Da liegt er unterschriftsreif auf dem Tisch, der Untermietvertrag, ein möbliertes Zimmer in einem Altbau in Berlin-Charlottenburg, zentrale Lage, aber ruhig, 340 Euro im Monat, kalt. Mohammed Battal zieht die drei DIN-A4-Blätter aus der Klarsichthülle. Er fasst sie so vorsichtig an, als habe er Angst, sie könnten knicken oder es könnte sonst irgendetwas passieren, dass der Deal in letzter Sekunde doch noch platzt.

Es ist ein feierlicher Moment, als er den Vertrag unterschreibt. Heinrich, sein Vermieter, hat Tee eingeschenkt und Kekse serviert. Er lebt schon seit 30 Jahren in dieser Vierzimmerwohnung, seine beiden Töchter sind hier groß geworden. Jetzt ist Heinrich Rentner, seine Frau ist tot und die Kinder sind längst ausgezogen. Die Wohnung ist viel zu groß für ihn, aber Heinrich will hier nicht raus. Er hat jetzt ein künstliches Kniegelenk und verbringt viel Zeit zu Hause. Und als ihm seine Bekannte Margret von Mohammed erzählte, da hat Heinrich, der Altlinke mit WG-Erfahrung, gesagt: "Okay, schick den Jungen mal vorbei."

Jetzt sitzt er am Tisch in seiner Küche, der neue Mitbewohner. Heinrich hat feines Porzellan aus dem Schrank geholt, "das gute Tirschenreuther, für besondere Anlässe". Es ist so still, dass man hört, wie der Kugelschreiber übers Papier kratzt. Auf diesen Moment hat Mohammed Battal fast ein Jahr lang gewartet. Er ist 31 und Arzt aus einer Kleinstadt im Norden Syriens.

Es war der x-te Anlauf, eine Wohnung zu finden. Ein Spießrutenlauf. Manche Vermieter legten mitten im Telefongespräch auf, andere sagten, sie wollten keine Ausländer. Mohammed sagt, am schlimmsten sei das Vorstellungsgespräch bei einer Wohnungsgenossenschaft gewesen. Er zog seine Aufenthaltserlaubnis aus dem Portemonnaie, eine kleine Chipkarte, die ihn als Nr. Y01Y8YPOL ausweist, eine Trumpfkarte, so dachte er. Das "Sesam, öffne dich!" Doch die Frau von der Genossenschaft schien das nicht zu beeindrucken. Sie kritisierte, sein Deutsch sei mangelhaft. Dabei spricht er die fremde Sprache mittlerweile recht gut. Sie sagte: "Wenn du in Spanien kein Spanisch sprichst, schläfst du auf der Straße." Er zuckt mit den Schultern, als er die Geschichte erzählt. Solche Leute gibt es eben. Er hat gelernt, die Kommentare nicht persönlich zu nehmen. Anfangs habe er nachts noch oft wach gelegen und darüber gegrübelt. Aber diese Nächte werden seltener. Er ist jetzt seit über einem Jahr in Berlin. Ein Rucksack mit Büchern und ein paar Klamotten, das war alles, was er dabeihatte. Und sein Smartphone, der heiße Draht zu seiner Familie, mit WhatsApp, Facebook und Skype.

Hinter Mohammed liegt eine filmreife Odyssee: mit dem Schlauchboot nach Griechenland, in einem Lkw nach Italien und mit dem ICE nach München, versteckt auf der Toilette. Seine Stimme stockt, wenn er von der Todesangst in dieser engen Kabine im Lkw erzählt, in der sie sich zu viert versteckten und in der der Sauerstoff langsam knapp wurde. Er sagt, in Deutschland habe er zum ersten Mal nach langer Zeit wieder richtig durchgeatmet.

Aber ankommen und ankommen, das ist nicht dasselbe. Der Stress hört auch hier nicht auf. Die Rennerei von Behörde zu Behörde, von A nach B und von B nach C und von C wieder zurück nach A. Oft hatte Mohammed das Gefühl, es gehe nicht vorwärts. Man drehe sich die ganze Zeit im Kreis. Und keiner in der Nähe, der sagt: "Komm, ich kenne da jemanden, der dir mit deinem Problem helfen könnte. Wir fragen uns einfach mal durch."

Noch lebt er in einem Flüchtlingsheim, es ist eine Platte am südöstlichen Rand Berlins, 198 Menschen aus 20 Nationen. Er teilt sich ein Zimmer mit Jovan, der kurz nach ihm aus Syrien kam, aber nach einem Jahr immer noch nicht weiß, ob er bleiben darf. Der Raum wirkt unbewohnt. 16 Quadratmeter, kahle Wände, nur ein Ladekabel hängt an der Steckdose.

Mohammed Battal hat Glück gehabt, großes Glück. Das wird ihm wieder bewusst, wenn sie dieser Tage vor dem Fernseher sitzen und die Bilder aus den Fernsehnachrichten sehen. Flüchtlinge, alles voller Flüchtlinge. Sie stehen Schlange vor den Notunterkünften. Sie campieren im Freien. Momentaufnahmen aus einem Land, von dem dieselben Menschen so ehrfürchtig sprechen, als sei es das Paradies.

"Mohammed, was denkst du, wenn du hörst, mit welchen Erwartungen die Flüchtlinge kommen?" – "Ihr werdet euch noch wundern. Angela Merkel ist doch nicht eure Mutti."