Ferand, 33, sitzt vor der Erstaufnahmestelle in Berlin-Moabit. Seit sieben Tagen wartet sie mit ihrem Mann und der vierjährigen Tochter darauf, dass sich ihr Mann registrieren lassen kann. Während die Männer in den stickigen Wartehallen ausharren, sitzen die meisten Frauen mit ihren Kindern draußen auf einer Decke. Die meisten Frauen hier sprechen nur Arabisch. Glücklicherweise findet sich unter den ehrenamtlichen Helfern ein Übersetzer. Ferand ist angespannt und zugleich zuversichtlich – zum ersten Mal seit fünf Jahren.

 "Ich weiß nicht, ob die Deutschen so erzogen werden, oder ob es einfach ihre Art ist, aber hier begegnen wir Menschen mit Herz. In allen Ländern der EU, durch die ich reisen musste, wurden wir wie Dreck behandelt. Endlich nimmt uns ein Land wieder als Menschen wahr. Deutschland ist so stark, menschlich und ökonomisch. Allein die Tatsache, dass sich die Bundesregierung nicht mehr an die Dubliner Vereinbarung hält, imponiert mir sehr.

Das war in Ungarn ganz anders. Weil ich nicht wusste, dass ich meine Fingerabdrücke auch in einem anderen Land hätte abgeben können, bin ich leider dort registriert. Ich mache mir große Sorgen, zurückgeschickt zu werden, aber ich habe auch Hoffnung. Immerhin stellt mein Mann seinen Asylantrag in Deutschland. In Ungarn wurden wir so schlecht behandelt und die Polizei war uns Flüchtlingen gegenüber sehr aggressiv. Ich habe mich dort immer wieder gefragt: Ist das Europa? Bin ich wirklich schon da?

Für meinen Mann und mich war es wichtig, dass wir nicht jahrelang auf die Entscheidung über unseren Asylantrag warten müssen. Deshalb wollten wir nach Deutschland. Wir haben von anderen Flüchtlingen gehört, dass es hier viel schneller geht als in den meisten anderen Ländern der EU. Und ich wollte unbedingt in ein sicheres Land, mit einer stabilen Zivilgesellschaft. Deutschland wirkte auf mich als Außenstehende immer so verlässlich.

Ich bin vor vier Monaten über die Türkei nach Griechenland geflohen und über die Westbalkanroute nach Deutschland gekommen. Es war eine schreckliche Odyssee. Diese Reise ging mir und meiner Tochter an die Substanz. Wir haben 15 Tage gebraucht, um von der Türkei nach Griechenland zu kommen und von dort aus weitere 15 Tage bis nach Berlin. Meine Tochter und ich leben seitdem in einer Unterkunft in Berlin-Spandau.

Bevor der Krieg ausbrach, hatten wir ein gutes Leben in Syrien. Aber nachdem Assad sich gegen sein eigenes Volk gestellt hat, wurde es für uns immer schwieriger. Vor allem weil mein Mann zur syrischen Opposition gehört hat. In Aleppo steht eigentlich kein Stein mehr auf dem anderen. Es gibt dort leider keine Zukunft mehr für uns.

Mein Mann ist vor sieben Tagen in Deutschland angekommen. Er konnte nicht mit uns fliehen, weil er mit seiner Truppe über Monate hinweg von den Regierungstreuen eingekesselt war. Gott sei Dank ist er jetzt auch hier.

In Aleppo, meiner Heimatstadt, war ich Musiklehrerin. Meine erste Berührung mit der deutschen Kultur war für mich etwas ganz Besonderes. Wir machen mit unserer Gruppe im Flüchtlingsheim manchmal Ausflüge in eins der umliegenden Theater. Was mir noch besser gefällt ist die deutsche Opernmusik. Ich finde sie wirklich unglaublich schön. Wir haben in den letzten vier Monaten auch in der Unterkunft viel gemeinsam gesungen und den anderen Bewohnern kleine Vorführungen gegeben. Das hebt meine Stimmung jedes Mal aufs Neue und hilft mir auch beim Deutschlernen.

Ich möchte so schnell wie möglich Deutsch lernen, damit ich auch wieder arbeiten kann. Aber wir müssen gerade kurzfristiger denken. Wenn mein Mann seinen Antrag abgegeben hat, können wir uns darum kümmern, dass wir wieder zusammen leben dürfen. Das ist das nächste Ziel: ein Zimmer für uns drei.