Weitere Traumata von Flüchtlingen verhindern – Seite 1

Männer, Frauen und Kinder müssen monatelang nebeneinander schlafen, in Hallen, Zelten und Fluren. Duschräume und Toiletten sind oft nicht nach Geschlechtern getrennt. Es fehlen Rückzugsorte, Vorhänge, abschließbare Räume. In vielen Notunterkünften ist das die Situation.

Zahlen über sexuelle Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften gibt es bislang nicht. Aber der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Hessische Frauenrat berichteten kürzlich von sexuellen Übergriffen, Vergewaltigungen und Zwangsprostitution in der Erstaufnahme in Gießen. Ein Sprecher der Polizei Gießen konnte das nicht bestätigen, weil es entsprechende Anzeigen nicht gab. Die Lage sei allerdings schwer zu überschauen, sagte er. Die Gießener Stadträtin Astrid Eibelshäuser ist überzeugt, dass es das Ziel sein müsse, Frauen zu schützen, unabhängig von den Zahlen.

Sie sagt: "In der Erstaufnahme in Gießen haben wir aktuell 6.000 Flüchtlinge und für alle sehr beengte Verhältnisse. Es geht im Moment primär darum, alle Möglichkeiten zu nutzen, den Menschen überhaupt ein Dach über dem Kopf zu gewähren." Hessen habe aber inzwischen eine Unterkunft extra für Frauen und Mütter mit Kindern in Darmstadt eingerichtet.

Die Bedingungen in den Unterkünften alarmieren auch den Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. "Ich bin in größter Sorge, dass Flüchtlingskinder in Zeltlagern, Turnhallen oder ehemaligen Kasernen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen geschützt sind", sagte Rörig. Gemeinschaftsunterkünfte seien keine geeigneten Lebensorte für Kinder. "Intimität, kindgerechte Räume, Sprachvermittlung und Kultursensibilität sind vielfach nicht gewährleistet."

Rörig hat nun Mindeststandards gefordert, die in Flüchtlingsunterkünften gelten sollen. Dazu gehören geregelte Beschwerdeverfahren, Notfallpläne, Verhaltenskodizes und die Kooperation mit Beratungsstellen. Das Personal, ob hauptberuflich oder ehrenamtlich, müsse gewissenhaft ausgewählt werden. Mitarbeiter sollten erweiterte Führungszeugnisse vorlegen und Fortbildungen zu Prävention besuchen.

Frauen raus aus Gemeinschaftsunterkünften

Verschiedene Frauenverbände und Asylanwälte fordern bereits seit einiger Zeit, Frauen komplett aus Gemeinschaftsunterkünften herauszunehmen. Juliane von Krause, Geschäftsführerin von Stop dem Frauenhandel GmbH aus München schätzt, dass ein Großteil der allein reisenden Frauen vor und während der Flucht zu Opfern von Zwangsprostitution oder anderen sexuellen Übergriffen geworden ist. Von konkreten sexuellen Übergriffen in den Unterkünften weiß sie bisher auch nichts, aber "dass wir nichts davon wissen, heißt nicht, dass es nicht geschieht. Scham spielt oftmals eine große Rolle."

Allerdings erleben nicht nur Frauen und Kinder sexuelle Gewalt. "Dass in Bürgerkriegen auch Männer vergewaltigt werden, wissen wir spätestens seit dem Jugoslawien-Krieg", sagt Thomas Schlingmann von Tauwetter, einer Berliner Beratungsstelle, die sich explizit an Männer mit sexuellen Gewalterfahrungen richtet. Das größte Risiko liegt seiner Einschätzung nach in der Flucht selbst, während der manchmal sexuelle Handlungen erpresst würden.

Am wichtigsten findet Schlingmann, dass Flüchtlinge hier Informationen über ihre Rechte erhalten und darüber, wo sie sich Hilfe holen können. "Es gibt viele ehrenamtliche Helfer, die das Thema sexualisierte Gewalt im Blick haben. Der beste Weg wäre, ihnen Handreichungen zu geben." Die Beratungsstelle Zartbitter etwa hat gerade die Broschüre Flüchtlingskinder haben Rechte veröffentlicht, die Kinder auch ohne deutsche Sprachkenntnisse verstehen können. Sie soll Ende September in sechs verschiedenen Sprachen verfügbar sein.

Denken Flüchtlingsheim-Betreiber an sexuelle Gewalt?

Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat in diesem Jahr die für die Erstaufnahmeeinrichtungen zuständigen Innen- beziehungsweise Integrationsministerien zum Thema befragt. Laut Heike Rabe, wissenschaftliche Referentin am Institut, habe sich gezeigt, dass es meist in Erstaufnahmeeinrichtungen keine Vorgaben gebe, wie die Helfer vorgehen sollen und auch keine Präventions- oder Interventionskonzepte.

Keine Konzepte gegen sexuelle Gewalt

Stichprobenartige Anfragen von ZEIT ONLINE bei mehreren Betreibern von Flüchtlingsunterkünften bestätigen das. Das Gierso Boardinghaus in Berlin, das in der Hauptstadt fünf Flüchtlingsheime betreibt, sagt, die Sozialarbeiter seien zwar geschult, sensibilisiert und angehalten, Auffälligkeiten nachzugehen, man schätze das Risiko aber als gering ein. Sie hätten bisher auch keine Konzepte "im Konsens erarbeitet", die sich speziell auf sexuelle Gewalt beziehen.

Die European Homecare, mit 100 Flüchtlingsheimen der Big Player im privaten Sektor der Flüchtlingsunterbringung und durch gewalttätiges Wachpersonal in Burbach in die Kritik geraten, sagt, man habe "keine institutionalisierte Praxis explizit in Bezug auf sexuelle Übergriffe", aber "eine hohe Awareness". Das Unternehmen verlange auch von Ehrenamtlichen ein erweitertes Führungszeugnis.

Fördern und wohnen, städtischer Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Hamburg, sanktioniere entsprechendes Verhalten von Bewohnern, indem man sie in eine andere Einrichtung verlegt beziehungsweise die betroffene Person aus der Gefahr nehme. Neue Mitarbeiter müssten ein einfaches Führungszeugnis vorlegen.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat ausführliche Empfehlungen ausgesprochen. Heike Rabe hält es in der aktuellen Lage für am dringlichsten, Frauen- und Kindern eigene Räume zur Verfügung zu stellen und sie etwa über das Bundeshilfetelefon zu informieren, bei dem sofort Dolmetscher dazugeschaltet werden können. Es sei aber wichtig, von den Betreibern Gewaltschutzkonzepte einzufordern. Denn das Gesamtpaket dürfe man jetzt nicht aus den Augen lassen: "Heute werden die Flüchtlingsunterkünfte für morgen gebaut."