Eigentlich wollte er den Tag mit seiner Tochter in Wien verbringen, entschied sich aber dafür, heute lieber Flüchtlingen über die ungarisch-österreichische Grenze zu helfen. Jetzt steht Philipp am kleinen Grenzbahnhof von Hegyeshalom und sieht seine Mission platzen. Der Zug aus Budapest entlässt einen Schwall Flüchtlinge auf den schmalen Bahnsteig – doch gegenüber wartet schon ein Sonderzug aus Österreich, der sie alle aufnimmt und nach Wien bringt. Am Morgen hatte sich Softwaretüftler und Familienvater Philipp vor dem Wiener Prater-Stadion 170 anderen Fahrzeugen zu einem Hilfskonvoi angeschlossen. Schienenersatzverkehr für Flüchtlinge nennen sie sich ironisch auf Facebook. Auf die ungarische Polizei war Philipp eingestellt, aber dass ausgerechnet die ÖBB ihm und den anderen Helfern einen Strich durch die Rechnung machen würde, hätte er nicht gedacht.

Wenige Stunden vorher im Zug aus Budapest: "Da kommen wirklich Autos, die uns über die Grenze helfen?" Das kann der 54-jährige Ahmed nicht glauben. Aus Syrien ist er geflohen, wie fast alle, die sich hier in den Gängen und Abteilen dieses Zuges drängen. Ungarn hat sie nicht gehindert, in die Regionalzüge Richtung Grenze zu steigen. Aber nach Tagen im Dreck des Keleti-Bahnhofs sind viele misstrauisch geworden. Würde Ungarn sie ausreisen lassen? Nachdem Ahmed lachend übersetzt, dass sie nicht nach Wien laufen müssen, singen die Reisenden im Zug "Alemania, Alemania".

Schon am Morgen, bevor Ahmed und die anderen abreisen, ist der Keleti-Bahnhof in Budapest so leer wie lange nicht mehr. Viele Flüchtlinge waren in der Nacht losgezogen oder hatten einen Platz in den ersten Zügen ergattert. Die einigen Hundert Verbliebenen planen ihre Ausreise. Fast fragend stehen Mitarbeiter einheimischer und ausländischer NGOs in der Mitte des Platzes, der vor Kurzem noch das Lager Tausender gewesen ist. Viele helfen den Flüchtlingen in die Züge. 

In Hegyeshalom steigt Ahmed mit den andern Flüchtlingen aus, ein Bahnmitarbeiter lotst sie zum nächsten Zug. Was passiert, realisiert er erst, als er auf der Anzeigetafel "Wien" liest. Erschöpft lässt Ahmed sich in die blauen Sitze des Zuges fallen, als die Türen hinter ihm mit einem Piepen zugehen.

Bahn statt Autos

Enttäuscht sind Philipp und die anderen nicht, dass die Flüchtlinge an ihnen vorbeiziehen. Es sind genug Flüchtlinge im Land, die ihre Unterstützung brauchen. Nur wo? Seit die Hilfsaktion geplant wurde, hat sich die Nachrichtenlage mehrmals überschlagen: Flüchtlinge waren zu Fuß über die Autobahn marschiert – Bilder, die viele hier bewogen haben mitzufahren –, dann kamen ihnen Busse entgegen. Schließlich ließ Ungarn die Flüchtlinge ungehindert in Regionalbahnen nach Westen ziehen.

Die Konvoi-Fahrer beschließen weiter hinein zu fahren nach Ungarn, Richtung Györ. Irgendwo dort müssen ein paar Hilfsbedürftige sein. Türen knallen, Motoren rattern. Die Kennzeichen stammen aus Deutschland und Österreich, Berlin, München, Coburg. Es fährt die gebildete Mittelschicht. Verena, die Soziologiestudentin mit Nerd-Brille aus Wien hat sich den Prius ihres Vaters ausgeborgt. Stefan trägt Jack-Wolfskin Outdoor-Klamotten und steigt in der Freizeit auf die 4.000er seiner Tiroler Heimat. Anton lenkt einen restaurierten Mercedes und erinnert mit steifem Hemdkragen und gekämmten Haaren an Charles Schubert. Sie sind politische Menschen, aber keine Polit-Aktivisten, keine NGO, keine Parteikader, keine Querulanten. Für viele ist das ihr erster bewusster Gesetzesübertritt. Ungarn hatte angekündigt, hart gegen Schleuser vorzugehen. Auch auf der Rückbank von Philipps Toyota liegt ein Zettel mit Rechtshilfe-Tipps, die am Anfang ihrer Reise verteilt wurden.

"Das schreckt mich nur bedingt", sagt er. "Keiner will auch nur einen Tag auf der Polizeistation verbringen. Aber was soll ich machen? Daheim sitzen, während Menschen leiden?" Weder eine religiöse Verpflichtung noch eine politische Idee führten ihn hier her auf die kurvige Landstraße nach Györ. Sondern: "Der pure Humanismus. Und darum ging es doch mal bei Europa." Seine jüdisch-ungarische Familie habe stets mit einem griffbereiten Pass und einem Notfallbeutel gelebt, sagt er. "Flucht war für uns immer ein Thema. Nur gingen wir davon aus, auf der anderen Seite zu stehen." Jetzt ist er derjenige, der helfen kann und tut es.

Flüchtling gesichtet!

In Györ teilt sich der Treck. Einige  halten es für klug, nach Budapest an den Keleti-Bahnhof zu fahren, und die Flüchtlinge dort einzusammeln, die noch keinen Zug erwischt haben. Inzwischen kursieren Gerüchte, wonach Tausende Flüchtlinge die serbische Grenze überschritten haben. Das sind vier Stunden Fahrt entfernt. Manche schreckt das nicht, sie rasen los. Phillip macht sich mit einem Dutzend anderer Fahrzeuge auf den Weg in einer Schleife zurück nach Österreich, um Flüchtlinge zu suchen, die angeblich auf der Autobahn umherirren sollen.

Kurz vor der Grenze rauschen Menschen am Autofenster vorbei, die verirrt durch den Grünstreifen der ungarischen Autobahn stapfen. "Flüchtlinge!", ruft Philipp, drückt den Warnblinker und zieht nach rechts. Sofort halten fünf weitere Autos mit Wiener Kennzeichen – um die drei Gestalten am Wegrand aufzulesen.

Mit zwei Flüchtlingen aus dem Irak auf seiner Rückbank geht es vorbei an Müllbergen im Straßenrand – den Überbleibseln des Flüchtlingsmarsches – und einem ungarischen Polizisten, der im Streifenwagen in einer Parkbucht, die Füße auf dem Lenkrad, auf seinem Smartphone rum tippt. "Welcome to Austria!"