rückkehr von Beamten im Ruhestand werben. Wer den Koordinierungsstab leiten wird, ist nach Angaben des Senats noch offen. Das Gremium klingt ein wenig nach einem Machtwort des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), der seinem Sozialsenator nicht genug Durchsetzungsfähigkeit zuzutrauen scheint.

Berlin ist durchaus kein Einzelfall: Die rapide steigenden Flüchtlingszahlen überfordern die Behörden, Politiker und Verwaltung sind nicht vorbereitet und müssen spontan reagieren. In Berlin zum Beispiel kamen lange Zeit 1.500 Flüchtlinge im Jahr an. Noch 2013 waren es 6.000, ein Jahr später bereits doppelt so viele. In diesem Jahr waren es allein im Juli 5.000, der Senat rechnet mit rund 35.000 Flüchtlingen im gesamten Jahr.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat bereits angekündigt, seine Prognose von 450.000 Flüchtlingen im Jahr 2015 für ganz Deutschland anheben zu wollen. Glaubt man Czajas Berechnungen, müssten es um die 700.000 sein.

"Es hat sich eine Situation entwickelt, die so nicht absehbar war", sagt der Berliner Bürgermeister zur Entschuldigung. Damit hat Müller durchaus recht, und es ist auch eine merkwürdige Haltung, zu erwarten, dass diese Probleme innerhalb kürzester Zeit befriedigend gelöst werden könnten. Zusätzliche Mitarbeiter müssen eingestellt, Unterkünfte gebaut oder gefunden und bewohnbar gemacht werden.

Mit diesen Problemen kämpfen die Behörden in Bayern, Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Berlin gleichermaßen. Im Fall der Hauptstadt kommt noch hinzu, dass viel mehr Flüchtlinge registriert werden müssen als bleiben: Nach dem Verteilungsschlüssel muss Berlin 5 Prozent aller Asylbewerber aufnehmen, in der Hauptstadt kommen aber rund 15 Prozent an. Die werden jedoch erst nach ihrer Registrierung in der Erstaufnahmestelle Lageso weitergeschickt.

Hotels wollen keine Flüchtlinge neben den Gästen

Vor dem Lageso hat sich die Situation trotzdem etwas verbessert. Verantwortlich dafür ist allerdings weniger die Politik als engagierte Nachbarn und Hauptstadtbewohner, die sogenannte Zivilgesellschaft. In der Initiative Moabit hilft haben ehrenamtliche Helfer Essens- und Wasserversorgung sowie Kleider- und Sachspenden organisiert, damit es den Flüchtlingen nicht mehr am Nötigsten fehlt.

"Ich wusste nicht, dass es solche Zustände auch in Deutschland gibt", sagt Yasmin. Die 22-Jährige wohnt in Moabit und kannte solche Bilder nur aus dem Fernsehen, aus Ländern wie Syrien, der Türkei oder Griechenland. Nun kümmert sie sich um die Betreuung der wartenden Kinder und ist enttäuscht von der Politik. "Wären die Berliner nicht so engagiert, würden hier Leute umkippen", sagt sie.

Dass einige der Menschen hier keine Unterkunft finden, kann sie bestätigen, sogar wenn sie Gutscheine für Hotels von der Behörde bekommen. "Ich habe selbst bei Hotels in Moabit angerufen, auch bei großen Ketten", sagt Yasmin. Aber die akzeptierten die Gutscheine nicht, nur Bargeld. Schuld daran soll die schleppende Bezahlung durch die Behörde sein. Manche Hotels wollen offenbar auch keine Flüchtlinge in den Nachbarzimmern ihrer Gäste haben.

Die Lage sei angespannt, aber keine Krise

Wer von den Hunderten Menschen auf dem Lageso-Gelände schon wie viele Stunden oder Tage wartet, ist ihnen nicht anzusehen. Die Menschen stehen am rot-weißen Absperrgitter, sitzen auf Mauern, Wiesen, Decken oder stehen in kleinen Gruppen herum. Menschen, die auf ihre erste Registrierung als Asylbewerber warten, ebenso wie Flüchtlinge, die bereits eine Unterkunft haben und sich nun monatlich melden müssen oder einen Krankenschein brauchen.

Hider Zulkarnain aus Pakistan hat am Morgen eine Nummer mit dem Versprechen auf einen Termin noch am Dienstag bekommen. Ein Flüchtling aus Eritrea wartet mit seinen beiden Begleitern bereits den zweiten Tag in Folge und muss am Mittwoch vielleicht wiederkommen. Immerhin hat er eine Unterkunft in Spandau und muss nicht, wie andere, unter freiem Himmel übernachten.

Trotz der dramatischen Lageso-Situation glaubt die Berliner Politik, die Probleme bewältigen zu können. Die Lage sei angespannt, eine Krise sei es aber nicht, sagen Senator Czaja wie Bürgermeister Müller. Berlin fordert wie auch Bayern oder Baden-Württemberg die Anerkennung weiterer Balkanländer als sogenannte sichere Herkunftsländer, weil die Flüchtlinge von dort in den meisten Fällen kein Asyl bekommen würden.

Von dem bayerischen Vorstoß, für Menschen vom Balkan eigene Unterkünfte einzurichten, halten Müller und Czaja allerdings nichts. "Wir müssen menschenwürdige Unterbringungen für alle Flüchtlinge gewährleisten, egal woher sie kommen", sagt Müller und fordert stattdessen ein Einwanderungsgesetz. "Wir haben ein internationales Problem, das auch international oder mindestens national angegangen werden muss." Müller will nicht nur Geld vom Bund, sondern strukturelle Hilfe wie neue Gesetze und mehr Personal.

Ein neuer Bund-Länder-Gipfel für den Herbst ist bereits geplant. Bis dahin muss Berlin seine drängendsten Probleme erst einmal selbst lösen.