Die Ängste der Deutschen stecken in einer dicken blauen Mappe. Unterteilt sind sie in Wirtschaftsängste, Terror-Ängste, Männer- und Frauen-Ängste und sogar Wessi- und Ossi-Ängste sind darin zu finden. Es gibt auch einen bundesweiten Angstindex. Der zeigt, ob Deutschland sich heute mehr oder weniger fürchtet als im Jahr zuvor.

Was ist los mit unserem Land? So sehr grämen wir Deutschen uns, dass die R+V-Versicherung jedes Jahr die Ängste der Republik vermessen lässt – um hineinzuhorchen in die geplagte Seele ihrer potenziellen Kunden. Das tut sie nicht aus Sorge um Volkes Gemüt, sondern weil für eine Versicherung Angst zum Geschäftsmodell gehört. Deshalb schickt die R+V seit 25 Jahren in den Monaten Juni und Juli ein Heer von Befragern in 2.373 deutsche Wohnzimmer. Deren Bewohner müssen dann beantworten, ob sie vor dem Zerbrechen ihrer Partnerschaft große oder nur ein bisschen Angst haben. Oder vielleicht eher davor, dass ihr Kind bald in die Drogensucht abrutscht. Ein paar Wochen später veröffentlicht das Unternehmen dann seine neue Studie, Dutzende Seiten stark. Bunte Grafiken, triefend vor Angst.

Auf Platz eins: Griechenland. 64 Prozent der Befragten sorgen sich, dass sie als Steuerzahler die hohen Kosten der Euro-Schuldenkrise zahlen müssen. Auf Platz zwei steht mit 53 Prozent die Angst vor Naturkatastrophen, mit 52 Prozent dicht gefolgt von der Angst vor Terroranschlägen. Die hat im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent zugenommen, wohl wegen der Anschläge auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo und den Schreckensmeldungen vom Vormarsch des "Islamischen Staats". Mit Ausnahme der Angst vor hohen Steuern unterscheiden sich die Deutschen bis hierher wohl nicht maßgeblich von ihren Nachbarn.

32 Prozent der Befragten fürchten sich vor Arbeitslosigkeit

Dann aber, im Mittelfeld der Ängste, wird es spannend. Hier präsentiert sich Deutschland als Sonderling, hier ist die German Angst zu Hause. So fürchten sich 40 Prozent vor einer schlechteren Wirtschaftslage – und das, obwohl Deutschland im ersten Halbjahr 2015 Haushaltsüberschüsse von mehr als 21 Milliarden Euro eingefahren hat. Weitere 48 Prozent haben Angst, dass die Lebenshaltungskosten künftig steigen könnten. Dabei sind beispielsweise die Lebensmittelpreise und Wohnkosten in Deutschland verglichen mit Staaten wie England, Frankreich oder den Niederlanden niedrig. Nur in Sachen Arbeitslosigkeit scheinen die Deutschen sich langsam zu entspannen. 32 Prozent der Befragten fürchtet sich davor, im Jahr 2005 war der Wert noch doppelt so hoch.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen auch, wie tief die Deutschen durch die dramatisch ansteigenden Asylbewerberzahlen verunsichert sind. Jeder zweite fühlt sich dadurch überfordert. Die Hälfte der Befragten (49 Prozent) hat Angst vor den gesellschaftlichen Spannungen, die in ihren Augen durch den Zuzug von Ausländern entstehen. Auch fürchtet einer von zwei Bundesbürgern (49 Prozent), dass es künftig vermehrt zu politischem Extremismus kommt.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Deutschlands Frauen werden furchtloser! Nachdem die Männer in der Befragung der R+V-Versicherung jahrelang positiver antworteten als die Frauen, liegen die beiden Gruppen nun fast gleichauf.

Hingegen hat sich die Kluft zwischen Ost und West noch einmal verbreitert: Die Ostdeutschen fürchten sich deutlich mehr als ihre Mitbürger aus dem Westen. Besonders die Themen Arbeitslosigkeit, Lebenshaltungskosten und Altersarmut machen ihnen Angst. So kommt es, dass ganz vorne im Ranking Rheinland-Pfalz und Saarland als furchtloseste Bundesländer stehen. Und ganz hinten die drei Ost-Länder Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen.