Langsam füllt sich am Sonntag der Parkplatz neben dem Wiener Praterstadion. Der Platz ist der Treffpunkt für einen Konvoi, der ein Fanal des zivilen Ungehorsams setzen will. Schienenersatzverkehr und Autos der Hoffnung nennen die Initiatoren ihre Idee: Entschlossene Bürger sollen mit ihren Privatwagen nach Ungarn aufbrechen und dort Flüchtlinge, die sich auf den Marsch nach Österreich gemacht haben, einladen und nach Wien schleusen. Eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt haben sich rund 150 Fahrzeuge versammelt und reihen sich hintereinander auf, es sind auch deutsche Autos aus München oder Berlin dabei. Einige haben auf dem Dach Transportboxen befestigt, die mit Hilfsgütern gefüllt sind.

Mit einem Mal setzt sich die Blechschlange in Fahrt. Die Polizei lotst den Konvoi der Fluchthelfer durch das Stadtgebiet zur Auffahrt der Autobahn A4, die zur ungarischen Grenze führt. Begleitet von euphorischen Twitter-Nachrichten brummen die Autos zur Grenzstelle Nickelsdorf, die in den vergangenen Tagen einer der Brennpunkte des großen Exodus aus Ungarn war.

Ausgegangen war der Plan, den restriktiven Umgang der Ungarn mit Flüchtlingen zu unterlaufen, von einem politisch aktiven Freundeskreis, der sich selbst Eventgruppe nennt. Zu diesem Zeitpunkt schockieren die Fernsehbilder vom Chaos vor dem Budapester Ostbahnhof und den langen Flüchtlingskarawanen, die über die Fernstraßen gen Österreich ziehen. Manche humpeln auf Krücken, andere werden im Rollstuhl geschoben. Eltern schleppen ihre Kleinkinder, die sie an die Brust gepresst haben.

Bürger wollen helfen

Es bedürfe einer "Hydra der Menschlichkeit", meint Kurto Wendt, einer der Initiatoren des Konvois. Im digitalen Schnellzugtempo verbreitet sich die Idee. Die Ereignisse der letzten beiden Wochen haben in Österreich, so wie auch in Deutschland, eine Hilfswelle aus den Reihen der Zivilgesellschaft ausgelöst. Als die ersten Züge mit Tausenden von Flüchtlingen auf dem Wiener Westbahnhof eintreffen, organisieren sich spontan viele Helfer über die sozialen Netzwerke und verteilen an ankommende Flüchtlinge Wasser, Nahrungsmittel und Hygieneartikel. Während sich die Ereignisse ständig überschlagen, rückt der Staat immer mehr in den Hintergrund. Die Krise wird nun von der österreichischen Bundesbahn, Hilfsorganisationen und humanitärem Aktivismus gemanagt.

In alle diese Privataktivitäten passt der Plan mit dem Flüchtlingskonvoi perfekt. Schon in der Vergangenheit sind 200 oder 300 Flüchtlinge von unerschrockenen Helfern ganz diskret über die Grenze geschleust worden. Die Idee der individuellen Fluchthilfe ist nicht ohne Risiko. In Österreich gilt illegaler Grenzübertritt zwar nur als Verwaltungsübertretung und kann mit einer Geldstrafe in der Höhe von mehreren Tausend Euro geahndet werden. In Ungarn ist hingegen der Versuch, Flüchtlinge außer Landes zu schleusen, eine Straftat, die zu einer Gefängnisstrafe von mehreren Jahren führen kann. Wer ertappt wird, muss damit rechen, an Ort und Stelle in Untersuchungshaft genommen zu werden. Am Samstag erwischte es etwa vier Wienerinnen, die in Untersuchungshaft genommen wurden. Nur ein diplomatischer Großeinsatz der Österreicher konnte sie dort wieder herausholen.

Die Initiatoren des Fluchthelferkonvois geben sich von der behördlichen Drohkulisse unbeeindruckt. Die Warnungen prominenter Asylanwälte, welche die möglichen Konsequenzen der Aktion in düsteren Farben ausmalen, ignorieren sie. Ziviler Ungehorsam, sagen sie, sei das Gebot der Stunde.

Verschwundene Karawane

Doch am Sonntag, als sich die Blechschlange in Bewegung setzt, sind die Helfer schon wieder von den Ereignissen überholt worden. In den vergangenen 36 Stunden hatte Ungarn seine Haltung gelockert, rund 12.000 Flüchtlinge waren bereits am Samstag in Sonderzügen in Wien eingetroffen.

Österreich ist aber nur eine Durchzugstation, nur eine Handvoll sucht hier Asyl, die meisten wollen weiterreisen – vor allem nach Deutschland. Sonntagmittag ist die Situation vollkommen unübersichtlich, angeblich soll die Flüchtlingskarawane von den ungarischen Straßen wieder verschwunden sein. Auch am Budapester Ostbahnhof wurde der Belagerungszustand offenbar aufgehoben.

Etwas ratlos trifft der Fluchthelferkonvoi am Grenzübergang Nickelsdorf ein. Verlässliche Nachrichten sind Mangelware. Niemand kann sagen, wo sich die Passagiere der Menschlichkeit befinden könnten. Zum Zeichen ihres Protests gegen die ungarische Politik wird ein Hupkonzert veranstaltet. Dann verschwinden die Autos vorläufig jenseits der Grenze.