Mit einem Quietschen kommt der Eurocity aus Verona zum Stehen. Dann geht alles ganz schnell. Die Türen fliegen auf, junge Männer aus Syrien, Eritrea, Libyen, springen heraus, wetzen, kleine Rucksäcke fest auf den Rücken geschnallt, über den Bahnsteig. Hinter ihnen, im Süden, liegen die Berge Italiens, vor ihnen, im Norden, Österreich, und dann irgendwo Deutschland. Am Ticketautomaten übersetzt Ali, ein Ägypter, der seit vielen Jahren in Brenner lebt, den Bahnhof kennt und sich ehrenamtlich um die Flüchtlinge kümmert, die Zielorte. Die Auswahl geht schnell: München Hauptbahnhof, nur Hinfahrt. Ali drückt den Männern die Tickets in die Hand, los los, ruft er und deutet auf den wartenden Zug. Dann herrscht für wenige Minuten Ruhe am Brenner-Bahnhof. Bis der nächste Zug einrollt.

Im August sind erstmals innerhalb eines Monats mehr als Hunderttausend Flüchtlinge in Deutschland angekommen. Vor allem zwei Hauptrouten führen die Menschen ins Land. Auf der ersten Route, in Ungarn, campieren seit Tagen Tausende Menschen nach ihrer Reise über den Balkan vor dem Budapester Ostbahnhof. Sie warten auf die Weiterreise nach Westen, vergeblich. Der Brennerpass auf der zweiten Hauptroute ist eine der wichtigsten Durchgangsstationen für Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Süditalien und Nordeuropa kommen. Viele versuchen es über die Autobahn. Die meisten aber mit der Bahn. Um diese Reisenden zu kontrollieren, hat sich Italien zu einem ungewöhnlichen Schritt bereit erklärt: die Grenzkontrollen am Brenner wieder aufzunehmen, zumindest zeitweise.

Zollbeamte, Soldaten, die Carabinieri

Brenner, Brennero, dieser denkwürdige Grenzpass, auf 1.370 Metern zwischen dem österreichischen Tirol und der italienischen Provinz Südtirol gelegen, war schon immer eine der wichtigsten Strecken des Alpentransits. Und der wohl meist passierte Sehnsuchtsort Europas: In der Bronzezeit überquerten Händler und Kuriere den Pass, im Mittelalter zogen deutsche Kaiser und Könige hindurch, später stationierten hier Künstler und Literaten auf ihrem Weg gen Süden, Goethe etwa, der in Brenner einen Rasttag einlegte, bevor er von hier aus seine berühmte Italienreise antrat. 1867 wurde die Brennerbahn eröffnet, rund 100 Jahre später, im November 1963, die Autobahn freigegeben. Mit Österreichs EU-Beitritt 1995 verschwanden die bewachte Grenze, die Schlagbäume und Kontrollposten – und all jene, die Brenner seine Existenzberechtigung verschafften: Zollbeamte, Soldaten, die Carabinieri. Seither donnern die Autos ohne Halt vorbei. Und auf dem Bahnhof wurde es ruhig. Bis vor einigen Wochen.

Bis zu 200 Menschen kommen derzeit täglich am Bahnhof Brenner an. Deshalb arbeiten die Helfer von Volontarius, einer Hilfsorganisation mit Sitz in Bozen, rund um die Uhr. Sie versorgen die Ankommenden mit Essen, Wasser und Medikamenten oder weisen ihnen den Weg zu den Gleisen, an denen die Züge nach Norden starten. Denn die Menschen, die in Brenner ankommen, wollen Italien meist so schnell wie möglich wieder verlassen. "Keiner der Flüchtlinge verlässt freiwillig den Bahnhof", sagt ein Helfer, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Niemand will in Brenner bleiben. Hier gibt es keine Arbeit für sie, keine Zukunft."

Tatsächlich wirkt Brenner, einst glitzerndes Versprechen mit blinkenden Wechselstuben und voll besetzten Cafés, inzwischen wie ein Un-Ort: zwei Kirchen, ein Friedhof, eine Bank, ein paar kleine Läden, Weinhandlungen, Pizzerien, hingeworfen an zwei Seiten einer schmalen Hauptstraße. Alles nur kurzzeitig belebt von den wenigen Durchreisenden. Dutzende Läden stehen zum Verkauf, die Fenster der verwaisten Wohnhäuser sind mit Brettern zugenagelt, dahinter wuchert das Gras. Mit der Grenze verschwanden Infrastruktur und Arbeitsplätze, mit der Einführung des Euro und dem Angleichen der unterschiedlichen Preisniveaus blieben auch die Brennerfahrer aus Nordtirol weg, die sich einst in Italien mit billigen Essenswaren und Kleidung versorgten.