Sex auf Evangelisch – Seite 1

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Unverschämt schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah. Lesen Sie hier, weshalb die Evangelische Kirche in Deutschland ihn nicht veröffentlichte.

Sexualität ist eine der schönsten und intensivsten Erfahrungen menschlichen Lebens. Nur was einen so leidenschaftlich ergreifen kann, was eine solche Kraft entfesseln kann, kann auch die Verzweiflungen und Zerstörungen bewirken, die viele Menschen aus ihrem Liebes- und Geschlechtsleben kennen. Weil mit Sexualität sowohl Liebe als auch Lust verbunden sind und sich hier Menschsein von seiner intensivsten Seite zeigt, kann sich Dankbarkeit einstellen. Wenn in der Sexualität ein Stück Himmel erfahrbar ist, weil wir hier Erfahrungen des Angenommenseins, des Einsseins leiblich erleben, dann kann man, selbst wenn Leidenschaft potenziell Leiden schaffen kann, als Erstes sagen: Gott sei Dank dafür.

Das jesuanische Wort, dass der Sabbat um des Menschen willen gemacht sei statt umgekehrt (Mk 2,27f.), ruft die moralische und ethische Beurteilung von Sexualität dazu auf, bodenständig zu bleiben und gerade so den Menschen nahe zu sein, wie es Gott selbst in seinem Sohn geworden ist. Wenn der Menschensohn – also kein anderer Mensch oder kein anderes Gesetz – Herr über den Sabbat ist, dann bedeutet dies: Regeln gilt es nicht um ihrer selbst willen zu beachten, sondern weil sie das mitmenschliche Zusammenleben ermöglichen, bewahren und fördern sollen. Das Jesus-Wort fordert mithin auch dazu auf, Regeln dann infrage zu stellen, wenn sie zu reinen gesellschaftlichen Konventionen zu erstarren scheinen oder spätestens wenn sie sich als lebensfeindlich oder entwürdigend erweisen.

Fruchtbar im weitesten Sinne

Die zunehmende gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung vor allem der homosexuellen Orientierung und Lebensform sowie die langsame Öffnung des sexualethischen Diskurses über Homosexualität und Zweigeschlechtlichkeit in der evangelischen Kirche haben insgesamt zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit in der Auseinandersetzung und Bewertung differenter sexueller Lebensentwürfe beigetragen. Vor allem erwiesen sich Positionen, die sich mehr oder minder explizit an ethischen Kriterien wie Freiwilligkeit, Achtung der Andersheit, Chancengleichheit sowie Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortung ausrichteten, auch für Menschen mit nicht heterosexueller Orientierung als hilfreich bei der sexuellen Gestaltung ihrer Beziehungen. Gleichgeschlechtlich liebende und lebende Männer und Frauen wurden in die Lage versetzt, sich selbst mit ihrer sexuellen Identität anzuerkennen, für andere sichtbar zu werden und auf dieser Basis freiwillige Partnerschaften einzugehen. Während vormals eine nicht mit dem eigenen Fühlen identische soziale Rolle gespielt wurde oder das Selbstkonzept verheimlicht werden musste und möglicherweise neben einer heterosexuellen Partnerschaft gelegentlich homosexuelle Kontakte eingegangen wurden, kann heute eine schwule oder lesbische Orientierung zunehmend ganzheitlich gelebt werden.

Die rechtliche Anerkennung einer solchen Beziehungsweise hat konsequent mehr Partnerschaftlichkeit und Verbindlichkeit zur Folge, die sich auch darin äußern kann, Verantwortung für neues Leben, also auch Kinder, zu übernehmen. Da Sexualität aber nicht mehr als Trieb zur Zeugung von Kindern enggeführt wird, sondern im Sinne einer Lebensenergie als Ressource für Fruchtbarkeit im weitesten Sinne erlebt und kultiviert werden kann, ist sie für hetero-, homo- und transsexuelle Partnerschaften auch ohne Kinder lebensdienlich.

