Es ist ein kühler Spätsommerabend im Stuttgarter Schlossgarten: Ein Mann spielt Ziehharmonika, ein Kind jagt den Ball. Unter einem Baum liegen Pappteller bereit: gegrillte Steaks, dazu Paprikastreifen, dünn geschnitten. Zeit fürs Abendessen. Etwas entfernt schläft ein Paar, gewärmt von einer bunten Wolldecke. Noch ist es hell, noch dürfen die Menschen das. Später werden vielleicht wieder die Polizisten kommen. Und ihnen sagen, dass man hier nicht übernachten darf, mitten in der Innenstadt.

Der junge Mann, der sich Loi nennt, findet die deutsche Polizei eigentlich ganz in Ordnung. Die machten wenig Stress, sagt er. Seine Leute und er müssen nachts den Park verlassen, meist kommen sie irgendwann wieder. Am frühen Morgen sind die bunten Wolldeckenhügel zurück. Einer der Polizisten spricht Rumänisch. Er hat ihnen gesagt, sie sollten besser zurück in ihre Heimat gehen.

Loi gehört zu einer Gruppe von 20 bis 40 Roma, die derzeit im Stuttgarter Schlossgarten lebt. Der junge Mann mit dem grauen Kapuzenpullover und dem ernsten Blick weiß nicht, dass am Vormittag seinetwegen wieder einmal ein Krisenstab von Vertretern der Polizei, der Stadt und des Ordnungsamts getagt hat. Er weiß nicht, dass einige Stuttgarter alarmiert sind, weil er und die anderen plötzlich da sind und nun auf der gepflegten Wiese zwischen Landtag und einem Fünf-Sterne-Hotel wohnen. Loi weiß auch nicht, dass sich der Hotelbesitzer über ihn und seine Leute beschwert hat, die den Aperól-Trinkern auf den Terrassen den Blick verderben. Dass Passanten den vielen Müll beklagen, der nun angeblich auf der Wiese liegt. Dass die Lokalpresse über die "Roma-Clans" berichtet, dass es Gerüchte gibt, die Familien würden sich an öffentlichen Brunnen waschen. 

Mit 14 begann seine Reise

Vielleicht ahnt er, dass sie nicht willkommen sind. Doch er ist nicht argwöhnisch, nur ein bisschen verwundert über den abendlichen Besuch an seiner Wohnung, hier unter dem freiem Himmel. Der Besuch, das sind Florin Zaheu vom Deutsch-Rumänischen Forum Stuttgart und Veronika Kienzle, die grüne Bezirksvorsteherin von Stuttgart Mitte. Loi kümmert sich schon längst nicht mehr um sein Steak. Er beantwortet geduldig die Fragen, er gestikuliert und sucht den Blickkontakt.

19 Jahre sei er alt, Rumäne und schon viel herumgekommen. Mit 14 habe er angefangen, zu reisen, durch Polen, Frankreich, Italien, Spanien, immer wieder zurück in seine Heimat Transsilvanien. Unter freiem Himmel zu schlafen ist er gewöhnt. Er suche Arbeit, sagt Loi. Als Rom werde er in der Heimat diskriminiert und habe dort keine Zukunft.

Stuttgart sei sein erstes Mal in Deutschland. Alle hier auf der grünen Wiese stammten aus einem Dorf. Sie hätten einen Tipp bekommen, dass es Jobs geben soll im Wirtschaftswunderland Baden-Württemberg, dass es hier schon andere Roma geschafft hätten. Seitdem leben sie im Schlosspark, wenige Meter von der wuseligen Haupteinkaufsstraße entfernt. Vier Monate sind es schon, sagt Loi. Um ihn haben sich seine Leute geschart und hören zu. Die Roma scheinen sich darüber freuen, dass endlich einmal jemand fragt.

Florin Zaheu ist überrascht, dass die Gruppe im Stuttgarter Park überhaupt mit ihm redet. Zaheu, ein verbindlicher Mann mit kariertem Hemd und langem schwarzen Pferdeschwanz, ist auch Rumäne, er lebt seit 25 Jahren in Deutschland. 1990 führte ihn die Liebe nach Magdeburg, nach der Wende fand er Arbeit als Heizungs- und Servicetechniker in Stuttgart.  

"Verrichten der Notdurft nicht gestattet"

Normalerweise organisiert er mit seinem Verein Feste und Musikveranstaltungen, um die rumänischen Traditionen zu pflegen. Doch die Stadtverwaltung ruft ihn auch an, wenn sie jemanden brauchen, der Rumänien kennt oder Rumänisch spricht. 150.000 Rumänen leben in Baden-Württemberg, viele profitieren davon, dass sie seit 2013 freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben. Die rumänischen Einwanderer gelten als gut integriert und es nervt sie, immer mit der Minderheit der Rom gleichgesetzt zu werden, von denen viele in Armut leben und manche keinen festen Wohnsitz haben. Gleichzeitig berichten Roma wie Loi, dass die Rumänen sie in ihrer Heimat schlecht behandeln. Es ist also nicht einfach mit den beiden Volksgruppen. Zaheu hat dennoch nicht gezögert, als man ihn fragte, ob er nicht helfen könne im Schlossgarten. Das sieht er als seine Bürgerpflicht.

Es ist das erste Mal, dass die Menschen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt so eine direkte Begegnung mit EU-Einwanderern haben. In Berlin gab es schon vor ein paar Jahren Aufregung, weil Roma-Familien im Sommer in den Kreuzberger Parks schlafen. Aus der Hauptstadt und auch aus Duisburg hört man von abbruchreifen Häusern, in denen Familien zu Wuchermieten wohnen. Die CSU nennt die Roma aus Bulgarien und Rumänien "Armutsmigranten" und beklagt einen angeblichen Missbrauch der europäischen Freizügigkeit. Aber sie sind EU-Bürger, sie dürfen sich in Deutschland niederlassen. Sie dürfen natürlich tagsüber im Park sitzen und Ball spielen. Sie dürfen dort nur nicht übernachten. 

Das grün regierte Stuttgart versucht es nun mit einer freundlichen Zermürbungstaktik. Im Schlossgarten, wo 2011 der Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Gegner eskalierte, soll kein Fehler gemacht werden. Und so hat ein runder Tisch mit Vertretern von Polizei, Stadt und Ordnungsamt sich vergangene Woche über eine Liste von "ordnungsrechtlichen Maßnahmen in den Schlossgartenanlagen" gebeugt: "Nächtigen nicht gestattet in der Zeit von 20.00 Uhr bis 06.00 Uhr" steht da. Oder: "Verrichten der Notdurft: Nicht gestattet."  Ein Verstoß kostet 30 Euro. Das sollen die Roma wissen. Die Idee der Stadtverwaltung ist nun, dass Zaheu und andere Helfer gemeinsam mit dem Ordnungsamt zu den Roma im Stadtpark gehen und ihnen die Liste auf Rumänisch vorlesen. Zaheu glaubt nicht wirklich, dass es irgendetwas verändern wird. Aber einen Versuch ist es wohl wert, sagt er.