Das Hauptquartier des Immobilienkönigs ist ein schäbiger Bau neben einem Krankenhaus, und gleich am Eingang droht die Verabredung zu platzen. Ein Mann namens "Roberto" kommt aus den Tiefen der Büroschlucht geeilt. Er grüßt freundlich, stellt sich als der Sohn des Chefs vor und herrscht die Besucher dann misstrauisch an: "Wollen Sie über den Golfsport berichten? Oder über unsere Beziehungen mit dem Bürgermeisteramt?"

Na klar doch: über den Sport!

Dann ist alles gut. Die Antwort stimmt auch: Im Reich von Pasquale Mauro, einem der größten Immobilienbesitzer von Rio de Janeiro, bin ich für einen Bericht im Magazin ZEIT Golfen gelandet. Mauro gehört  unter anderem das Gelände des künftigen olympischen Golf-Parcours, auf dem 2016 die besten Athleten der Welt aufeinandertreffen. Der entsteht ein paar Meter neben Mauros Verwaltungsgebäude im südlichen Stadtteil Barra. Ohne Mauro kann man Vorab-Besichtigungen des Golfplatzes vergessen. Doch der Besuch bei ihm ist auch sonst hoch interessant.

"Na, das haben Sie wohl selten erlebt, dass Sie jemanden interviewen, und er ist Ihnen gleich so sympathisch wie ich, was?!" Pasquale Mauro, 88 und sehr stattlich, stellt mit einem Knall seine Espresso-Tasse ab und bleibt hinter einem gewaltigen Holzschreibtisch sitzen. Leuchtend weiße Haare quellen aus seinem weit aufgeknöpften Hemd, sie wachsen auf seiner Oberlippe und liegen in Strähnen auf seinem Hinterkopf.

Herr Mauro, sind Sie zufrieden mit dem Fortschritt an Ihrem olympischen Golfplatz? "Den will ich fertigstellen und endlich damit aufhören, ständig noch mehr Geld in dieses Loch zu werfen!" blafft der zurück. Eine "soziale Kontribution" leiste er da, eine gute Tat für die Natur und die Bevölkerung. "Bezahlt machen wird sich das nie."

Naja: Eigentlich ist Pasquale Mauro nicht der Typ, der sich auf ein schlechtes Geschäft einlassen würde. Als Kind von sechs Jahren kam er einst nach Brasilien, seine Familie stammte aus einem ärmlichen Teil Kalabriens, aber diese Zeiten hat er hinter sich gelassen. Ab und zu bemüht er sich im Gespräch um italienische Worte: "Madonna!" ruft er dann und ringt mit den Händen, aber das war’s dann schon. "Ich kann Italien nicht ausstehen", knurrt er, als er entdeckt, dass der ZEIT-Fotograf aus Rom stammt. "Italien hat mir nichts gegeben. Wir waren dort arm. Ach was: Elendig waren wir! Wir hatten kein Land, um irgendetwas anzupflanzen. Wir mussten unsere Kuh verkaufen, dann hatten wir auch keine Milch mehr."

Der Zustand hat nicht lange angehalten. Mauro sagt, er habe so ziemlich alles getan, um Geld zu verdienen, sogar Lotteriescheine am Straßenrand verkauft. Bald entdeckte er, dass ihm das Geschäftemachen lag. Er gründete Firmen, 20 Unternehmen sind es nach seiner Rechnung gewesen, vom Obstverkauf bis zur Plastikherstellung. Er kaufte in abgelegenen Teilen von Rio de Janeiro, in die man damals noch mit einem Boot fahren musste, spottbillig erste Grundstücke.

Eine Betonlandschaft für die aufstrebenden Mittelschichten

"Im Alter von 19 Jahren habe ich meinen ersten Immobiliendeal abgeschlossen", berichtet er. "Die Region Barra liegt heute im Herzen von Rio – das habe ich damals schon vorausgesehen, ich war damals der einzige." Er kaufte noch viele Grundstücke dort – lange, bevor die Stadtviertel rings um Barra durch Tunnel und Überführungen erschlossen wurden. Sie wuchsen zu einem Eldorado für die rasch aufstrebenden Mittelschichten heran, denen Mauro & Co. eine Betonlandschaft im Look von Miami hinstellten.

Mauro hat den Ruf, äußerst ruppig mit Geschäftspartnern genauso wie mit Widersachern umzugehen. Bis heute läuft eine Welle von Anzeigen und Klagen gegen ihn, unter anderem auch in Sachen Olympiagolfplatz – wo die Besitzverhältnisse zeitweise ungeklärt waren und wo Mauro verdächtig schnell die Genehmigung erhielt, ein Naturschutzgebiet voller Alligatoren und Wasserschweine zu verkleinern. Mauro bestreitet alle Vorwürfe. "Die Leute greifen mich immer an, meinen Erfolg im Leben", sagt er. "König von Barra werde ich genannt? Bin ich nicht. Ich besitze hier Grundstücke."

Pasquale Mauro sieht sich selber als einen Selfmade-Man. Als Unternehmer der alten, harten Schule. Ihm sei nichts geschenkt worden. "Ich bin kein Spekulant", sagt er. "Ich habe viel Grund und Boden gekauft – und ich lasse ihn niemals brach liegen!" Das Geschäftsprinzip von Pasquale Mauro lautet: In jedes Grundstück muss investiert werden, und dann muss eine Verwendung dafür gefunden werden, damit es für ihn laufenden Gewinn abwirft. Gelände besitzen und einfach auf höhere Preise warten lehnt er ab. Mauro wird übrigens schwer dafür kritisiert, dass er am Ort des heutigen Golfplatzes, mitten in der Stadt, jahrelang mangels Baugenehmigung eine Sandgrube betrieb. Dann fand er eine lukrativere Nutzung.

Guter Draht zum Bürgermeister

2016, im Olympia-Jahr, wird dann wohl der große Jackpot auf Mauro warten. Die Spiele finden überwiegend in Barra statt. Dann blickt die Welt auf das Stadtviertel, das der Einwanderer einst erschloss, und wo ihm so viel gehört. Der Bürgermeister – mit dem sich Mauro bestens versteht – hat für die Spiele die Bahn-, Bus- und Straßenanbindungen modernisiert. Mauro hat für sich herausgehandelt, dass er gleich neben dem Olympia-Golfplatz 22 Hochhäuser voller Luxuswohnungen bauen darf. Sie werden schon unter Namen wie "Riserva Golf" vermarket.

Mit Golf, sagt Mauro zum Abschied, könne er selber nichts anfangen. "Mein Leben ist der Arbeit gewidmet, nicht dem Golfspielen", erklärt er, nicht mal ein Teil der feinen Gesellschaft wolle er sein.

Ihn, Pasquale Mauro, könne man bis heute irgendwo auf der Welt mit einem Fallschirm absetzen. Niemand müsse sich Sorgen machen um diesen alten Mann. "Solange ich auf Menschen treffe, werde ich Geld verdienen", sagt er zufrieden.