Dass auf dem Weg zur in diesem Sinne gelingenden Sexualität bei allen Menschen noch viel Lernen erforderlich ist und Scheitern nicht ausbleiben kann, gilt grundsätzlich auch für nicht heterosexuelle Orientierungen. Manches gelingt vielleicht sogar besser, weil es bewusster gelebt wird. Kinder aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften entwickeln beispielsweise leicht eine größere Sensibilität gegenüber Diskriminierungen aller Art, weil sie die Situation der Exklusion kennen und von ihren Eltern darauf vorbereitet wurden.

Bei vielen Ausprägungen der sexuellen Identität stehen sowohl die gesellschaftlichen Erfahrungen als auch die ethischen Reflexionen erst am Anfang einer sachgerechten und reflexiven Beurteilung. Aber auch angesichts dieser Besonderheiten gelten die genannten Beziehungswerte und Kriterien evangelischer Sexualethik, die unabhängig von physischen Gegebenheiten des manifestierten Geschlechts bedeutsam sind.

Die Trendwende setzt sich durch

Mit Blick auf die Beurteilung sexueller Orientierungen und deren theologischer sowie gemeindepraktischer Bedeutung lassen sich in der jüngeren Vergangenheit deutliche Tendenzen zu einer Liberalisierung und zur Anerkennung einer selbstbestimmten Sexualität in den evangelischen Landeskirchen verzeichnen. Diesen Öffnungen sind wichtige Debatten vorausgegangen: So war 2010 die Diskussion entbrannt, ob gleichgeschlechtlich lebende Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnerinnen und Partnern gemeinsam im Pfarrhaus leben dürfen, wie es das veränderte Pfarrdienstgesetz plötzlich offiziell ermöglichte. 2013 hat die vom Rat der EKD veröffentlichte Familien-Orientierungshilfe "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken" eine breite Debatte angestoßen, inwieweit sich die evangelische Kirche – und mit ihr die Gesellschaft insgesamt – anderen Lebensformen als der Ehe gegenüber öffnen darf.

Zeitgeist, was sonst?

Mit dem von der Orientierungshilfe erarbeiteten kriterialen Zugang hat die EKD deutlich gemacht, dass auch Menschen in anderen Lebensformen in ihrem familialen Zusammenleben gewürdigt und unterstützt werden sollen. Insbesondere die Tatsache, dass damit auch homosexuelle Menschen in ihrem Bemühen um ein liebevolles, fürsorgendes Miteinander eine neue Form der Anerkennung in der Kirche erfahren, ist in konservativen Kreisen auf heftigen Widerstand gestoßen. In der Konsequenz der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der ethischen Überlegungen zur sexuellen Orientierung haben viele evangelische Landeskirchen dennoch mittlerweile begonnen, auch die Kasualpraxis für gleichgeschlechtliche Paare zu verändern.

Nach einer Phase, in der Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare eher verschämt im kirchlichen Hinterkämmerlein erfolgen mussten und nur stillschweigend geduldet wurden, sind immer mehr evangelische Kirchen in die Offensive gegangen: Sie geben gleichgeschlechtlichen Paaren ganz offiziell die Möglichkeit, ihre Beziehung unter den Segen Gottes stellen zu lassen. Sie haben liturgische Vorschläge für die Segensfeier entwickelt und sie dem Traugottesdienst für heterosexuelle Paare vergleichbar an die Seite gestellt. Was damit anerkannt wird, sind – mit einer Nuancierung der vorher entfalteten Kriteriologie – die Bedeutung und das Recht von Andersheit und von Chancengleichheit in der Sexualität. Vermeintliche heterosexuelle "Normalbiografien" dürfen, wie immer mehr evangelische Christinnen und Christen finden, auch in der evangelischen Kirche nicht zum Maßstab für das Angebot der geglaubten Zusage und des Segens Gottes gemacht werden. Auch im Wissen darum, dass emotionale und historisch gewachsene Widerstände in den Gemeinden oft lange brauchen, um abgebaut zu werden, entscheiden sich evangelische Kirchen zunehmend dafür, offensiv die wissenschaftlich und theologisch nicht haltbare Ausgrenzung von Menschen anderer sexueller Orientierung abzubauen.

Die immer größere Selbstverständlichkeit, mit der sich zum Beispiel die Initiative "Homosexuelle und Kirche" Gehör verschafft oder mit der auf Kirchentagen Themen wie Inter- und Transsexualität aufgegriffen werden, dokumentieren in anderer Hinsicht diese Trendwende in der evangelischen Landschaft. Der meist sehr lautstarke Protest von konservativer oder evangelikaler Seite lässt diese Trendwende öffentlich nicht immer so deutlich wie möglich werden – aufhalten kann sie sie freilich nicht. Denn diese Neuperspektivierung reiht sich ein in die vielfältigen kirchlichen Bestrebungen zur Inklusion von Menschen in ihrer Verschiedenheit. Immer brauchte es Zeit, bis etwa Frauen die gleichen Rechte in der Gemeinde erhielten wie Männer, bis zum Beispiel gottesdienstliche Barrieren für Menschen mit Behinderung abgebaut oder Kinder als Gemeindeglieder ernst genommen wurden.

Gottesdienst zu Valentin

Für eine Kirche, die sich vom Wort Gottes her versteht, ist die Verkündigung als gemeindliche Aufgabe zentral. Wenn Sexualität in Gottesdienst und Predigt thematisiert wird, muss dies nicht stets in Form einer Problematisierung geschehen. In der Praxis der kirchlichen Verkündigung können die evangelischen Gemeinden darum verstärkt die leib- und sexualfreundlichen biblischen Texte ins Spiel bringen. So manche evangelische Gemeinde hat zum Beispiel in jüngerer Zeit den Valentinstag entdeckt: In besonderen Gottesdiensten können Paare ihre Liebe, die eben auch eine körperliche Seite hat, feiern; sie können dafür danken und dafür bitten.

Nicht selten versuchen die Gemeinden mit anschließendem Candle-Light-Dinner, mit Liebesfilm-Kino oder Tangoabenden der Sinnlichkeit des Miteinanders auch noch auf andere Weise Raum zu geben. Keineswegs muss sich eine körpersensible, sexualitätsfreundliche Verkündigung aber auf solche Anlässe, auf Valentinstage, Trau- oder Segnungsgottesdienste, beschränken. Auch der Sonntagsgottesdienst bietet sich bisweilen als Ort an, so sensibel wie unverkrampft Fragen der Sexualität aufzugreifen und ethische Orientierung zu geben.

Zeitgeist, was sonst?

Zweifellos folgt auch dieses evangelische Bemühen, Menschen mit anderer sexueller Orientierung freundlich in der Gemeinde willkommen zu heißen, dem gesellschaftlichen Zeitgeist. So mancher Kritiker wirft der evangelischen Kirche vor, sich damit billig der Gesellschaft an- zubiedern, was kurzschlüssig ist. Denn sofern hoffentlich auch im Zeitgeist der Heilige Geist wehen kann, lässt sich diese Veränderung auch als Zeichen einer ethisch verantworteten Neubewertung verstehen.

Das gilt jedenfalls dann, wenn mit einer andere nicht schädigenden sexuellen Orientierung eine Dimension der Menschenwürde geschützt wird. Wo dies geschieht, ist die Gesellschaft, und mit ihr Politik und Recht, der Kirche einfach einen moralisch gebotenen, klugen und lebensdienlichen Schritt voraus gewesen – und die Kirche darf von diesem Zeitgeist um ihrer eigenen Botschaft willen lernen.

Peter Dabrock, Renate Augstein, Cornelia Helfferich und andere: "Unverschämt schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah." Gütersloher Verlagshaus 2015, 176 Seiten, 14,99 Euro. Erscheint am 24. August.